Sommer : Auf in die Ferienplanung

Der Sommer naht, und damit auch ein wiederkehrender politischer Streit: Ist der Urlaubszeitraum der Deutschen großzügig genug bemessen? Müssen es 90 Tage sein? Oder reichen auch 75?

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Voll schön. Die Tourismusindustrie will mit Minister-Hilfe eine längere Urlaubsaison durchsetzen.
Voll schön. Die Tourismusindustrie will mit Minister-Hilfe eine längere Urlaubsaison durchsetzen.Foto: dpa

Man könnte es natürlich auch so machen wie in Italien: Das ganze Volk fährt im August in die Ferien, vorzugsweise ans Meer, die Straßen sind ziemlich voll und die Strände, Hotels und Trattorien auch. Weshalb Landeskundige empfehlen: Bloß nicht nach Italien im August!

Wir Deutschen machen es bekanntlich anders – und natürlich besser. Wir wechseln uns ab am Strand und auf der Autobahn. Wenn die Italiener sich im heißesten Monat an Adria und Riviera drängeln, dann drücken viele deutsche Kinder schon wieder die Schulbank, während andere erst die Köfferchen packen. Deutschland rotiert, wenn’s in die Ferien geht. In diesem Jahr sind Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern sowie Niedersachsen früh dran, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen etwas später. Da das Rotationssystem nur nördlich der Mainlinie praktiziert wird, bilden Baden-Württemberg und Bayern wie üblich den Schluss (beim Ferienmachen natürlich). Dort endet das Schuljahr stets erst Ende Juli, Anfang August.

Das gibt freilich immer wieder Streit, und 2013 ist keine Ausnahme. Die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hat unlängst herumgemosert, das könne so nicht bleiben, der Süden müsse beim Ferienmachen flexibel werden. Die Sozialdemokratin ist neu im Amt, das mag die aussichtslose Forderung erklären, denn weder in Stuttgart noch München zeigt man die geringste Neigung, vom Bewährten abzuweichen. Im Süden hat man nämlich lange Pfingstferien, zwei Wochen immerhin, und wenn’s nicht dauerregnet wie in diesem Jahr, dann kann es dann schon recht angenehm sein fürs Reisen, zumal noch weiter im Süden jenseits der Alpen. Die Pfingstferien seien sehr beliebt, betonen die Kultusminister in München und Stuttgart, und wenn man beim Rotieren schon im Juni dran wäre, so wie jetzt eben die Berliner, dann müssten die beliebten Pfingstferien gestrichen werden. Wegen der Norddeutschen? Niemals.

Ganz eng. Stillstand im Sommer auf den Autobahnen – trotz Rotation bei den Ferienterminen.
Ganz eng. Stillstand im Sommer auf den Autobahnen – trotz Rotation bei den Ferienterminen.Foto: picture alliance / dpa

Nun aber stört ein ganz anderer Streit den Ferienfrieden zwischen den Ländern. Die Kultusminister sind mit ihren Kollegen aus den Wirtschaftsressorts aneinandergeraten. Das war fast zwangsläufig, denn die Kultusminister legen die Termine fest – und zwar in Mehrjahresplänen, welche bei Wirtschaftspolitikern nach wie vor in einem nicht so guten Ruf stehen. Bei der Durchsicht der aktuellen kultusbürokratischen Planwirtschaft ist denen aufgefallen, dass der Gesamtzeitraum der deutschen Sommerferien schrumpft. In diesem Jahr erstrecken sich die Ferien auf insgesamt 84 Tage (vom 20. Juni bis 11. September), im kommenden Jahr werden es dagegen nur 73 Tage sein, 2015 dann 78 Tage.

Das ist den Wirtschaftsministern, die auch tourismuspolitisch denken, entschieden zu wenig. Sie fordern Wachstum. Der Chef der Wirtschaftsministerkonferenz gab eine ehrgeizige Marke aus: Mit dem nächsten Siebenjahresplan von 2018 an müsse der Ferienkorridor auf 90 Tage gedehnt werden – „um den Familien Gelegenheit zu geben, vernünftig Ferien zu machen“, sagte Harry Glewe (CDU) aus Mecklenburg-Vorpommern. So verteilen sich die Massen besser, es gibt ein bisschen weniger Gedränge am Strand, auf Wanderwegen und in Museen, es herrscht ein bisschen weniger Stau, und der Tourismusbranche ist auch geholfen, weil die Hauptsaison dann länger dauert und die Auslastung besser ist. Mehreinnahmen von 100 Millionen Euro erwartet der Deutsche Reiseverband für das Hotel- und Gaststättengewerbe, wenn der bundesweite Gesamtferienzeitraum sommers länger ist.

Die Kultusministerkonferenz hat sofort zurückgeschlagen. Generell 90 Tage – das gehe nicht. Ferienplanung ist offenbar eine sehr diffizile Sache, folgt man der Mitteilung vom Freitag, die immerhin acht Kriterien nennt, nach denen die Kultusminister sich richten müssen, und Tourismuspolitik gehört nicht dazu. Nein, es geht um kontinuierliche Lernzeiträume, Prüfungsabläufe, Entspannungsphasen nach längeren Unterrichtsphasen (die mindestens sechs Wochen dauern sollen), es geht auch um Klassenfahrten und Sportwettkämpfe das Jahr über, die Länge der beiden Schulhalbjahre (wegen der formellen Anforderungen der Notengebung und Zeugniserteilung), die ordnungsgemäße Organisation zentraler Abschlussprüfungen, die Rücksicht auf Umzügler während der Sommerzeit nicht zu vergessen. Wenn Eltern und Kinder wüssten, und die Wirtschaftsminister, Hoteliers und Strandkorbvermieter, wie schwierig Ferienplanung ist: Unter Berücksichtigung all der genannten Punkte, voran natürlich der pädagogischen Belange, verspricht die KMK, im kommenden Jahr „eine in jeder Hinsicht ausgewogene Sommerferienregelung“ für die Jahre 2018 bis 2024 zu beschließen. Rollierend im Norden, wie üblich im Süden.

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