Welt : Sonne, Meer und leichtes Gruseln

Keiner wird mehr hierherkommen, haben die Leute in Giglio gedacht. Das Wrack der Costa Concordia, die Erinnerung an die Todesopfer – wer will das schon? Sie haben sich geirrt. Die Insel erlebt einen Touristenansturm wie noch nie. Besonders dieser Tage, da die Bergung begonnen hat.

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Das Albtraumschiff. Zwei- bis dreitausend Wracktouristen kommen jeden Tag auf die Insel Giglio. Alle wollen nur das eine sehen. Foto: AP
Das Albtraumschiff. Zwei- bis dreitausend Wracktouristen kommen jeden Tag auf die Insel Giglio. Alle wollen nur das eine sehen....Foto: dapd

Dass diese hellbraunen Granitklippen zum Liegen sonderlich bequem wären, hat noch niemand behauptet. Die Leute aber schreckt das nicht. In Massen kommen sie hierher. Sie breiten ihre Badetücher aus, wo immer der Fels es zulässt, sonnen sich, springen ins glasklare, türkisfarbene Wasser, schnorcheln bunten Fischen hinterher oder schauen einfach nur aufs Meer hinaus, wo unzählige Motorboote ihre Schaumspuren über die Wellen ziehen oder weiße Segelboote still vorübergleiten.

Fröhliche Szenen sind das vor der Insel Giglio – Hochsommer, Ferien und Mittelmeer, wie es idyllischer nicht geht. Im Bogen der Klippen, gleich neben dem Hafen, ist zum ruhigen Plantschen sogar ein richtiger Pool entstanden. Große Wellen kommen hier nicht herein. Dafür sorgen die gelbroten Ölsperren, die sich kilometerweit durchs Wasser ziehen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Denn draußen, keine hundert Meter vor der Badebucht, liegt in immer noch blendendem Traumschiff-Weiß das Wrack des Jahres: die Costa Concordia.

Aber wie klein sie geworden ist! Sieben Monate lang, seit der Havarie am 13. Januar, hat der Kreuzfahrtriese mit seinen 290 Metern Länge und seiner Hochhaushöhe das Bild der winzigen Insel beherrscht. Diese Woche nun ist eine bullige Arbeitsplattform vor der Costa Concordia aufgefahren, selber mehr als hundert Meter lang; turmhohe Kräne überragen das Wrack und rahmen es auch von der Landseite her ein. Derart in die Zange genommen sieht das Schiff plötzlich aus wie Spielzeug. Bei genauem Hinsehen zeigen sich gar erste Rostspuren. Es ist Zeit geworden. Die Arbeiten zur Bergung haben begonnen.

„Gut geht’s voran“, sagt Ingenieur Alessandro Vettori, der im weit aufgeknöpften weißen Hemd vor der Bar „Fausto“ an der Hafenpromenade sitzt. Auf Vettori stößt, wer sich beim Bergungskonsortium Titan-Micoperi nach dem Stand der Dinge erkundigt. Vettori gehört zur Reederei Costa, und deshalb versichert er auch in jedem dritten Satz, sein Unternehmen scheue keinerlei Mühe und Kosten, der Insel ihre Unberührtheit komplett zurückzugeben. Die Bergung, hat neulich ein italienischer Fernsehsender vorgerechnet, werde locker so teuer wie ein neues Kreuzfahrtschiff – also 400 Millionen Euro aufwärts –, aber Vettori sagt: „Das Geld war das letzte aller Kriterien.“ Und was die Arbeiten betrifft, so haben sich Reederei, Bergungsfirmen und Zivilschutz sowieso entschlossen, mit einer Stimme zu sprechen.

Fürs Erste kennt diese Geschlossenheit keine Kratzer, auch wenn die Arbeiten im Verzug sind. Ende Juli, hatte es ursprünglich geheißen, sollten landseitig so viele Betonpfähle in den Granitboden gesenkt und das Wrack mit so starken Drahtseilen an ihnen gesichert sein, dass es nicht in den nahen Meeresabgrund rutschen könne. Die Bohrungen beginnen aber erst jetzt. Man hat sich auf die Sprachregelung geeinigt, es gebe keine Verspätung. Nur hätten – zum Besten von allen – die technischen, die geologischen und die Umweltsondierungen eine „ingenieurtechnische Verfeinerung“ der Pläne nach sich gezogen. Und, so fügt Vettori hinzu, bis alle Materialien, alle Spezialisten, alle Subunternehmer beieinander gewesen seien für diese größte Bergung der Weltschifffahrtsgeschichte ...

Kürzlich bekamen die Bürger von Giglio den „endgültigen Aktionsplan“ vorgelegt. Nun wissen sie, dass es mit dem erhofften Abschleppen der Costa Concordia zum ersten Jahrestag der Havarie nichts wird. „Ende Frühjahr 2013“ lautet der neue, „definitive“ Termin, und selbst wenn das Schiff dann, aufgerichtet und umgeben von einem Schwimmreifen aus Stahlcontainern, die Insel verlassen hat, soll es noch einmal vier Monate dauern, bis der Meeresboden aufgeräumt und wieder mit ökologisch wertvollem Seegras begrünt ist.

Deshalb sieht die Insel Giglio auch noch ihre zweite Touristensaison gefährdet. Aber was heißt gefährdet? „So viele Tagestouristen wie dieses Jahr hatten wir noch nie“, sagt eine Verkäuferin von Badetextilien am Hafen. „So richtig trauen sie es sich zwar nicht zu sagen, aber alle kommen, um die Costa Concordia zu sehen.“

Die Ausflüge vom Festland auf die 15 Kilometer vorgelagerte Insel seien „ein richtiges Business“ geworden, sagt die gebürtige Wienerin Gertraud Lang-Schildberger, die seit Jahrzehnten an der Hafenpromenade Wohnungen und Häuser vermittelt. „Früher war Giglio sehr elegant, sehr ruhig, eine Sache für Einzeltouristen, für Dauermieter, die vier Wochen blieben. Giglio war auch immer viel teurer als Rimini oder Riccione drüben an der Adria. Heute kommen die Leute gruppenweise, für einen halben Tag, nur wegen der Costa Concordia.“

Anfangs hatten die Bewohner von Giglio befürchtet, der Blick auf eine Schiffsruine – diese tägliche Erinnerung an eine Katastrophe mit 32 Toten und mit Todesangst für mehr als 4200 Reisende – könnte Gäste abschrecken. Heute erzählt Lang-Schildberger, Stammkunden äußerten keinerlei Besorgnis hinsichtlich des Wracks und schon gar keine Angst vor einer Umweltverschmutzung, sondern darüber, dass die Insel überlaufen sein könnte.

„Womit wir uns dieses Los verdient haben, weiß ich nicht“, sagt Samantha Brizzi, die hochgewachsene, rothaarige Präsidentin des Tourismusverbandes von Giglio. „Was wir vordem zu wenig an Publizität hatten, das haben wir jetzt im Übermaß. Neulich hat mich ein Professor aus Oxford angerufen; dem hatten Bewohner der südatlantischen Falkland-Inseln auf der Weltkarte gezeigt, wo Giglio liegt.“

Zwei- bis dreitausend Besucher kommen Tag für Tag auf die Insel, bekleidet nur mit dem Nötigsten, was ein Badegast so braucht. Hoteliers und Geschäftsleute, sagt Brizzi, profitierten nicht davon: „Die Leute bringen ihr Picknick teils kofferweise mit, kaufen hier höchstens eine Pizza und kaum Souvenirs.“ Dafür belagern sie die Strände so dicht wie nie.

Seit Anfang Juli zieht die Inselgemeinde ein Eintrittsgeld von einem Euro bei jedem Tagesgast ein, auch – wie Bürgermeister Sergio Ortelli ausdrücklich sagte – um Wracktouristen „abzuschrecken“. Diesen Effekt hat die Gebühr eindeutig verfehlt.

Auf der anderen Seite, sagt Tourismuschefin Brizzi, werden dieses Jahr die 15 000 Betten auf Giglio erstmals nicht ausgelastet sein. 12 500 vielleicht, so rechne sie jetzt, zur Sommermitte. Mit dem Wrack aber habe der Rückgang nichts zu tun, viel eher mit der allgemeinen Wirtschaftskrise; das gehe dem benachbarten Elba genauso: „Nächstes Jahr, mit den mächtig erhöhten Steuern und der allgemeinen Unsicherheit wird der Heimatmarkt für uns noch schwieriger.“ Nur die weiterhin zahlungskräftigen deutschen Touristen, die Österreicher, die Schweizer – sie haben starke Steigerungsraten hingelegt. Sie hätten eben, sagt Brizzi, einen „Geheimtipp“ entdeckt.

Und die Insel hat Charakter bewahrt. Touristen, die in den Ständern mit Ansichtskarten wühlen, finden alle möglichen Motive: Giglios lauschige Buchten, Giglio vor Sonnenuntergang, Giglio unter dicker Schneedecke. Die Costa Concordia als Motiv aber fehlt zur Gänze. „Die wollten wir alle nicht“, schütteln die Geschäftsleute den Kopf: „Wir haben die Tragödie persönlich miterlebt. Da wollte sich keiner von uns an irgendwelchen Wrack-Souvenirs bereichern. Das fänden wir geschmacklos.“

Auf den Klippen sitzen auch drei Frauen und schauen zur Costa Concordia hinüber. Auch sie sind Tagestouristinnen, aus Sachsen und Brandenburg stammen sie, und sie sitzen anders da als der Rest: in voller Kleidung. Ihre Männer, sagen sie, „die schwimmen da im Wasser“. Sie selber aber, sie sind draußen geblieben, weil sie es „etwas komisch“ finden, genau hier zu baden, weil sie dabei „an die Opfer denken“ müssen und an das, „was die anderen durchgemacht haben“. Sie selber, erzählen die Frauen, seien schon auf Kreuzfahrt gewesen, sie könnten die Enge auf dem Schiff, die Panik durchaus nachvollziehen. „Ein Verbrechen war das“, sagt die eine, „was dieser Kapitän da gemacht hat.“

Und dann kommt, wie bei eigentlich allen, mit denen man an diesem Tag auf Giglio redet, zur Abwechslung eine Frage an den Journalisten zurück: Was ist aus dem Kapitän, aus Francesco Schettino, geworden? Nun gut: Befreit vom Hausarrest lebt der 51-Jährige weiter im Kreis seiner Familie bei Amalfi. Fotografen haben ihn auch wieder auf dem Meer ertappt – am Steuer eines kleinen, privaten Motorboots. Am 15. Oktober beginnt das Vorverfahren zum großen Strafprozess.

In der Zwischenzeit versucht Schettino offenbar auf verschiedenen Kanälen, gut Wetter zu machen. Der Bruder eines toten Besatzungsmitglieds – eines Inders, der offiziell noch als vermisst gilt – hat dieser Tage im italienischen Fernsehen erzählt, Schettino habe ihn persönlich angerufen, um über „jene Nacht“ zu sprechen und den Schmerz des Bruders mit seinem eigenen zu teilen. „Er hat mich verstanden und ich ihn“, sagte der Inder. „Schettino hat mich sogar in sein Dorf eingeladen. Ich darf kommen, wann immer ich will.“ Der junge Mann fuhr fort: „Schettino wollte mir zu verstehen geben, er sei nicht der einzige Schuldige. Es gebe da so viele Personen ... Alles müsse erst ans Tageslicht kommen.“

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