Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Hav hav“ heißt „wau wau“

Die furchteinflößenden Hunde in meinen Kinderbüchern machten „wau wau“. Die bösartige Dogge, die mir auf einem französischen Campingplatz Angst einjagte, machte „ouah ouah“.

Jens Mühling

Der schreckliche Schäferhund, an dessen Hütte ich mich im Schwedenurlaub nicht vorbeitraute, machte „bjäbb bjäbb“. Der fiese Collie-Mischling, der mir bei einer Expedition durch die russische Taiga die Hände zerbiss, machte „gaf gaf“.

Türkische Hunde machen „hav hav“. Mit türkischen Hunden verbinde ich bisher keine negativen Erinnerungen. Aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Früher oder später wird mir ein türkischer Hund etwas Schreckliches antun, da bin ich sicher. Mit Hunden hatte ich noch nie Glück.

Ich frage mich manchmal, ob lautmalerische Umschreibungen von Tiergeräuschen Einfluss darauf haben, wie man Tiere wahrnimmt. In meinen Ohren machen natürlich alle Hunde „wau wau“, unabhängig von ihrer Nationalität, weil die Bilderbuchhunde meiner Kindheit nun einmal „wau wau“ machten. Dass Tiergeräusche in anderen Sprachen anders ausgedrückt werden, erfuhr ich erst sehr viel später.

Hätte ich womöglich ein anderes, unbelasteteres Verhältnis zu Hunden, wenn das Bellen in meinen Kinderbüchern nicht „wau wau“ geschrieben worden wäre, sondern, sagen wir, „bau bau“, oder „fu fu“, oder „guffeldiguff“?

Ich werde es nie erfahren. Lautmalereien sind seltsame Wortgebilde. „Knurren“ klingt bedrohlich, „schnurren“ dagegen lieblich, obwohl beides nüchtern betrachtet ziemlich ähnlich klingt. Auch im Türkischen ähneln sich die Wörter „rlamak“ und „mırıldamak“, und wer nicht weiß, dass ersteres böse Hundelaute und zweiteres süße Katzengeräusche umschreibt, der kann es den Wörtern nicht ansehen.

Dann sind da noch die Wörter, die gar keine Lautmalereien sind, obwohl sie irgendwie danach klingen. Auf einer niederländischen Zigarettenpackung las ich zum Beispiel einmal den Warnhinweis: „Roken is dodelijk“. Ich musste lachen. „Das kann doch keiner ernst nehmen“, sagte ich zu einer niederländischen Bekannten.

Meine Bekannte verstand nicht, was ich meinte. „Sind doch fast dieselben Wörter wie im Deutschen“, sagte sie.

„Stimmt“, räumte ich ein. „Aber auf Holländisch klingen sie irgendwie – wie soll ich sagen – weniger tödlich.“

Noch weniger tödlich als das niederländische Wort für tödlich klingt übrigens das türkische Wort für tödlich: „öldürücü“. Kein Wunder, dass in der Türkei so viel geraucht wird. Vielleicht liegt es an mir, aber in meinen Ohren ähnelt das türkische Wort für tödlich der Lautmalerei, mit der Türken das Krähen eines Hahns wiedergeben: „ü-ürü-ü“.

Aber zurück zu den Hunden. Ich habe gehört, dass Hunden die Kommandos ihrer Frauchen und Herrchen im Grunde vollkommen schleierhaft sind, sie verstehen angeblich nur Bahnhof, wenn man ihnen etwas befiehlt, sie reagieren lediglich auf Tonfall und Körpersprache.

Wären Hunde in der Lage, Kinderbücher zu schreiben, würden sie den Menschen darin also vermutlich genauso beliebige Laute in den Mund legen, wie es die Autoren der Menschenbücher mit den Hunden tun. Was in den Hundebüchern die Menschen von sich gäben, würde somit nicht von der Nationalität der Menschen abhängen, sondern allein von der Wahrnehmung der Hunde. Die Menschen in den deutschen Hundebüchern würden vielleicht „bla bla“ sagen, die in den französischen „bleau bleau“, die in den schwedischen „blø blø“ und die in den türkischen „blü blü“.

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