Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Seçim kampanyası“ heißt „Wahlkampf“

Im kurdischen Kiosk an der Yorckstraße herrscht Wahlkampffieber. Die türkischen Parlamentswahlen sind zwar erst im Juni, aber schon jetzt wird im Kiosk über kaum etwas anderes mehr geredet als Prozenthürden und Listenplätze.

Jens Mühling

Beim Zigarettenholen drückte mir einer der Verkäufer neulich einen Flyer der „Halkların Demokratik Partisi“ in die Hand, der „Demokratischen Völkerpartei“. Ich war einigermaßen stolz, dass ich die zentrale Botschaft des DIN-A5-Zettels ohne Blick ins Wörterbuch verstand: „Berlin’de Demirtaş halklarla buluşuyor“ – „Demirtaş spricht in Berlin mit den Menschen“. Etwas kleiner folgte derselbe Satz auf Kurdisch: „Demirtaş li Berlinê bi celan re diciwî“.

Erst nach kurzem Stutzen begriff ich, dass der Flyer tatsächlich für einen Berliner Wahlkampfbesuch des Erdoğan-Gegners Selahattin Demirtaş wirbt: Am 29. März tritt der Mann im Estrel-Hotel an der Sonnenallee auf. „Klar, natürlich kommt der nach Deutschland“, bekräftigte der Kioskverkäufer. „Es gibt sogar eine Berliner Sektion seiner Partei – was meinst du, wo ich die Flyer herhabe?“

Dass Deutschlands türkische Diaspora selbst für kleinere Parteien ein Faktor ist, hatte ich mir nie klargemacht. Seit ich es weiß, frage ich mich, wer in den kommenden Monaten wohl sonst noch alles in Berlin um Wählerstimmen werben wird – bejubelt von den einen, beschimpft von den anderen, und gänzlich unbemerkt von Ignoranten wie mir.

Überhaupt: Man bekommt so wenig mit von den Herzensangelegenheiten, die den Nachbarn im Kiez schlaflose Nächte bereiten. Neulich zum Beispiel, in einem Gözleme-Restaurant an der Karl-Marx-Straße, blieb mein Blick an der Titelseite einer deutsch-türkischen Zeitschrift namens „Mocca“ hängen. Die Ausgabe widmete sich dem hundertsten Jahrestag des türkischen Völkermords an den Armeniern – und versprach „wissenschaftliche“ Neuigkeiten über die „Genozid-Lüge“.

Es war ein Fehler, diesen verschwörungstheoretischen Stuss nicht an Ort und Stelle zu lesen, denn als ich später online danach suchte, war auf der Website der Zeitschrift (Redaktionssitz Berlin) nichts zu finden. Stattdessen stieß ich auf das armenische Exilmagazin „HAYsociety“ (Redaktionssitz Frankfurt am Main), das zum Thema Völkermord aktuell eine Stellungnahme der Bundesregierung zitiert: Diese „prüfe“ zurzeit noch, so die Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Linken, an welchen Gedenkveranstaltungen zum Genozid man sich beteiligen werde. Logische Schlussfolgerung der Zeitschriftenmacher: „Bundesregierung verbündet sich mit Völkermördern“. Logische Ableitung daraus: „Wer aber nicht von der Anerkennung spricht, sollte über die Ukraine schweigen!“

Wer weiß, vielleicht gibt es irgendwo in Berlin einen exilukrainischen Kulturverein, der seit Tagen an einem gesalzenen Antwortbrief an die Exilarmenier feilt. Aber im Ernst: Man bekommt wirklich beklagenswert wenig mit von den Leidenschaften, die um einen herum Lebensläufe prägen, Kneipengespräche dominieren, Zeitschriften füllen.

Im Netz kursiert gerade eine ziemlich verblüffende Europakarte, in deren Ländergrenzen nicht die jeweils titelgebenden, sondern die zahlenmäßig zweitstärksten Nationalitäten verzeichnet sind. In Deutschland sind das natürlich die Türken, ebenso in Österreich, Dänemark, den Niederlanden und Bulgarien. Aber welche verborgenen Kämpfe tragen wohl die Brasilianer in Portugal aus – und welche die Portugiesen in Luxemburg? Woran verzweifeln die Marokkaner in Belgien, was treibt die Rumänen in Spanien um, worüber streiten sich die Inder in Großbritannien? Wovon träumen die Polen in Island, wovon die Polen in Litauen, Irland und Norwegen – und wovon die Deutschen in Polen?

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