Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Drei neue Theorien über die Berlinale

Schon seit Jahren beschäftige ich mich mit den Berlinale-Menschen. Im ersten Jahr war ich inspiriert von Konrad Lorenz und entwickelte die Hühnertheorie, weil es bei Berlinale-Menschen als auch bei Hühnern eine fehlende Überschneidung der Blickfelder gibt.

von
Moritz Rinke
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

Wenn man ein Huhn füttert und ihm dabei in die Augen sieht, dann hat man ein ungutes Gefühl. Das Huhn guckt einen nie an! Es guckt nach rechts und links, so als stehe dort jemand, der dem Huhn besseres Futter gibt. Trifft man einen Bekannten auf der Berlinale und fragt, wie es ihm gehe und ob es nicht sensationell sei, dass man die Knochen von Richard III. unter einem Parkplatz in Leicester gefunden habe, beginnt plötzlich sein Kopf wie beim Huhn nach rechts und links zu ruckeln, er ruft:

„Steht da nicht Shia LaBeouf??“

„Weiß ich nicht“, sage ich. „Egal mit Richard III., aber findest du es nicht auch schockierend, dass diese Woche dieser gewaltige Asteroid nur acht Kilometer an unserer Erde vorbeifliegt und auch noch der Papst zurücktritt?“, aber der Kopf zuckt schon wieder ruckartig:

„Da! Jane Fonda mit Konstantin Wecker!! Wie kommt denn der Wecker an die Fonda ran?!?“

Soweit die Hühnertheorie, die jedes Gespräch über den Weltuntergang zunichtemacht.

Im zweiten Jahr entwickelte ich eine Theorie über das Manische. Diese Theorie besagt, dass Berlinale-Menschen manisch sind, wie Menschen in Stadtbezirken, in denen es über einen langen Zeitraum zu Inzucht gekommen ist, wie zum Beispiel in Gießen, wo ich studierte. In der Weststadt von Gießen, genannt Gummi-Insel, wird manisch gesprochen. Sätze auf der Gummi-Insel wie „Mit der möchte ich auch noch stiefmalochen!“ (Sex haben) oder „Hier sind alle bili“ (betrunken) haben frappierende Ähnlichkeit mit Branchensätzen auf der Berlinale-Insel. Zum Beispiel heißt der bedeutende Movie-meets-Media-Empfang in der Branchensprache ohne jede Rücksicht auf die Sexismusdebatte „Movie meets Muschi“, wo meist auch alle bili sind und stiefmalochen wollen, aber nun kein Wort mehr davon nach Rainer Brüderle.

Nun zur dritten, sehr ernsten Theorie. Nach Kierkegaard lässt sich das Leben mit zwei Formen von Verzweiflung beschreiben: dem verzweifelten Sich-Abstrampeln in Notwendigkeiten und dem verzweifelten sich Abstrampeln in Möglichkeiten. Nun könnte man das Abstrampeln in Notwendigkeiten ja noch aushalten, denn offenbar geht’s im Leben nicht anders, aber was ist mit all den Möglichkeiten und Verheißungen, die sich dem Berlinale-Menschen bieten und die er nur unter den Hut kriegen muss, um ein erfolgreiches, segensreiches Berlinale-Leben zu führen?

Hier die Anfrage an eine Bekannte aus der Filmbranche: „Habe eine tolle Idee für großes Kino! Lass uns Kaffee trinken und sprechen!“

Ihre Antwort per SMS: „WANN??? Aperitivo Schauspielagenturen! Filmförderungsbrunch!! Cinepostbrunch! Blue hour ARD!!! Camille-Claudel-Party!!! Bunte-Party!!!! BMW- Party!!!! Revolverparty!!! Dead- Party!!!!! Cinema für peace!!!!“ Usw.

Die Berlinale ist nichts für einen Kaffee, vielleicht sogar nichts mehr für Kino, aber ganz klar ein Fall für Kierkegaard: Was machen also die Partys und Brunchs aus den BerlinaleMenschen? Überfordern sie all diese Möglichkeiten so sehr, dass sie den eigentlichen, tieferen Sinn vergessen und nur noch dem Bunten und den blue hours hinterherrennen? Ein einziges, großes Gerenne von BerlinaleMenschen, deren einziges Gesetz zu sein scheint, keine guten Filme mehr zu machen, sondern überall zu sein?

Manische Hühner, die alle ein Kierkegaard-Problem haben. Wir werden sehen, wie sich das noch weiterentwickelt.

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