Erdogan & Böhmermann - eine Luxusdebatte : Ein Nachruf auf die letzte Erregung

Komisch. Alle regen sich über die Causa Böhmermann auf. Aber das Schicksal der türkischen Intellektuellen interessiert hier nicht

Moritz Rinke
Welterreger Böhmermann.
Welterreger Böhmermann.Foto: Mike Wolff

Böhmermann, Böhmermann ..., lesen Sie trotzdem bitte bitte weiter. Denn ich hätte es nicht mehr für möglich gehalten, dass sich der türkische Präsident, mein Lieblingsfeind, tatsächlich noch zum Ausgangspunkt einer deutschen Erregungsdebatte hätte eignen können.

Bisher hat es ja hier nicht so wirklich interessiert, wie der Präsident sein Land verwüstet. Während der Gezi-Park-Proteste 2013, als er Ministerpräsident war, gab es noch eine Berichterstattungswoge als Ausläufer des Protestzyklus Occupy – Arabischer Frühling – Gezi.

In den folgenden Jahren bekam man weniger zu hören. Die türkischen Intellektuellen fühlen sich längst von Europa im Stich gelassen, viele wurden mit Berufsverbot belegt oder wahnwitzigerweise als „Terroristen“ angeklagt und weggesperrt.

Kaum Reaktionen auch auf den neuen Plan Erdogans, die Gebiete der Kurden für syrische Flüchtlinge zu reservieren (Diyarbakir); die Provinz Kahramanmaras, in der alevitische Kurden leben, soll nun Heimat sunnitischer Syrer werden! Das muss man sich mal vorstellen, unser Merkel-Deal beruht mittlerweile darauf, Lebensraum für die Flüchtlinge in den kurdischen Gebieten quasi unter EU-Flagge freizubomben. Sind die Kurden jetzt die neuen Syrer?

Korruption, Wahlfälschung, Waffenhandel

Nun kurz zu Böhmermann. Man kann Erdogan ja alles in ein Gedicht schreiben: Korruption, Wahlfälschung, Waffenhandel, Vorteilnahme, Unterschlagung, Nötigung von Verfassungsorganen, Rechtsbeugung, Bestechung, Bestechlichkeit, Völkermord, nur Huftiere „fickt“ er meiner Kenntnis nach nicht.

Der Rest ist bekannt, eine Debatte über die Freiheit der Kunst mit Döpfner und Hallervorden und allen.

Das ist wieder ein sehr deutsches Phänomen: Wie sich unser Betrieb Themen herausgreift, ganz zu eigen macht, geradezu verschlingt, und, am Ende, wenn alle voll sind, ist der Fall erledigt und das eigentliche Thema hinter der Erregung gleich mit.

Der Nachruf auf die letzte Erregung müsste so lauten: Das mit den armen Huftieren war zwar unwahr, aber nach Maßgabe der Erregten genial und in der Tradition zwischen Luther und Shakespeare. Oder war es nicht doch provinziell, schlecht gemacht, irgendwie ZDF-haft?

Nein, nein!, erklärten die Erregten, der Böhmermann zeigte doch, wo der Unterschied bzw. die Grenze lag zwischen Satire und Schmähgedicht, worüber danach hohe Gerichte zu befinden hatten. Es ging dann noch sehr lange um die fließende Grenze zwischen dem einen und dem anderen ...

Die türkischen Intellektuellen rieben sich über die Deutschen die Augen, und dem Präsidenten ging es gar nicht so um den Prozess (in der Türkei führte er 1800 solcher Prozesse), sondern er wollte nur den diplomatischen Druck erhöhen, um im Windschatten weiterhin seinen von der EU sanktionierten Krieg zu führen.

Sollen wir für ihn beten?

Die Flüchtenden im Südosten selbst freuten sich über jede Kritik an ihrem Peiniger und riefen: „O, wir haben zwar hier nicht so schöne Debatten, sondern nur Bomben, Erschießungen und Flucht, aber danke, danke, hoffentlich stößt dem Herrn Böhmermann nichts zu! Sollen wir für ihn beten?“

(Jetzt rege ich mich auf. Was für eine Luxusdebatte!)

Und als nun in Deutschland alle aufgrund der juristischen Wendungen (plus Paragraf 103 StGB) ganz müde geworden waren und am Ende für Böhmermann 5000 Euro für ein Flüchtlingswerk fällig waren, fand man eine neue Erregung. Es wurde ja nie verhandelt, wer sich wirklich schuldig gemacht hat und womit: Verstoß gegen einen Grundsatz des Völkerrechts, dem Recht, vor Krieg und Verfolgung zu fliehen.

Zu dieser Anklage kam es leider nie.

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