Sonntagsinterview : „Ich bleibe ein Papiertiger“

Fantasy – das sind für ihn Fluchten, Gedichte die vornehmste Literatur. Verlagschef Michael Krüger über Wunder und Bestseller. Ein Gespräch zur Buchmesse

Michael Krüger, Chef des Hanser Verlags
Michael Krüger, Chef des Hanser VerlagsFoto: Peter-Andreas Hassiepen

Michael Krüger, 67, ist Chef des Hanser Verlages, er hat von Elias Canetti bis Herta Müller und jetzt Tomas Tranströmer zahlreiche Nobelpreisträger verlegt. Für sein Werk als Autor wurde Krüger vielfach ausgezeichnet, 2010 mit dem mit 50 000 Euro dotierten Breitbach-Preis. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband „Ins Reine“.

Herr Krüger, dieser Buchherbst in Deutschland wird dominiert vom Erfolg einer schreibenden Fernsehmoderatorin. In einem der großen Feuilletons stand über Charlotte Roches „Schoßgebete“: „Es ist kein gutes Buch. Aber man muss es lesen!“

Den Befehl habe ich überhört. Jedoch verwundert mich die Einschätzung, es sei keine Literatur, aber die Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit, mit der die Autorin ihre Geschichte darstelle, sei bemerkenswert. Dass man bei einem als Roman bezeichneten Buch keine Literatur mehr braucht und Ehrlichkeit zum Kriterium erhebt, ist schon verrückt. Offenbar existiert in der Gesellschaft eine Sehnsucht, sich durch ein Buch und seine Thematik mit populären Menschen wie etwa dem Sänger Herrn Bohlen oder Frau Roche verbunden zu fühlen. Diesmal ist die Thematik eben der Oral- und Analverkehr.

In Ihrem eigenen Haus häufen sich die Literaturnobelpreisträger, zuletzt Orhan Pamuk, Herta Müller und jetzt Tomas Tanströmer, aber Sie verlegen auch Bestseller. Kann man die gezielt produzieren?

Gäbe es das berühmte Geheimrezept, wären wir alle reich. Natürlich hilft Prominenz. Hätte Günter Grass die „Schoßgebete“ geschrieben, wäre es auch ein Erfolg geworden. Aber einer unserer beiden aktuellen Bestseller ist die einfühlsame Beschreibung des eigenen dementen Vaters, Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“. Der andere ist „Léon und Louise“ von Alex Carpus, die Liebesgeschichte seines Großvaters zwischen den beiden Weltkriegen in Paris. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass diese stillen Bücher monatelang auf der Bestsellerliste stehen.

Spielt dabei die traditionelle Buchkritik in den Feuilletons noch eine Rolle?

Unbedingt! Ich bin ein Verfechter der klassischen Rezension, und wir leben wohl im einzigen Sprachraum, in dem es noch eine funktionierende seriöse Literaturkritik gibt. Wenn ich die angelsächsischen Zeitungen oder die Kulturseiten und Literaturbeilagen in Paris und in anderen internationalen Großstädten lese, dann kann ich die Kompetenz unserer Kritiker nur rühmen.

Trotzdem sagen viele, der Einfluss der gedruckten Rezension habe abgenommen.

Auch in der Ära des Internets gibt es noch immer so etwas wie ein literarisch-kulturelles und auch journalistisches „Gespräch“. Im Schatten der großen Medienerfolge wie „Schoßgebete“ oder den Lebenserinnerungen des 27-jährigen Philipp Lahm finden doch viele erstaunliche in- und ausländische Autoren ihr Publikum, ganz einfach weil die Kritik sie empfohlen hat. Zwischen einem Verlag und dem Leser bildet die Kritik die einzige Brücke – außer dem Buchhändler. Aber auch der beste Buchhändler kann sich unter tausenden neuen Titeln pro Saison nur fünf oder sechs Lieblingsbücher rauspicken und sie selber lesen. Ohne die Rezensionen, von denen die wirklich wichtigen noch immer in den Zeitungen stehen, gäbe es keine Orientierung. Ein Schriftsteller wie Arno Geiger braucht, um wahrgenommen zu werden, die Vermittlung durch die Literaturkritik.

Die Kommunikationsformen und Vertriebswege ändern sich dennoch. Einzelbuchhändler kämpfen ums Überleben, selbst große Kettenläden wie Hugendubel im Zentrum West-Berlins müssen schließen.

Diese Entwicklung ist tatsächlich dramatisch. In den USA hat soeben Borders, die zweitgrößte Buchhandelskette, mit über 650 Läden dicht gemacht. Es gibt dort schon Großstädte ohne eine einzige Buchhandlung. So weit sind wir noch nicht, auch das Kulturleben unserer Städte ist ein anderes. Doch für die Verlage, denen es noch um Literatur geht, wird das Marketing immer wichtiger. Viele haben dafür nicht die Mittel. Auf der Bestsellerliste der „New York Times“ standen in diesem Sommer auf den vorderen 22 Plätzen 19 Krimis, zwei Love-Storys und ein Fantasy-Roman. Diese Tendenz stößt bei uns noch auf Widerstand.

Man könnte sagen, aus den Genres, die Sie gerade aufgezählt haben, besteht die gesamte Weltliteratur.

Klar gibt es von Homer bis Botho Strauß: Liebe, Mord und Mythen. Aber auf etwas anderem Niveau. Dank unserer Literaturkritik gelangt ein Philip Roth …

… seit Jahren der amerikanische Nobelpreiskandidat und gleichfalls Ihr Autor…

... mit der deutschen Übersetzung seiner Romane noch auf die Bestsellerliste. Das hat er in seinem Heimatland ewig nicht mehr erlebt. Ich hege ja keinen Groll gegen populäre Vermittlungsformen, gegen Magazinbeiträge über Starautoren oder über sogenannte Prominente, deren Bild plötzlich auf einem Buchdeckel steht. Aber eine wirkliche Lesekultur braucht neben der Petersilie eine Hardcore-Literaturkritik, die das Gute vom Minderen und das Kluge vom Dummen unterscheidet. Sonst stehen alle wie der Ochs vorm wachsenden Bücherberg.

Was verraten denn so große Bucherfolge wie „Harry Potter“ mit ihren Fantasywelten oder apokalyptischer Science-Fiction über die Leser?

Ich halte das für Fluchten, für einen Eskapismus, den man angesichts der Realität auch verstehen kann. „Harry Potter“ war ja eine originelle Erfindung. Das Bedenkliche ist nur, dass dem Erfolg tausend Nachahmer gefolgt sind, weswegen viele andere Erzählweisen, vor allem des Kinderbuchs, unter diesem Mainstream begraben wurden. Statt einer Ausweitung der Fantasie ist das dann eine Verengung. Und der Bucherfolg wird wieder zur Frage des Marketings.

Soeben haben Sie im Hanser Verlag den neuen Umberto Eco auf den Markt gebracht: „Der Friedhof von Prag“, ein historisch-fantastischer Verschwörungsroman über Antisemitismus und frühen Terrorismus, den Sie mit dem fetten Hinweis bewerben: „Startauflage 200 000 Exemplare“. Das ist doch auch eine Art Überwältigungsversuch.

Natürlich soll das ein Signal sein. Eco ist das Zugpferd unseres Herbstprogramms. Aber das mache ich nicht an der Literaturkritik vorbei. Und bei Eco und unserem Programm geht es um wirkliche Literatur, um die erzählerische oder poetische Durchdringung der Welt.

Sie schreiben auch selber – vielfach preisgekrönt – Gedichte und Erzählungen: Wie unterscheiden Sie denn zwischen wirklicher Literatur und nur kommerziell bedrucktem Papier?

Man erkennt den Kommerz-Einfluss ganz gut auf dem Kunstmarkt, wo die Malerei zur Sache von Superreichen und Spekulanten geworden ist, die von den Subtilitäten der Formensprache oder gar einer eigenen Kunstvorstellung gewiss keinen Schimmer mehr haben. Ich habe mit schauderndem Vergnügen gelesen, wie bei der diesjährigen Biennale in Venedig die Mega-Jachten der russischen Oligarchen vor den Ausstellungspavillons geankert haben, das war das eigentliche Ereignis. Bei der Literatur ist das noch ein bisschen anders. Da ist erst mal nicht das große Geld im Spiel. Die bedeutendsten Dichter haben pro Buch eine Auflage zwischen zwei- und viertausend Exemplaren und in ihrem Leben vielleicht fünf oder sechs Übersetzungen in andere Sprachen.

Sie sprechen jetzt von Lyrikern?

Ja, Gedichte sind für mich noch immer die vornehmste Art der Literatur, was aktuell der Nobelpreis für den Lyriker Tomas Tanströmer bekräftigt. Bei den Romanen gibt es natürlich das Genre der „Euro-Novel“, wie ich das nenne, also einen meist englischsprachigen Roman, der von den überall kompatiblen Problemen der Mittelschichten handelt, von Seitensprüngen und familiären oder beruflichen Brüchen, vielleicht noch mit einem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Das hat 250 Seiten, wird in 20 Sprachen übersetzt und nimmt irgendwie seinen Lauf. Aber das ist für mich noch nicht Literatur. Ein Buch dagegen, das mit überraschenden, nicht sofort durchschaubaren Konstellationen und mit stilistischen und intellektuellen Herausforderungen antritt, hat es entsprechend schwer, und diese Herausforderung reizt mich. Als Leser und als Verleger.

Arno Geigers Buch war ein Glücksfall, weil er als feinsinniger Schriftsteller mit seiner Vater-Geschichte den Nerv einer älter werdenden Gesellschaft trifft, die sich selber von Demenz und Alzheimer bedroht sieht.

Ein Glücksfall, weil wir uns, wie bei allen literarischen Menschenbildern, in einem Spiegel begegnen, der auch etwas Vorausschauendes, noch Unbegriffenes reflektiert. Das ist etwas ganz anderes als ein spekulativer Zielgruppenroman. Die Idee, dass ein William Faulkner, ein Robert Musil oder selbst ein so wirkungsbewusster Schriftsteller wie Thomas Mann jemals für eine Zielgruppe geschrieben hätte, ist absurd. Trotzdem war sich Thomas Mann seines Publikums insofern sicher, als es seinen bildungsbürgerlichen Horizont teilte und schätzte. Dieses vorgebildete Bürgertum, das die Literatur auch im Dialog mit der bildenden Kunst, dem Theater und der Musik wahrnimmt, ist heute drastisch geschrumpft. Deshalb befindet sich die Literatur in Konkurrenz mit allen anderen Medien und die Leserschaft ist viel inhomogener. Fast niemand liest beispielsweise noch Klassiker.

Die jüngsten Neuübersetzungen von Tolstois „Krieg und Frieden“ und der „Anna Karenina“ waren in Ihrem Programm doch spektakulär erfolgreich.

Von „Krieg und Frieden“ haben wir 15 000 Exemplare verkauft. Da kamen uns die glänzenden Neuübersetzungen zu Hilfe. Sie wurden in den Feuilletons wie Neuentdeckungen besprochen – das kriegen Sie mit einem deutschen Klassiker nicht hin. Bei einer Neuausgabe von Jean Pauls „Hesperus“ wären schon 1500 Auflage gewagt. Jetzt im Kleist-Jahr werden zwar die neuen Kleist-Biografien gekauft, aber wer liest unsere schöne neue Werkausgabe? Vielleicht legen die Leute ein paar CDs mit Hörbuchversionen der Novellen ein. Gelesen von Otto Sander oder Rolf Boysen. Das ist dann der Zusatzkick.

Ihr Kick soll jetzt der neue Eco werden. Seit dem „Namen der Rose“ im Jahr 1982 haben Sie gut zwanzig Bücher von ihm auf Deutsch verlegt. Wie hoch ist die deutsche Gesamtauflage?

Zwölfeinhalb Millionen Exemplare, mit den Taschenbuchausgaben.

Eco ist eigentlich Literaturwissenschaftler, ein zu Beginn nur der Fachwelt bekannter Semiotiker. Was macht das Geheimnis seines Erfolges aus?

Er jongliert mit den Zeiten und Genres. Im „Namen der Rose“, das seinen Ruhm bis hin zur Verfilmung begründet hat, schreibt er einen hochspannenden Detektivroman, der aber im Mittelalter spielt und noch vor der ganzen Fantasy-Welle das Mittelalter entstaubt hat. Was wissenschaftliche Studien wie Horst Fuhrmanns „Einladung ins Mittelalter“ oder Jacques Le Goffs „Geburt Europas im Mittelalter“ tiefgründig begannen, hat er romanesk geleistet. Bei ihm war das Mittelalter eine Vorstufe der Moderne, das hat das Publikum zusammen mit den kriminalistischen Zutaten überrascht und fasziniert. Bis heute sind Ecos Bücher ein Beispiel, dass Bildung und Klugheit eben keinen Gegensatz zur Unterhaltsamkeit bedeuten.

Umberto Eco ist auch ein sehr teurer Autor. Wie viel müssen Sie für die deutschen Rechte bezahlen?

Viel.

Eine siebenstellige Summe? Sie lächeln vieldeutig. Damit geht der Hanser Verlag als einer der letzten Publikumsverlage, der zu keinem großen Medienkonzern gehört, stark ins Risiko.

Absolut. Aber bis auf einen Fall hat Eco die Investition immer wieder eingespielt.

Einem Schriftsteller wie Eco dürfte ein bereits vertrauter Verlag mit internationalem Renommee doch wichtiger sein als der höchstmögliche Vorschuss.

Das ist auch der Fall. Unser Geschäft befindet sich jedoch in einem dramatischen Umbruch. So sind zum Beispiel einige amerikanische Agenten der Ansicht, dass man die Rechte nicht mehr für die Zeit des Urheberrechts kauft, sondern alle paar Jahre neu verhandelt. Wir müssen dann für unsere Bestände Nachzahlungen leisten, die man kaum mehr einspielen kann.

Die Frankfurter Buchmesse, die diese Woche beginnt, präsentiert das E-Book verstärkt als neuen Markt mit eigenen Lizenzen und Distributionswegen.

In Deutschland liegt der Marktanteil von elektronischen Büchern bei der Belletristik erst bei einem Prozent, in den USA sind es schon fast 50 Prozent. Für Studenten ist es natürlich hilfreich, wenn sie nicht in der Bibliothek ewig auf ein ausgeliehenes Werk warten müssen, sondern elektronisch sofort zugreifen können. Darauf stellen wir uns ein, wir werden mehr digitale Rechte vergeben. Bestellt wird das im Netz, und die übrig gebliebenen Läden heißen dann eben Buch- und Elektrohandel. Ich selber aber bleibe ein Papiertiger.

Hat die Frankfurter Buchmesse für Sie noch einen besonderen Wert?

Ich treffe da jedes Mal etwa 100 Menschen aus allen möglichen Ländern, die mich über Bücher oder Autoren informieren, die ich trotz Globalisierung und Digitalisierung sonst nie kennenlernen würde. Oder nehmen Sie Island: Normalerweise gibt es auf Deutsch pro Jahr fünf Bücher aus dem Isländischen. Dieses Jahr sind es, weil Island das Gastland ist, etwa 70 Titel. Früher kannte man vielleicht einen Halldór Laxness …

… Islands Großromancier, er bekam 1955 den Literaturnobelpreis.

Und heute entdecken wir, die Isländer haben in der Finanzkrise nicht nur viel Geld verbraten, sondern besitzen ein weit wertvolleres Kapital: eine ungeheuer lebendige Literatur mit tollen Talenten, mit einer erstaunlichen Lyrikszene.

Früher hatten die Iren und die Ungarn überproportional viele literarische Genies, die über ihre engen geografischen Grenzen hinausdrangen. Sind die Isländer nun alle entweder Fischer, Banker oder Schriftsteller?

Vielleicht. Ich war ein Mal in Island, da gibt es nur ein größeres Theater, aber ungefähr 150 lebende Dramatiker. Wunder kann man nicht erklären.

Sie haben mal gesagt, die dicken Bücher werden heute immer dünner.

Habe ich das? Das gilt nicht für alle. Denken wir jüngst an den „Unendlichen Spaß“ von David Foster Wallace mit über 1500 Seiten. Auch Roberto Bolanos Roman „2666“, den wir verlegt haben, hatte über 1000 Seiten. Das sind grandiose, wild zerklüftete Bücher, die vor allem viele junge Leser gefunden haben. Bei uns ist gerade Navid Kermanis „Dein Name“ erschienen, mit 1200 Seiten. Das zeigt, dass die Literatur im Medienzeitalter keineswegs stirbt.

Sie selber werden in gut zwei Jahren siebzig, und …

Danach höre ich als Verleger auf und habe hoffentlich mehr Zeit für einen schon vor längerem begonnenen Roman. Er wird auch über 800 Seiten haben und heißt „Das Testament“. Das wird eines der großen Bücher (Lachen)… des Jahres 2016!

Das Gespräch führte Peter von Becker.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben