Welt : Spiel mit dem Feuer

Ehemalige Mitschüler widersprechen Senait Meharis Darstellung von Kindersoldaten in Eritrea

Nils Michaelis

Berlin - Der Druck auf die umstrittene Bestsellerautorin Senait Mehari („Feuerherz“) nimmt zu. Gestern gaben sechs Männer und Frauen, die sich als Zeitzeugen vorstellten, auf einer Pressekonferenz in Berlin eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie Meharis autobiografische Schilderungen vom Leben angeblicher Kindersoldaten in Eritrea heftig kritisierten. Der Droemer & Knaur Verlag, der „Feuerherz“ 2004 veröffentlicht hatte, wird aufgefordert, sich von Mehari zu distanzieren und das Buch vom Markt zu nehmen. Ferner solle sich die Autorin bei allen in ihrem Werk erwähnten Menschen entschuldigen.

Die Kontroverse um das Buch hatte in den vergangenen Wochen großes Aufsehen verursacht. „Meharis Behauptungen bringen unsere Tsibah-Schule in Verruf. Unsere Schule hat niemals Kindersoldaten gehabt beziehungsweise ausgebildet. Dort wurde lediglich gelernt“, heißt es in dem Statement. Die Zeugen gaben an, sich in dem von Mehari in „Feuerherz“ beschriebenen Militärlager der Eritreischen Befreiungsfront („ELF“) aufgehalten und die dortige Tsibah-Schule besucht oder geleitet zu haben. „Wir können also bezeugen, dass ihre Behauptungen, sie sei Kindersoldatin gewesen, misshandelt worden und verwahrlost gewesen, erlogen und erfunden sind“, heißt es.

In „Feuerherz“ schildert Mehari die Schrecken des Bürgerkrieges in Eritrea, die sie am eigenen Leib erlebt habe. Dass die Schüler und Lehrer unmittelbar in Kämpfe verwickelt wurden, wiesen die ehemaligen Schüler und Lehrer der Tsibah-Schule, die Mehari ab 1980 besucht hatte, zurück. „Es gab keine Zeit, wo Schüler Bomben oder gegnerischen Angriffen ausgesetzt waren. Weder Schüler noch Lehrer haben damals eine Waffe getragen“, sagte Elias Gere Benifer, nach eigenen Angaben ehemaliges „ELF“-Mitglied und Mitbegründer der Tsibah-Schule. Die Kinder der Tsibah-Schule seien nicht zwangsrekrutiert, sondern von ihren Eltern dort abgegeben worden oder als Waisen vor dem Krieg dorthin geflohen. Die Aufrechterhaltung des Schulbetriebs habe stets oberste Priorität gehabt.

Auf der Pressekonferenz warf er Mehari vor, ein unglaubwürdiges Buch veröffentlicht zu haben, um damit „berühmt zu werden und Geld zu verdienen“. Die Bedeutung des Unterrichts bestätigte Abraham Mehreteab, der sich als früherer Mitschüler Meharis ausgab und von einem „nicht besonders schlimmen“ Schulalltag sprach. So habe es regelmäßigen Unterricht in Mathematik und Geschichte gegeben, am Nachmittag hätten die Schüler Freizeitangebote wie Sport gehabt. Zudem hätten sie drei bis vier Mahlzeiten täglich bekommen.

Trotz des Zerwürfnisses signalisierte Mehreteab die Bereitschaft zum Dialog mit Mehari. Auf die Frage nach einem gemeinsamen öffentlichen Auftritt sagte er: „Es wird Gespräche geben.“

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