Welt : Spionage-Software: Bis dass Spector euch scheidet

Bas Kast

"Ich war neugierig, warum meine Frau so viel Zeit hinterm Computer verbringt. Nachdem ich Spector installiert hatte, erfuhr ich von ihrem heimlichen Freund und was sie wirklich von mir dachte. Spector wird mir Tausende von Dollar ersparen bei den anstehenden Scheidungsverhandlungen." (Mr. Bandy aus Cleveland.)

"Nach nur einem Tag mit dem Spector 2.1 Programm erkannte ich das wahre Gesicht meines Verlobten. Ich fand alle seine 17 Freundinnen. Ich sah, was für ein krankes und falsches Individuum er wirklich ist. Danke, dass Sie mir eine Ehe und Kinder mit dieser Person erspart haben, die mich nicht verdient. Ohne Spector hätte ich das nie gewusst." (Crystal aus Seattle.)

Auch Doug Fowler sind die Augen aufgegangen. Eigentlich hatte der Software-Entwickler sein Programm "Spector" für kostenbewusste Unternehmer geschrieben, die ihre betrugsanfälligen Arbeitnehmer nicht ganz über den Weg trauen. Für Eltern, die hin und wieder ein elektronisches Auge auf ihre Kinder werfen möchten. Vom wahren Potenzial seines Programms ahnte der Chef von SpectorSoft, Inc., lange nichts.

Dann bekam Fowler diesen Brief von einer Frau, die ihren Verlobten dabei erwischt hatte, wie der gleich mehrere Cyberseitensprünge täglich praktizierte. Weitere Berichte von Betroffenen, die ihren Betrügern mit Spector auf die Schliche gekommen waren, folgten.

Im Juli 1999 fiel bei Fowler buchstäblich der Groschen. Er startete eine virtuelle Versteigerung seines Programms mit den Werbeworten: "Ehemann betrügt online? Erwisch ihn hiermit." Innerhalb von vier Stunden hatten 500 Menschen Spector per Mausclick geordert. Nach einer Woche waren es 5000. Die Verkäufe verdreifachten sich in den nachfolgenden Wochen.

"Es brach mir das Herz"

Was Fowler verkauft, ist schnell erklärt. Die Wahrheit, sagen die einen. Einen Einbruch in die Privatsphäre, das sagen andere. Spector ist ein Computerprogramm, das sich auf praktisch jedem Rechner im Handumdrehen installieren lässt - man braucht dazu weder viel Zeit noch Fachkenntnisse. Auch die Kosten halten sich in Grenzen: 149 Mark.

Ist es installiert, beobachtet die Spionagesoftware jeden Schritt, der am Computer ausgeführt wird. Jedes Programm, das geöffnet wird, jede Internetseite, die man besucht, jede E-Mail, die man verschickt, ja, jeder Buchstabe, den man tippt und noch den, den man wieder löscht - dem digitalen Big Brother entgeht nichts.

Je nachdem, wie viel Mut zur Lücke man hat, macht Spector entweder nur jede halbe Stunde einen "Snapshot" des Bildschirms - oder jede Sekunde. Der arglose User merkt davon nichts. Anschließend lassen sich die bis zu 10 Megabytes, die sich während einer Tages-Computersession leicht ansammeln, abspulen. Dann kommt die Wahrheit ans Bildschirmlicht.

"Durch einen Online-Chat entdeckte ich, dass er eine Affäre von drei Nächten in Las Vegas hatte. Es brach mir das Herz, aber es öffnete meinen Verstand. Am Anfang war es herzzerbrechend, aber ich bin froh, dass ich nicht mehr so idiotisch blind bin, diesen kranken Mann zu heiraten." (Anonym.)

Mordplan im Cyberspace

Für Fowler ist das noch ein eher harmloser Fall. So weiß der Programmierchef von einem Kunden zu berichten, der seine Frau schon seit geraumer Zeit unter Verdacht hatte. Nachdem er die Software zum Laufen gebracht hatte, bestätigte sich nicht nur der Verdacht - seine Frau und ihr Lover heckten online einen Plan aus, ihn, den Mann, umzubringen, und zwar nicht bloß virtuell. "Wir haben eine Menge Geschichten gehört, was die Leute alles herausgefunden haben", sagt Fowler. "Aber das war mit Sicherheit die krasseste."

Technisch ist das Beeindruckende, dass die Schnüffelsoftware völlig unauffällig ihre Arbeit erledigt. Spector ist unsichtbarer als jeder noch so gewiefte Privatdetektiv. Sobald sich der Computer hochgefahren hat, läuft das Spionageprogramm, und der Benutzer wird zum Big-Brother-Star ohne die leiseste Ahnung.

Für Intensiveifersüchtige gibt es sogar "eBlaster", ein Programm von Fowler, das die Screenshots per E-Mail verschickt (Kosten: ebenfalls 149 Mark). Noch bei der Arbeit kann man so verfolgen, mit wem der Partner zu Hause am Rechner nun schon wieder flirtet.

Seit neuestem allerdings kann sich auch der Spionierte wehren. Eine Hamburger Software-Firma namens ElbTec nämlich hat ein Programm der Konterspionage entwickelt: "ElbTecScan" (gratis!). In Sekundenschnelle ist es vom Internet auf der Festplatte - und mit nur wenigen Knopfdrücken lässt sich dann feststellen, ob der Computer mit dem Großen Bruder infiziert ist oder nicht. "Unser Programm entdeckt Spector nur, es löscht das Programm nicht", so ein Sprecher der Firma gegenüber dem "Spiegel". "Aber wer uns eine E-Mail schickt, um einen Tipp zu erhalten, wie man Spector los wird, dem helfen wir natürlich."

SpectorSoft sieht die Attacke von Elbtec gelassen: "Sobald wir ein Upgrade unserer Software haben, wird ElbTecScan nicht mehr funktionieren", heißt es vom Unternehmen selbsbewusst. Dann bleibt für virtuelle Flirter nur noch die Flucht in die Realität.

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