Welt : Staatliche Einschlafhilfe für den Nachwuchs

Martin Pütter

Neues Projekt vom britischen Erziehungsministerium ist als Entlastung für sozial schwache Mütter gedachtMartin Pütter

Das Erziehungsministerium der britischen Regierung beeilte sich vergangene Woche, den Journalisten eine Klarstellung zu geben. Bei dem neuen Projekt, das von der Presse bereits als "rent-a-granny" (Miete eine Oma) bezeichnet wurde, handele es sich nicht darum, Müttern billige Haushaltshilfen zu beschaffen. "Es wird einen enormen Unterschied für das Leben von Kindern und Familien machen. Dieses Projekt ist einer der Kernpunkte in unserem Bestreben, Kinderarmut und sozialen Ausschluss abzuschaffen", sagte der britische Erziehungsminister David Blunkett am Montag. Die Botschaft wurde gehört, doch nicht nur den Medien fehlte der Glaube, vor allem wegen der in Großbritannien mehr als in anderen europäischen Ländern bevorzugten Methode, die Kindererziehung Omas, Kindermädchen und Au-Pair-Girls zu überlassen.

Umgerechnet rund 1,62 Milliarden Mark lässt sich die britische Regierung das "Sure Start" (Sicherer Beginn) genannte Projekt kosten, mit denen Kinder in heruntergekommenen Gebieten ein besserer Start ins Leben ermöglicht werden soll. Dazu gehören auch "Gemeinde-Großmütter", die Müttern helfen sollen, nach den Kindern zu schauen. Zudem sollen alle diese freiwilligen Helfer Ratschläge und Unterstützung geben sowie im Haushalt mithelfen. Dazu kommen weitere Dienstleistungen wie Vorgeburtsunterricht für Väter, Lektionen in Unfallverhütung durch Feuerwehrmänner sowie weitreichende Beratung wie über Schwangerschaftsverhütung und richtige Ernährung.

In einem Pilotversuch wird dieses Projekt zuerst in ostenglischen Stadt Thurrock in der Grafschaft Essex gestartet - dazu erhält die Lokalbehörde eine Subvention in der Höhe von umgerechnet 8,25 Millionen Pfund. 14 weitere Städte in England sollen in einer ersten Phase ebenfalls Subventionen von umgerechnet bis zu neun Millionen Mark erhalten. Thurrock war jedoch ziemlich überrascht, den Beginn machen zu dürfen. "Wir haben noch keine freiwilligen Helfer einstellen können, wir müssen erst alles dafür vorbereiten", sagte eine Sprecherin der Abteilung Sozialdienste von Thurrocks Lokalbehörde.

Die Skepsis der Medien zu diesem neuen Projekt hängt vor allem mit der weitverbreiteten Einstellung der Briten zu Kindern zusammen. Unter vielen Jugendlichen in minderbemittelten Gegenden werden sie als geeignetes Mittel betrachtet, um so früh wie möglich zu einer Sozialwohnung zu kommen und damit dem Elternhaus entfliehen zu können.

In weiter gehobenen Kreisen dagegen hat man Kinder, weil es sich halt so gehört. "Meine Mutter kümmert sich nicht um die Erziehung von mir und meiner Geschwister, dafür waren entweder unsere Großmütter, unsere Kindermädchen oder diverse Au-Pairs zuständig", sagt die gebürtige Engländerin Anne Seiffert. "Am liebsten wäre es vielen Eltern, wenn ihre Kinder zwar zu sehen, aber nicht zu hören sind", umschreibt sie die gängig Haltung gegenüber dem Nachwuchs. Das zeigt sich auch in manchen Restaurants in England, in denen Kinder entweder nicht willkommen sind oder nur dann, wenn sie sich ausgesprochen artig verhalten. Davon profitieren jedoch viele italienische Restaurants auf der Insel, die vor allem Sonntags proppevoll sind. Familien kehren dort nach einem Ausflug ein, weil Kinder nicht nur willkommen sind, sondern die kinderliebenden italienischen Eigentümer die Augen zudrücken, wenn die Kleinen mal durch das Lokal toben.

Solche Ausflüge waren vielen minderbemittelten Eltern und alleinstehenden Müttern bisher nicht möglich. Nun werden sie es dank der Mietomas eher können.

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