Stephanie-Prozess : "Peinlicher" Vorfall

Nach dem Ende der rund 20-stündigen, spektakulären Flucht des Angeklagten im Stephanie-Prozess auf ein Dach des Dresdener Gefängnisses hat sich Sachsens Justizminister Geert Mackenroth bei der Familie des 14-jährigen Opfers für die Panne entschuldigt.

Dresden - Zugleich kündigte Mackenroth (CDU) eine eingehende Prüfung des Vorfalls an. Unterdessen wurde das Verfahren gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger Mario M. am zweiten Prozesstag nach kurzer Zeit auf den 21. November vertagt.

Der Richter begründete die Entscheidung mit der Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten. Dieser war erst am Morgen gegen 3:30 Uhr freiwillig vom Gefängnisdach heruntergekommen. Er hatte dort teils bei Kälte und Regen sowie ohne Nahrung fast einen Tag ausgeharrt.

"Äußerst belastende Situation"

Mackenroth sagte, es tue ihm Leid, wenn sich durch den Vorfall "das Trauma bei dem Opfer verstärkt hat". Für Stephanie und ihre Familie sei dies eine "äußerst belastende Situation". Es sei schlimm, wenn sich die Angst des Mädchens nun noch vergrößert habe. Der Vorfall habe sich "genau zur falschen Zeit" ereignet und sei für die Vollzugsanstalt und sein Ministerium "peinlich". Einen Rücktritt schloss er zwar zum derzeitigen Zeitpunkt aus. Jedoch klebe er nicht an seinem Sessel. Auch eine sofortige Suspendierung des Gefängnisleiters Ulrich Schwarzer lehnte Mackenroth ab.

Der Minister verwahrte sich gegen Vorwürfe, wonach die Sicherheitsstandards in den sächsischen Haftanstalten unzureichend seien. Bei dem Ausreißversuch von Mario M. handele es sich um "ein singuläres Ereignis". Eine Fluchtgefahr habe zu keinem Zeitpunkt bestanden. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand liege kein menschliches Fehlverhalten der Justizmitarbeiter vor. Er selbst wolle am Mittwoch den Landtag unterrichten.

Landespolizeipräsident Klaus Fleischmann nannte Details des Vermittlungsgesprächs der Polizeipsychologen. So habe der 36-Jährige den Beamten angedroht, auf die am Boden befindlichen spitzen Zaunlatten zu springen. Dies hätte er laut Fleischmann nicht überlebt. M. habe unbedingt verhindern wollen, dass die von ihm während der Vergewaltigungen angefertigten Videoaufnahmen im Prozess gezeigt werden.

Öffentliche Aufmerksamkeit "richtig genossen"

Fleischmann betonte, der Angeklagte habe die öffentliche Aufmerksamkeit "richtig genossen". Von einem gewaltsamen Einschreiten der Polizei sei wegen des Selbstmord-Risikos abgesehen worden. Insgesamt seien bis zu 150 Beamte im Einsatz gewesen.

Schwarzer sagte, Mario M. werde fortan sowohl in als auch außerhalb seiner Zelle Fußfesseln tragen müssen. Bislang war dies von den Richtern nur für Aufenthalte außerhalb der Haftanstalt angeordnet worden.

Der Flüchtige war nach langen Gesprächen von einem Experten mit einer Hebeeinrichtung vom Dach herunter und anschließend in seine Zelle begleitet worden. Er war am Mittwoch gegen 7:25 Uhr während eines Hofgangs mit zwei weiteren Gefangenen den zwei Wächtern entwischt und auf ein Gebäude geklettert. Von dort gelangte er zu einem zehn Meter hohen Gefängnisbau, dessen Dach er über Fenstergitter erklomm. (Von Alessandro Peduto, ddp)

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