Streit um historische Dokumente : Wem gehört Schindlers Liste?

1.200 jüdische KZ-Häftlinge bewahrten der deutsche Fabrikant Oskar Schindler und seine Frau mit ihren Listen vor dem Tod. In Jerusalem streitet nun die Nachlassverwalterin der Familie mit der Gedenkstätte Jad Vashem über die Dokumente. Eine erste Anhörung brachte keine Einigung.

von
In faksimilierten Kopien sind die Listen der geretteten Juden in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem ausgestellt. Die Original-Liste will die Nachlassverwalterin der Schindlers von der Gedenkstätte erstreiten.
In faksimilierten Kopien sind die Listen der geretteten Juden in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem ausgestellt. Die...Foto: Jim Hollander/dpa/EPA

1.200 Namen stehen auf den Listen – es sind die Namen jüdischer KZ-Häftlinge, die der deutsche Fabrikant Oskar Schindler und seine Frau Emilie während des Zweiten Weltkrieges vor dem Tod retteten. Oskar Schindler nahm sie als Arbeiter in seiner Emaille- und Munitionsfabrik in Krakau auf. Mit dem Film „Schindlers Liste“ machte Steven Spielberg ihn und seine mit Schreibmaschine verfassten Dokumente weltberühmt. Die Holocaustgedenkstätte Jad Vashem in Jerusalem ehrte die Schindlers sogar als „Gerechte unter den Völkern“.

Doch wem die Listen, historische Zeugnisse, heute rechtlich zustehen, darüber wird nun vor einem Gericht in Jerusalem verhandelt: Erika Rosenberg kämpft als Nachlassverwalterin und Erbin von Emilie Schindler darum, die Listen zu erhalten, die seit 1999 in Jad Vashem lagern. Am Mittwoch trafen sich die Anwälte von Erika Rosenberg und Jad Vashem zu einer ersten Anhörung vor dem Bezirksgericht in Jerusalem, genau einen Tag vor Jom Hashoah, dem israelischen Holocaustgedenktag, der mit landesweiten Zeremonien und einer Schweigeminute begangen wird. Zu einer Einigung kam es noch nicht, im Juni soll eine weitere Anhörung folgen.

Listen in Testament vermacht

„Meine Mandantin hat schon lange versucht, die Dokumente zu erhalten. Sie hat den Kontakt zu Jad Vashem gesucht, E-Mails und Briefe geschickt. Man klagt ja nicht mal einfach so gegen eine Institution wie Jad Vashem. Doch sie ist zu dem Entschluss gekommen, dass sie keine andere Chance hat, um an die Listen zu gelangen“, erklärt Anwalt Naor Yair Maman, der zusammen mit Jehuda Schwarz Erika Rosenberg vor Gericht vertritt. Für ihn sieht der Fall so aus: „Es handelt sich um private Dokumente, die Oskar Schindler gehörten. Er überließ diese seiner Frau Emilie Schindler. Und Emilie wiederum vermachte sie in ihrem Testament Erika Rosenberg.“ Jad Vashem weist auf Anfrage die Forderungen „entschieden zurück“. Die Gedenkstätte wolle „nicht mit Dingen und Dokumenten handeln, die mit dem Holocaust zu tun haben“.

Emilie Schindler lebte bis zu ihrem Tod 2001 in Argentinien, wo ihr Ehemann – Medien bezeichnen ihn als Frauenhelden – sie 1957 wohl auf einem Berg Schulden sitzen ließ. Dort freundete sie sich laut Anwalt Maman bereits Jahrzehnte vor der Wiederentdeckung der Listen mit der heute 63-jährigen Erika Rosenberg an. „Das war sogar lange bevor der Film ,Schindlers Liste‘ rauskam. Erika Rosenberg half Emilie Schindler, sie war ihre Biografin“, erklärt Maman und fügt hinzu: „Die Behauptung, dass Erika Emilie ausnutzen würde, ist nicht wahr und für Erika auch sehr verletzend. Die beiden haben sich jahrelang gekannt. Die Beziehung der beiden sollte nicht infrage gestellt werden.“

Streit hat eine lange Vorgeschichte

Der Fall ist komplex und beginnt eigentlich schon Ende der 1990er Jahre in Deutschland: Der Sohn von Annemarie Staehr, angeblich eine frühere Geliebte von Oskar Schindler, findet den Koffer mit den Listen, Fotos, Briefen und weiteren Dokumenten im Haus seiner verstorbenen Eltern in Hildesheim. Strittig ist, ob Oskar Schindler den Koffer zu Lebzeiten an Annemarie Staehr übergeben oder ob diese ihn nach seinem Tod 1974 aus seiner Wohnung entnommen hat.

Der Sohn jedenfalls gibt den Sensationsfund damals an die „Stuttgarter Zeitung“, die darüber berichtet und die Dokumente dann an Jad Vashem schickt. Der Bote, der das Paket am Flughafen abholt und es später der Gedenkstätte übergibt, ist der damalige Korrespondent Ulrich Sahm. „Es handelte sich um einen hellblauen Samsonite-Koffer mit Namensschild und Aufkleber“, erinnert sich Sahm, der noch heute als Journalist in Israel lebt. „Der Koffer befand sich schon im Frachtbereich der Lufthansa in Frankfurt am Main, als Rosenberg eine Hausdurchsuchung bei der ,Stuttgarter Zeitung‘ erwirkt hatte.“ Anwalt Naor Yair Maman erklärt es so: „Emilie Schindler hatte den Gerichtsbeschluss dafür über ihren Anwalt in Deutschland erwirkt.“ Doch noch am selben Tag seien die Dokumente außer Landes „geschmuggelt“ worden.

Damals, so berichtete es der „Spiegel“ 1999, erhob auch die Nichte von Oskar Schindler, Traude Ferrari, Anspruch auf den Koffer mit den Listen sowie Briefen und Fotos. Es scheint, als wollte und wolle noch heute jeder von den wertvollen Dokumenten profitieren.

Dokument der Menschlichkeit

Doch ist nicht Jad Vashem als Gedenkstätte eigentlich der beste Platz für die historischen Dokumente? Sie stehen für die Rettung von Juden im Holocaust durch Oskar und Emilie Schindler – ein Beweis für ein Stück Menschlichkeit in einer grausamen Zeit. Oskar Schindler war zwar ein gerissener Geschäftsmann, dem es auch um den eigenen Erfolg ging, der aber dennoch die Grausamkeiten der Nazis nicht hinnehmen wollte und dafür immer wieder von der Gestapo verhaftet und verhört wurde. 1961 besuchte er das erste Mal Israel, wurde von Überlebenden jubelnd empfangen und pendelte von da an zwischen Israel und Deutschland, bis er 1974 in Hildesheim starb. Er wurde auf dem Berg Zion in Jerusalem begraben.

Sollten diese Dokumente also nicht der Öffentlichkeit zugänglich sein? „Es geht zunächst darum zu entscheiden, wer der Besitzer dieser Dokumente ist“, sagt Anwalt Maman. „Es könnte sein, dass Erika Rosenberg die Dokumente danach wieder an Jad Vashem zurückgeben wird. Sie könnte sie auch verkaufen oder einem anderen Museum stiften. Aber das spielt derzeit keine Rolle.“ Ziel sei es, in Israel zu einer Einigung zu kommen. Sollte das allerdings nicht klappen, „so gibt es da immer noch die Option, vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu gehen“.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben