Studie : Von wegen Multitasking

In Job und Alltag müssen wir oft mehrere Aufgaben parallel erledigen - aber geht das überhaupt? Das menschliche Gehirn arbeitet wie ein Rechner mit nur einem Prozessor - gleichzeitig Entscheidungen zu treffen, macht das Gehirn nach Ansicht von Forschern nicht mit.

Adelheid Müller-Lissner

BerlinMit der Freisprechanlage ist's nicht getan. Das zeigt eine Studie aus den USA: Wer Auto fährt und gleichzeitig telefoniert, der hat ein vierfach erhöhtes Unfallrisiko - auch wenn die Hände für das Schalten und Lenken frei sind. Was hingegen nicht frei ist, ist der Kopf. Die Reaktionsgeschwindigkeit des telefonierenden Autofahrers ist so stark herabgesetzt wie mit 0,8 Promille Alkohol im Blut.

Ist der Mensch also mit dem "Multitasking" überfordert? So zu fragen bedeutet streng genommen, die zweite Frage vor der ersten zu stellen. Das lateinisch-englische Wortungetüm Multitasking kommt eigentlich aus der Informatik und bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben zeitgleich auszuführen. Die Frage ist nur: Kann das der Mensch überhaupt? Iring Koch, Psychologieprofessor an der Technischen Hochschule Aachen, tüftelt seit Jahren immer neue Experimente aus, mit denen die Reaktionen menschlicher "Betriebssysteme" auf derartige Doppelbelastungen getestet werden können. Er sagt: "Je genauer Sie hinschauen, desto leichter ist nachzuweisen, dass wir Menschen in Wirklichkeit nie zwei Dinge gleichzeitig tun." Viele alltägliche Handlungen sind zwar komplex, doch die Aufgaben, die sich stellen, stehen miteinander im Zusammenhang. Wie beim Fahrradfahrer, der den rechten Arm ausstreckt, die Balance hält und nach rechts abbiegt. Was der Mensch im Unterschied zum Rechner aber nicht wirklich fertigbringt: Bei zwei voneinander unabhängigen Aufgaben gleichzeitig Entscheidungen zu treffen. "Das macht das Gehirn nicht mit", sagt der Psychologe und Neurowissenschaftler Torsten Schubert, der an der Uni München zum Multitasking forscht.

Multitasking führt zu Zeitverlust und Fehlern

Das menschliche Gehirn arbeitet bei der Ausführung mehrerer Handlungen wie ein Rechner mit nur einem Prozessor. Im Fall von Entscheidungsprozessen ist damit der seitliche Bereich des frontalen Kortex, der sogenannte Stirnlappen, verbunden. "Die Neuronen hier haben nur eine begrenzte Verarbeitungskapazität und können jeweils nur die Informationen sinnvoll zusammenbinden, die für eine Entscheidung wichtig sind", erklärt Schubert. Also unterbrechen wir die eine Handlung, während wir bei der anderen mit einer Entscheidung konfrontiert sind. Experimente von Kochs Arbeitsgruppe in Aachen haben deutlich gezeigt, dass das Zeit kostet: Je dichter der Abstand zwischen zwei Reizen, denen die Versuchspersonen ausgesetzt wurden, desto länger brauchten sie, um auf den zweiten Reiz zu reagieren.

Unser Versuch, auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, hat nicht nur Zeitverluste zur Folge, sondern führt auch vermehrt zu Fehlern. Zum Beispiel, weil sich zwei Informationen gegenseitig beeinflussen und im Gehirn einen "Cross Talk" beginnen. Dann biegt ein Autofahrer womöglich links ab, obwohl er nach rechts fahren möchte - und das nur, weil er im Radio gerade gehört hat, dass Ypsilanti in Hessen nun doch mit Unterstützung der "Linken" regieren möchte.

Also lieber schön eins nach dem anderen? Für so einfache Botschaften sind die Forscher nicht zu haben. "Es ist doch schön, wenn keine Monotonie aufkommt. Insofern kann man nur jedem Menschen wünschen, mehrere Vorhaben zur gleichen Zeit voranzutreiben", sagt Psychologieprofessor Koch. Und sein Kollege Torsten Schubert findet bestätigt, dass man es regelrecht trainieren kann, voneinander unabhängige Dinge parallel zu erledigen. Einerseits macht sich dann in jeder Einzelaufgabe aufgrund des Trainings bald die Routine wohltätig bemerkbar. Zugleich übt man aber auch, die Arbeit an beiden Aufgaben zu koordinieren. "Dabei wächst auf einer sehr feinen Ebene die Fähigkeit, schnell zwischen zwei Aufgaben hin und her zu schalten."

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