Welt : Stunde der Biografen

Deutschlands „Untergang“ ist für den Oscar nominiert – Scorsese bekommt mit „Aviator“ seine Chance

Jan Schulz-Ojala

So schnell kann’s gehen. Gerade noch forderte das deutsche Kino inständig mehr Beachtung auf dem Weltmarkt, nun müsste es sich fast schon wieder in Bescheidenheit üben. Denn streng genommen ist Oliver Hirschbiegels Hitler-Film „Der Untergang“, soeben in der Kategorie bester Auslandsfilm nominiert, bei den Oscars gar nicht dran. Hatte nicht vor eben zwei Jahren Caroline Link mit „Nirgendwo in Afrika“ die begehrte Welttrophäe geholt – und damit den internationalen Boom des deutschen Kinos bei Festivals und im Kino erst ausgelöst?

Nur: Gerechtigkeit zählt nicht bei den Oscars (letztes Jahr schaffte Wolfgang Beckers Weltbestseller „Good Bye, Lenin!“ nicht einmal die Nominierung), und auf die tapfer erduldete teils lange Wartezeit allein werden sich die vier um den Auslands-Oscar konkurrierenden Länder kaum berufen können. Stärkster „Untergang“-Rivale dürfte Spanien sein, mit Alejandro Amenábars Querschnittsgelähmten-Drama „Mar adentro“, der unter dem Titel „Das Meer in mir“ Mitte März in die deutschen Kinos kommt. Spanien war zuletzt vor fünf Jahren mit Pedro Almodóvars „Alles über meine Mutter“ erfolgreich. Frankreich muss seit zwölf Jahren („Indochine“) auf einen Oscar warten und hat immerhin Christophe Barratiers anrührende Internatsgeschichte „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ im Gepäck. Konkurrent Schweden – mit „As it is in Heaven“ von Kay Pollak – hat seit Ingmar Bergmans „Fanny und Alexander“ 1984 keinen Oscar-Sieg mehr verbucht, und Südfafrika ist mit dem packenden Aids-Familiendrama „Yesterday“ überhaupt zum ersten Mal dabei.

Da steht „Der Untergang“ aus zwei Gründen ganz besonders gut da. Hitler zieht als Weltstar des Bösen international, ohne dass man ihn groß erklären müsste, und der Hitler-Film ist das, was man neudeutsch ein Biopic nennt – und damit große Mode in Amerika, wo die gut 6000 Mitglieder der Academy of Motion Picture Art and Sciences (AMPAA) in der Nacht zum 28. Februar über das Schicksal der Oscar-Aspiranten entscheiden. Dass sich der in 50 Länder verkaufte „Untergang“ nach dem Kassenschlager hierzulande zudem anschickt, zum Welterfolg zu werden, mit großer Resonanz derzeit in Frankreich. Polen und den Niederlanden – auch das könnte die auf Erfolg mehr noch als auf Filmkunst guckenden Branchen-Juroren beeindruckenden. Und noch etwas: Ist es ein Zufall, dass der Film just Ende Februar zu den Oscars in den USA ins Kino kommt?

Eindeutig Biopics, Filmbiografien also, sind auch drei der fünf Top-Oscar-Kandidaten – allen voran der insgesamt elfmal nominierte „Aviator“, mit dem der ewig verschmähte Martin Scorsese diesmal offenbar im Handstreich in den Oscar-Himmel drängt. Sein flugzeugbauverrückter Howard Hughes ist ein Besessener, einer mit merkwürdigen Ticks, ein eigentlich Einsamer, durchaus auch ein Unsympath, der dennoch gesamtbiografisch tragisches Heldentum verdient – darin dem Bruno-Ganz-Hitler zumindest ein ganz klein bisschen ähnlich. In freundlicherem Licht, wenn auch durch lebenslange Blindheit immer wieder tragisch verschattet, erscheint Taylor Hackfords „Ray“, das Biopic über das Soul-genie Ray Charles – und, ebenfalls sechsmal nominiert, Marc Forsters Hommage auf den „Peter Pan“-Erfinder James M.Barrie („Wenn Träume fliegen lernen“ kommt am 10. Februar ins Kino). Thematisch originellere Außenseiter sind Clist Eastwoods Boxerinnen-Aufstiegsstory „The Million Dollar Baby“ mit Hilary Swank (sieben Nominierungen) und Alexander Paynes Kritiker-Favorit fünfmal nominierter „Sideways“ (deutscher Kinostart: 3. Februar): Nach seiner bewegenden Rentner-Elegie „About Schmidt“ schickt Payne diesmal sehr heiter zwei Mittvierziger in den Dauerclinch mit den Resten ihrer inneren Jugendlichkeit.

Doch das letzte Wort ist nicht gesprochen. So wie einst Steven Spielberg mit „Die Farbe Lila“ elfmal nominiert war und am Ende doch leer ausging, so fordert auch dieser ästhetisch eher bedeutungsarme US-Kinojahrgang, in dem sich die auf Bush und den Irak-Krieg eingeschworene Nation auf ihre uralten Helden besinnt, Überraschungen geradezu heraus. Und vielleicht scheut die Academy bei soviel hausgemachter Heldenverehrung denn doch, mit dem „Untergang“ ausgerechnet den finstersten Helden aller Zeiten auch noch auf den Thron zu hieven. Rührstücke aus der Restwelt gibt es genug.

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