Südkorea : Gefangen im Schönheitswahn

Korea ist das Land mit den meisten plastischen Operationen – viele Mütter setzen die Töchter unter Druck.

Fabian Kretschmer[Seoul]
Fast alle Koreanerinnen haben das gleiche Schönheitsideal. Viele lassen sich ihr Gesicht modellieren. Foto: Roslan Rahman/AFP
Fast alle Koreanerinnen haben das gleiche Schönheitsideal. Viele lassen sich ihr Gesicht modellieren. Foto: Roslan Rahman/AFPFoto: AFP

Die Wirren der Pubertät waren kaum verflogen, da hatten sich die Kommentare längst im Unterbewusstsein von Ji Yeo festgesetzt wie Rotweinflecken auf weißem Couchbezug: „Du solltest wirklich abnehmen“, wird Ji Yeo jeden Morgen von ihren Klassenkameradinnen begrüßt. Eine ebenso beliebte Stichelei lautet: „Wieso bist du nur so klein?“ Die Großmutter reicht der 15-Jährigen bunte Pillen, um ihr Wachstum zu beschleunigen. Einzig die Mutter sagt Ji Yeo, die heute als Fotografin arbeitet, dass sie schön sei, so wie sie ist. Aber sie glaubt da längst nicht mehr dran: „Ich fühlte mich extrem hässlich, habe mich ständig nur mit anderen verglichen.“

Etwa mit den Girlbands aus dem Fernsehen, deren Plastikpop ebenso austauschbar ist wie ihre Plastikgesichter. Oder mit den Models auf den Vorher-Nachher-Bildern, die sie in der U-Bahn, im Bus oder auf der Straße anlächeln. „Jeder hat es schon getan außer dir“, prangt auf einem der Werbeplakate für die Schönheitskliniken. Die heute 28-Jährige unterbricht ihre Erzählung mit einem verlegenen Lächeln, will überspielen, wie unangenehm es ihr ist, von einem gesellschaftlichem Phänomen zu berichten, das außer Kontrolle geraten ist. Mit der zierlichen Statur, dem rundlichen Gesicht, mandelförmigen Augen und einer kleinen Stupsnase entspricht ihre Erscheinung genau dem Stereotyp einer Ostasiatin. Jis Schüchternheit ist nicht gespielt: Sie habe noch immer ein schwaches Selbstbewusstsein, sagt sie, auch wenn sie mittlerweile mehr mit sich im Reinen sei als früher.

Früher, das war die Zeit der Abiturvorbereitung, als der Wettstreit um die besten Universitätsplätze losging, die in Korea wegbestimmend für das weitere Leben sind. Doch statt Mathe oder Englisch büffelt Ji Yeo lieber in den neuesten Katalogen der Make-up-Hersteller, trägt stets die angesagten Klamotten – und fühlt sich doch todtraurig, wenn sie im Badezimmer ihr Spiegelbild sieht.

Dies werde sich bald ändern, beschließt die Schülerin. Hinter dem Rücken ihrer Eltern kellnert sie jeden freien Abend im Café, um genug Geld für ihren Plan zu sammeln. „Mein einziger Traum war es, meinen kompletten Körper einer riesigen Schönheitsoperation zu unterziehen“, erinnert sich Ji. Mit diesem Traum ist sie in ihrem Heimatland Südkorea nicht alleine. Nach einer von der International Society of Aesthetic Plastic Surgeons veröffentlichten Studie hilft keine Bevölkerung der Welt öfter bei ihrer Schönheit nach als die des ostasiatischen Tigerstaats. Allein 2011 wurden rund 650 000 Eingriffe verzeichnet. Eine Umfrage von 2009 unter Seouler Frauen zwischen 19 und 49 ergab: Jede Fünfte von ihnen hatte sich bereits zumindest einmal einer Schönheitsoperation unterzogen.

Der Germanistikstudentin Lee Su-rim entlocken solche Statistiken nur ein müdes Lächeln, in ihrer Schulklasse gab es kaum ein Mädchen, das sich nach dem Abi nicht sofort unters Messer gelegt hatte. Ehrlich gesagt, bekundet die 20-Jährige, sei sie die Einzige, die sich dem Operationswahn verweigert hat. Da sie die ersten zwölf Jahre ihres Lebens in Deutschland aufgewachsen ist, habe sie wahrscheinlich eine andere Perspektive auf die eigene Schönheit als die meisten Koreaner, sagt sie mit einem Achselzucken: „Nach OPs sieht man einfach künstlich aus.“ Eine Meinung, mit der sie in ihrem Freundeskreis auf weiter Flur alleine steht.

Lee schlürft an der Milchschaumkrone ihres überdimensionierten Plastikbechers, um sie herum im Café versüßt sich das fast ausschließlich weibliche Publikum ihre Mittagspause mit Cappuccino und Tratsch. Hier in Seouls Nobelbezirk Gangnam, auf den allein sieben Prozent des koreanischen Bruttoinlandprodukts entfallen, sind die Bürotürme noch ein paar Stockwerke höher, die Restaurants einige tausend Won teurer und die Frauen um ein paar Operationen schöner. Ausländer mögen bei Gangnam wegen des Youtube-Hits „Gangnam Style“ vor allem an den Sänger Psy denken, doch bei Koreanerinnen löst der Begriff eine ganz andere Assoziationskette aus: Gangnam ist das Mekka der Schönheitsindustrie.

In Seouls „Beauty Belt“ sind ganze Straßenzüge voll von Schönheitskliniken, auffällig viele Frauen laufen hier mit Sonnenbrillen und Verbänden durch die Gegend, um die Spuren ihrer OPs zu verdecken. 350 der über 1000 Kliniken des Landes haben sich in diesem Viertel angesiedelt.

Im „Beauty Belt“ haben sich auch die meisten von Lees alten Klassenkameradinnen die „Basics“ machen lassen, wie die Studentin sich ausdrückt. Unter „Basics“ versteht sie eine Augen-OP, bei der eine Falte ins Augenlid geschnitten wird. Im Gegensatz zu Europäern besitzt nur die Hälfte der ostasiatischen Bevölkerung von Geburt an ein doppeltes Lid. Der Eingriff gilt als beliebtestes Abiturgeschenk von Müttern an ihre Töchter. Einige Kliniken in Seoul bieten gezielte Rabatte an, etwa eine kostenlose Botox-Spritze für die Mutter, wenn sich die Tochter Augen und Nase machen lässt.

Die Eltern seien ohnehin oft die treibende Kraft, sagt Lee. Eine Klassenkameradin etwa wollte sich gar nicht operieren lassen, doch willigte letztendlich auf den Druck ihrer Mutter ein: „Die sind meist dafür, weil sie sich sonst als Underdog fühlen. Es machen ja ohnehin alle.“

In diesem Punkt sind sich alle einig, vom Soziologieprofessor bis hin zum Jugendlichen auf der Straße: Der extreme Konkurrenzdruck innerhalb der Gesellschaft sei Ursache dafür, dass viele junge Frauen meinen, sich durch Schönheitsoperationen einen Vorteil zu verschaffen. Für sie kann ein schönes Gesicht mehr wert sein als ein guter Universitätsabschluss, denn die koreanische Gesellschaft ist nicht nur stark männlich dominiert, sondern auch noch tief im traditionellen Glauben verwurzelt, nach dem menschliche Attribute wie Klugheit oder Aufrichtigkeit vor allem an äußere Gesichtsmerkmale geknüpft werden. So fungieren Schönheitsoperationen junger Frauen vor allem als Investition in die Heirats- und Berufschancen. Das Schönheitsideal ist klar definiert: Ein schmales, V-förmiges Gesicht ist gefragt, dazu große Augen, eine hohe Nase, möglichst weiße Haut und große Brüste – ein Typus, dem die meisten Koreanerinnen von Natur aus nicht entsprechen. „In Korea glauben alle, dass man mit einem westlichen Gesicht schöner aussieht“, sagt die Studentin Lee.

Die Schönheitskliniken tun alles Erdenkliche, um ihre Patienten so sanft wie möglich in ihren neuen Körper zu überführen. Die Betreiber des JK Plastic Surgery Center in Seoul sind wahre Meister darin. Im weißen Eingangsbereich wässert gerade eine der Empfangsdamen die Zimmerpalmen, während im Hintergrund ein Klavier beruhigend vor sich hin klimpert.

Eine, die den neuen Look möglich macht, ist die Chirurgin Baek Hye-won. Sie ist die Augenspezialistin bei JK. In den Ferienzeiten schneidet sie am Tag bis zu 16 Patienten ein künstliches Lid. „Manchmal haben die Leute unrealistische Vorstellungen von den Möglichkeiten einer OP“, sagt die 37-Jährige. Viele der jungen Frauen kämen zu den Beratungsterminen mit Bildern berühmter Popstars und wollen gezielt die Nase einer bestimmten Sängerin oder die Kieferform einer Schauspielerin. Es ist ein offenes Geheimnis, dass nahezu jede Frau im koreanischen Showgeschäft auf ihrem Weg ins Rampenlicht einen Zwischenstopp bei einer Schönheitsklinik eingelegt hat.

Die Risiken werden von der Branche nur allzu gern verschwiegen. „Die Unfälle nach Schönheitsoperationen steigen“, weiß Anwalt Shin Hyon-Ho zu berichten, der sich auf Behandlungsfehler spezialisiert hat. Als besonders gefährlich gilt die Kieferoperation, bei der beide Kiefer gebrochen und verkleinert werden, um eine feminine Gesichtsform herzustellen. 52 Prozent der Patienten leiden nach dem Eingriff unter Problemen. Im letzten August nahm sich eine 23-jährige Studentin nach einer solchen OP gar das Leben.

Ein Schicksal, das Ji Yeo erspart geblieben ist. Auch Jahre später als Fotografiestudentin in Seoul lässt sie das Thema nicht los – doch nun hat sie ein Ventil gefunden, ihr Trauma künstlerisch zu verarbeiten. „Beauty Recovery Room“ heißt ihre Fotostrecke. Sie zeigt junge Frauen direkt nach der OP, mit geschwollenen Augen, bandagierten Nasen und Fäden im Gesicht. Die Porträtierten schwanken zwischen körperlichen Schmerzen und gleichzeitiger Euphorie über ihr neu gewonnenes Äußeres. „Für die waren die Eingriffe so banal wie neue Schuhe kaufen.“

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