Welt : "Suppenküche Inc.": Saumagen in San Francisco

Thomas Kraft

Für einen, dessen Talent nach eigener Einschätzung vor allem darin besteht, alles falsch zu machen, erweist sich selbst das Land der ungeahnten Möglichkeiten nicht als paradiesischer Sehnsuchtsort. Und wenn der dann noch auf die Idee verfällt, ausgerechnet im Land des Fastfoods ein "anständiges Wirtshaus" mit Schweinsbraten, Saumagen und süffigem Bier zu eröffnen, dann grenzt das an kulinarischen Größenwahnsinn und unternehmerisches Glücksspiel.

Der gebürtige Oggersheimer Thomas Klausmann war der Nachbarschaft des alten Kanzlers wie auch seiner Arbeit als Fotograf überdrüssig geworden und machte sich, inspiriert von mehreren Enzians, seinem Lieblingsgastwirt Paul und Unmassen von herrlichen Rezepten, mit seinem Freund Heinzi auf den Weg nach Kalifornien, um diese Schnapsidee Wirklichkeit werden zu lassen.

Zwei Jahre später florierte das "Suppenküche" in San Francisco, ein echter money maker und eine Institution in der Stadt, so dass man fragen könnte, ob da überhaupt etwas falsch gelaufen ist. Eine schnelle Antwort darf man in diesem autobiografisch fundierten Roman nicht erwarten. Zwar heißt es schon im zweiten Satz des Buches, dass das "Kochen vielleicht die einzige Kunstform ist, die ihre Unschuld noch nicht gänzlich verloren hat", und der Erzähler zelebriert diese Einsicht mit größter Sinnenfreude und vielen Zitaten aus dem literarischen Zettelkasten, doch die bereits hier aufscheinende Melancholie relativiert diesen grandiosen Erfolg.

Saufen mit Heiner Müller

"Mein Leben ist ein großer Darm", lässt uns der Erzähler zu Anfang wissen, und so kommt es auf den folgenden 300 Seiten immer wieder zu orgiastischen Völlereien und Saufereien. Da wird gefressen, gequalmt, gevögelt und gekotzt, was der Körper aushält, ein bacchantisches Dauergelage vom underberg drinking contest bis zu raffinierten französischen Sieben-Gänge-Menüs. Doch daneben gibt es auch eine traurige Lovestory, als die heißgeliebte Mina urplötzlich verschwindet, und die nachhaltige Zerstörung des amerikanischen Traums, den betrunkene Indianer und nicht Büffelherden und ein sangesfroher Neil Young bevölkern.

Es wächst der Ekel vor Geschäft und Gästen, der alte Geist des Lokals geht verloren und am Ende steht ein zweitägiges Besäufnis mit dem todkranken Heiner Müller, der sich in Kalifornien erholen will und von seiner Freundin Laurie Anderson ins "Suppenküche" geschickt wird. Ausführlich und amüsant werden die Startschwierigkeiten des Unternehmens geschildert: eine Simpliciade mit Unterstützung moslemischer Familienclans, Proteste baptistischer Nachbargemeinden, die Freundschaft mit Drag Queens und Free Jazzern, Schlachtfeste mit Mahler-Musik und Zechgelage schottischer Highländer. Die Liebe geht (fast) immer durch den Magen und jede Speisung gleicht einem heiligen Zeremoniell.

Wer sich detaillierte Kochanleitungen oder Prominentenklatsch erwartet, wird enttäuscht werden. "Suppenküche" ist ein ehrliches, selbstkritisches Buch über die Verwirklichung einer verrückten und wunderbaren Idee, eine humorvolle Erfolgsgeschichte und zugleich ein Blues, der von Einsamkeit, Heimweh und verlorenen Lieben und Träumen erzählt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar