Welt : Terror-Rap statt Samba

In Sao Paulo lässt das größte Verbrecherkartell sich und seine Gewalt in populären Songs verherrlichen

Klaus Hart[Sao Paulo]

Die jungen Männer an der Straßenbar singen bei Bier und Caipirinha lauthals neue Hits mit. Samba, Bossa Nova, Gilberto Gil, Caetano Veloso? Nein, es sind sadistische Terror-Raps. Mitten in der brasilianischen Megacity Sao Paulo, nur ein paar Schritte von Lateinamerikas Leitbörse, den Großbanken und der Kathedrale entfernt, sind die Gewalthymnen der mächtigsten nationalen Verbrecherorganisation „Erstes Kommando der Hauptstadt“ (PCC) zu hören.

Die Songs beschreiben exakt die Lage in der Metropole, in dem Land mit 55 000 Gewalttoten jährlich. Sao Paulo, mit mehr als zehn Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt, wird seit Mai von Terroranschlägen des PCC heimgesucht. Ermordete Polizisten, Banken, Geschäfte und Busse in Flammen. Hauskomponisten und Musiker des PCC liefern den rhythmischen Background. Die Botschaft ist fast immer die gleiche: Unser Gegner ist der Staat, die Polizei; unsere Feinde mähen wir nieder, quälen sie zu Tode, verbrennen sie lebendig. Zahlreiche Radiosender der rasch wachsenden Slumperipherie spielen die PCC-Songs als Wunschmusik. Denn die Slums der brasilianischen Großstädte sind Hochburgen des organisierten Verbrechens, werden von den Kartellen wie ein Parallelstaat neofeudal regiert. Selbst Präsidentschaftskandidaten müssen dort Wahlkampftouren abbrechen, wenn die Gangsta-Patrouillen mit ihren hochmodernen Maschinenpistolen auftauchen.

Überall in den Großstädten werden die Gewalt-CDs von Händlern offen für nicht einmal einen Euro verkauft. Renatinho und Alemao (der Deutsche) aus Sao Paulo gelten als die beiden Hitmacher und wichtigsten PCC-Musikproduzenten. „Ich bin Terrorist, ich bin ein Taliban“, rappen sie auf einer ihrer populärsten Scheiben; in fast jedem Titel explodieren Bomben und Granaten, sind Schüsse zu hören. So wie in diesem: „Im Morgengrauen rücken wir aus, dann singt das MG / Messer an die Kehle, Schuss ins Genick, Terror und Aktion, mancher Gegner wird geköpft / Der Unterdrückte gegen die Unterdrückung/Wir hacken Köpfe ab, grillen unsere Gegner …“

Der brasilianische Grünen-Abgeordnete und Schriftsteller Fernando Gabeira, der einst als Diktaturgegner Jahre im Westberliner Exil zubrachte, prangert immer wieder an, dass in den Felsenhöhlen Rio de Janeiros Missliebige lebendig verbrannt werden, um die Slumbewohner einzuschüchtern.

Auf einer neuen Gangsta-CD steht schwarz auf weißem Grund: „PCC – nur Terroristisches – live in Santos“. Gemeint ist Brasiliens wichtigste Hafenstadt bei Sao Paulo, wo der in Brasilien produzierte VW Fox oder auch Kaffee, Zuckerrohrschnaps und Obst verschifft werden. Auch in den Slums von Santos veranstaltet der PCC Feten, auf denen Tausende von tanzenden jungen Leuten die Gangsta-Raps mitgrölen und sich mit PCC identifizieren. Die jüngsten Attentate werden gefeiert, verwendete Waffen aufgezählt: „Wir sind Soldaten, haben das deutsche G-3, aber auch Kalaschnikoffs, Granatwerfer, die israelische Uzi-Mpi, das Sturmgewehr Sig-Sauer aus der Schweiz, M-16-MGs aus den USA und österreichische Glock-Pistolen, Handgranaten aus Argentinien / Ja, wir sind finstere Typen, richtige Banditen/ Wir machen Terror wie in Bagdad, ganz im Stile Bin Ladens, halten auf die Würmer feste drauf / Her mit einem deutschen G-3 und einem vollen Magazin …“ Mit Würmern sind stets die Polizisten gemeint. Dass der rund 640 000 Mitglieder zählende PCC von Sao Paulo seit Jahren mit der zweitwichtigsten Verbrecherorganisation, dem „Roten Kommando“ aus Rio de Janeiro, zusammenarbeitet, erfährt man auch aus den Gangsta-Raps.

Warum identifizieren sich so viele junge Brasilianer auch per Terror-Rap mit dem organisierten Verbrechen? „Da das Gesellschaftssystem kalt und berechnend ist, grausam mit den Verlierern, dazu hierarchisch, machistisch und autoritär“, sagt der angesehene Anthropologe Luiz Eduardo Soares, „reproduzieren jene Jungen, die beim Verbrechen mitmachen, dieses System exakt so wie in der Gründerzeit des wilden, kolonialen Kapitalismus.“ Ihre Gewalthymnen dokumentierten das „Inferno unseres alltäglichen Krieges“, die Spaltung der Gesellschaft, die perversen Sozialkontraste.

Und die Privilegierten der Gesellschaft verbarrikadieren sich immer mehr. Wie in ganz Brasilien boomen auch in Sao Paulo geschlossene Wohnanlagen der Mittel- und Oberschicht – mit hohen Mauern, Stacheldraht, Hightech-Überwachungsanlagen und misstrauischer Privatpolizei.

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