Welt : Tiefe Hofknickse vor dem Abendessen

Bei seinem Staatsbesuch in Spanien erlebte der Bundespräsident den ganzen Prunk des königlichen Protokolls

Elisabeth Binder

Spanien kann so einfach sein. Mit Shorts in den Flieger und dann gleich an den Strand. Das ist die Perspektive der Ferienreisenden. Beim Staatsbesuch erlebt man die entgegengesetzte Seite. Das spanische Hofprotokoll gilt als das strengste in Europa. Jahrhundertealte Prunkzeremonien und phantasievolle Uniformen setzen einen stolzen Kontrast zur Urlaubslässigkeit. Als der Bundespräsident seinen Mallorca-Appell für mehr Respekt im Urlaub hielt, hatte er gerade zwei Tage Spanien mit aller königlichen Pracht hinter sich.

Jeder Schritt ist vorgezeichnet

In einem alten Rolls Royce geht es nach der Landung in Madrid mit großer Motorradeskorte zum Pardo-Palast. Mit grandiosen Sälen und Geheimtreppen diente er einst Franco als Wohnsitz. Nach dem Abschreiten der Ehrenformation nehmen König und Präsident mit ihren Frauen auf einer mit messingfarbenem Samt ausgeschlagenen Bühne Aufstellung. Lanzenreiter auf edlen weißen Pferden präsentieren ihre Fahnen, dann kommen Panzerreiter in schimmernder Rüstung auf braunen Pferden und schließlich die Treiber, Batidores, auf schwarzen Pferden. Das stolz gerufene „Viva", das immer wieder ertönt, ist Lichtjahre entfernt vom urlaubsplätschernden „Eviva España". Wo der Urlauber in den ersten Stunden allenfalls den Kopf aus der Sonne dreht, muss der Staatsbesucher immer an der richtigen Stelle den Kopf leicht senken. Glücklicherweise ist das Programmbuch des Auswärtigen Amtes reich an Skizzen, in denen praktisch jeder Schritt mit Strichelpfeilen vorgezeichnet ist. Am Schluss Kanonenwagen, bevor König und Königin ihren Gästen die Zimmer zeigen. Unnötig viel Zeit, sich frisch zu machen, bleibt nicht.

Durch einen weitläufigen Park mit Rehen und Hirschen geht es zum Zarzuela-Palast, wo die königliche Familie lebt. Nur eine Krone ziert das Nummernschild des Königs. In seiner Bibliothek eine zehnbändige Bibel, ein Yacht-Modell, aber auch ein deutschsprachiges Buch namens „Der kleine Doktor". Prinzessin Cristina, ihr Mann Inaki Urdangarin, Kronprinz Felipe und Juan Carlos I. begrüßen ihre Gäste im Eingang, die Königin kommt einen Moment später, entschuldigt sich, ganz ordnende Hausfrau.

Das Tischgespräch dreht sich um Politik, um EU-Osterweiterung, Terrorismus etc. Andererseits beteiligt sich auch der sechs Monate alte Königsenkel Miguel, indem er rasch die Herzen der Besucher erobert. Zwischen Paraden und Hymnen wird Rau ihn immer wieder erwähnen. Abends im grandiosen Stadtpalast: Thronsessel unterm Baldachin, viel dunkelroter Samt, unglaubliche Kronleuchter unter gemalten Engeln. Die Spitzen der Gesellschaft defilieren: tiefe Hofknickse und Diener vor König Juan Carlos und Königin Sofia, zackig zum Kuss hochgerissene Damenhände, knappe Verbeugungen vor der deutschen Delegation.

Zum roten Oberteil trägt eine patriotische Spanierin gelbbauschigen Tüllrock mit Bronzekugeln. An den Fräcken der Herren hängen riesige, frisch verliehene Orden. Die Spanier lieben Defilees; kein Cava für den König, ohne dass mindestens 120 Hände geschüttelt wurden. An einer endlos langen, mit alten, goldumrandeten Gläsern und Bestecken geschmückten Tafel nimmt die Gesellschaft schließlich Platz.

Wie ein Monumentalfilm

Ehrenmal, Rathaus, Abgeordnetenhaus. Goldene Bücher, mehr Reiter mit roten und weißen Federn auf goldenen Helmen. Auch der nächste Tag fliegt vorbei mit Szenen wie aus einem Monumentalfilm. Der Bürgermeister arbeitet sich in seiner Rede von den Westgoten langsam zu den Habsburgern vor. Johannes Rau bedankt sich für den Empfang „mit großen, teils aus dem Mittelalter stammenden Traditionen“, relativiert sie gleich darauf aber mit einem Lächeln: „Schade, dass unsere Kinder das nicht sehen, das würde uns ganz neuen Respekt verschaffen.“ Vor Zitronenfilet und Erdbeereis im Moncloa-Palast, dem Amtssitz des Ministerpräsidenten, hört Rau, dem nichts Politisches fremd ist, mit ernster Miene und lachenden Augen zu, wie Aznar von Journalisten gegrillt wird, weil seine schöne, fromme Frau politische Ambitionen hegt. Später wird er selber gegrillt, weil neben den prachtreichen spanischen Palästen sein eigener Amtssitz, das Schloss Bellevue, wie ein Gärtnerhaus wirkt. In unserem Land gehe es bescheiden zu, es dürfe nur nicht ärmlich wirken, sagt er .

Der Empfang, den er selbst für die königliche Familie und 400 Gäste im Pardo-Palast gibt, ist dafür stilistisch vergleichsweise modern, trotzdem edel. Eingeflogene Wildspezialitäten aus dem Brandenburger Hof, klassische Musik von „Concerto Brandenburgo"; die Königin plaudert im elfenbeinfarbenen Plisseerock, Christina Rau in schwarzem Stehkragensamt.

Unsere Variante der Air Force One ist ein Airbus namens Theodor Heuss, der sich am nächsten Morgen langsam Richtung Rollfeld in Bewegung setzt. Während draußen noch ein General salutiert, flimmern im Innern schon die Sicherheitsinstruktionen zur richtigen Handhabung der Schwimmwesten über die Monitore. Ganz wie im Ferienflieger.

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