Tierschutz : Die Jagd beginnt

Ab 1. Mai dürfen in Südafrika wieder Elefanten getötet werden – Tierschützer sind uneins.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Elefanten und Afrika – das gehört untrennbar zusammen. Die intelligenten Dickhäuter sind mehr als jedes andere Tier zum Wahrzeichen des schwarzen Kontinents geworden. Zogen noch vor 100 Jahren etwa drei Millionen dieser majestätischen Riesen durch Afrikas Savannen, beträgt ihre Population heute rund 600 000 Exemplare.

Davon lebt inzwischen fast die Hälfte im Südteil des Kontinents. Ihre explosive Vermehrung in den vergangenen Jahren hat nun Südafrikas Regierung auf den Plan gerufen. Würde die künstliche Regulierung der Bestände, zu der auch die gezielte Tötung zählt, nicht alsbald wiederaufgenommen, argumentiert Südafrikas Umweltminister Marthinus van Schalkwyk, drohe in den nächsten zehn Jahren allein im südlichen Afrika ein Anstieg der Bestände auf bis zu 400 000 Exemplare.

Dies ist auch der Grund, warum die Kaprepublik nun zum 1. Mai ein Moratorium auslaufen lässt, das den Abschuss der Dickhäuter ausdrücklich untersagte. Unter gewissen Umständen ist ab diesem Zeitpunkt das sogenannte „culling“, also das systematische Töten der Dickhäuter, wieder erlaubt.

Hintergrund der Entscheidung ist die vollkommen aus dem Ruder gelaufene Elefantenpopulation im Krüger-Nationalpark im Osten des Landes. Das 32 000 Quadratkilometer große Areal von der Größe Israels beherbergt zurzeit rund 14 000 Elefanten – doppelt soviel wie der Park eigentlich tragen kann. Experten sehen darin eine ökologische Zeitbombe: Wenn die Zahl der Dickhäuter längere Zeit deutlich über den maximal für den Park veranschlagten 8000 Tieren liegt, besteht die Gefahr einer Übernutzung und das Verschwinden gewisser Tier- und Pflanzenarten. Die Folge wären verödete Landstriche. Denn ein Elefant ist ein hungriger Bulldozer, der Bäume entwurzelt und die Erde umgepflügt. Eine Beschränkung wäre aber auch wegen des gewaltigen Appetits der Dickhäuter geboten: Ein einzelner Elefant verschlingt jeden Tag 150 kg an Pflanzenmasse und trinkt bis zu 200 Liter Wasser.

In gewisser Weise ist Südafrika ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden: Dank der Fürsorge des Managements leiden die Dickhäuter im Krügerpark kaum Mangel. Dürren, die Elefantenherden früher zu Gewaltmärschen durch das Innere des Kontinents veranlassten und denen dabei oft Tausende vor allem junger Tiere zum Opfer fielen, sind nicht länger notwendig. Heute finden die Elefanten in den vielen Staudämmen und Bohrlöchern genug Wasser.

Zudem haben die Dickhäuter wegen ihrer fehlenden natürlichen Feinde eine niedrige Sterblichkeitsrate. In einem solchen Umfeld gedeiht naturgemäß das Familienleben: Jedes Jahr bringen die Elefantenweibchen allein im Krügerpark rund 600 Jungtiere zur Welt.

Um angesichts der jährlichen Vermehrungsrate von rund 7 Prozent eine schleichende Zerstörung des Parks zu verhindern, hatten Südafrikas Wildhüter lange Jahre zur Flinte gegriffen: Zwischen 1968 und 1994 erlegten sie jedes Jahr 400 Dickhäuter. Anschließend wurden die toten Tiere im parkeigenen Schlachthof bis zum letzten Knochen verarbeitet, was über die Jahre zu immer lauteren Protesten führte. Auch jetzt machen Tierschutzorganisationen wieder mobil. Die Gruppe Animal Rights Africa (Ara) hat bereits mit Protesten für den Fall gedroht, dass Südafrika tatsächlich den massenweisen Abschuss der grauen Riesen aufnimmt. Dazu gehört sogar ein Aufruf von Ara für einen Tourismus-Boykott im Gastland der Fußball WM 2010. Andere Verbände wie der Internationale Tierschutzbund IFAW reagieren mit mehr Verständnis auf die Nöte der südafrikanischen Regierung – und haben sich von den Boykottaufrufen distanziert. „Wir sind traurig darüber, dass Elefanten wieder getötet werden sollen. Aber es ist im neuen Rahmenplan der Regierung lediglich als letzte Option vorgesehen“ erklärte IFAW-Sprecherin Christina Pretorius.

In der Tat will Südafrika nur im äußersten Notfall von der Abschussoption Gebrauch machen. Zum weiteren Arsenal im Kampf gegen die Vermehrung gehören der Einsatz von Verhütungsmitteln, die Umsiedlung ganzer Herden, aber auch die Vergrößerung bereits bestehender Wildparks.

Allerdings haben sich alle Hoffnungen, die Elefantendichte im Krügerpark durch das Niederreißen der Grenzzäune zum benachbarten mosambikanischen Limpopo-Transfrontier-Park zu begrenzen, bislang nicht erfüllt. Ursprünglich wollte Südafrika mehr als 1000 Elefanten im Krügerpark einfangen und umsiedeln. Wegen der hohen Kosten und schwierigen Logistik wurde das Projekt inzwischen aber gestoppt.

Zudem verfügt der Nachbarpark auch nicht über ausreichend Wasser, um einer größeren Zahl Dickhäutern eine Lebensgrundlage zu bieten. Auch das Verabreichen von Verhütungsmitteln bleibt umstritten, da noch unsicher ist, ob diese die Bullen nicht womöglich aggressiver machen. Ebenso unsicher ist, wie sich die Unfruchtbarkeit auf das Sozialverhalten der Herden auswirkt.

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