Tod auf Münchner S-Bahnstation : Dominik Brunner - Ein Held im Zweifel

Die Zeugenaussagen, nach denen Dominik Brunner vor seinem gewaltsamen Tod auf einer Münchner S-Bahnstation als Erster zugeschlagen haben soll, haben in München Irritationen ausgelöst. Die genauen Umstände können wohl erst vor Gericht geklärt werden.

Henry Stern[München]
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Als Vorbild gefeiert. Der Tod von Dominik Brunner wirft aber Fragen auf. -Foto: dpa

Sollten diese Aussagen zutreffen, könnten seine Ehrungen als großes Vorbild vorschnell gewesen sein. Zur Irritation trägt bei, dass es offenbar unterschiedliche Zeugenaussagen gibt zu der Frage, wer zuerst zugeschlagen haben soll. Genau diese Widersprüche sind der Grund, warum die Sprecherin der Staatsanwaltschaft München 1, Barbara Stockinger, auch am Montag nicht bereit war, zu den Informationen Stellung zu nehmen. Sie vertritt die Auffassung, dass der genaue Hergang erst vor Gericht geklärt werden kann.

Dominik Brunner war posthum das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. Eine „Dominik-Brunner-Stiftung“ und eine Initiative „Münchner Courage“ versuchten mit prominenter Hilfe etwa von FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß mit Brunners Beispiel für ein mutiges Eintreten gegen Gewalt zu werben. Erst kurz vor Weihnachten erinnerten trotz eisiger Temperaturen rund 3000 Menschen auf dem Münchner Odeonsplatz an den tragischen Tod: „Dominik Brunner war im positiven Sinne ein Held“, sagte dabei Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer.

Dieses Bild würde Risse bekommen, wenn sich die Aussagen erhärten würden, dass er derjenige war, der angefangen hat. Da er Kampfsportler gewesen ist, steht die Frage im Raum, ob er möglicherweise selber fragwürdige Motive in dieser Auseinandersetzung hatte.

Erst vergangene Woche hatte die Staatsanwaltschaft München I gegen die beiden 17- und 18-Jahre alten Hauptbeschuldigten Mordanklage erhoben. Die Täter sollen Brunner auf dem Bahnsteig in Solln mit Schlägen und Tritten insgesamt 42 letztlich tödliche Verletzungen zugefügt haben, „um sich an ihm für seine Einmischung zu rächen“. Damit sei das Mordmerkmal der niederen Beweggründe erfüllt.

Ob das Gericht letztlich der Argumentation der Ankläger folgen wird, hängt am Ende von der Rekonstruktion der letzten Minuten im Leben des Dominik Brunner ab: So soll der Lokführer der S-Bahn, mit der Brunner, die vier von ihm beschützten Schüler sowie die beiden Schläger zuvor unterwegs waren, zu Protokoll gegeben haben, ohne Brunners Attacke wäre die Situation glimpflich ausgegangen.

Derzeit ist der Hergang alles andere als klar. Selbst wenn Brunner zuerst zugeschlagen hat, müsste geklärt werden, ob er das nicht zur präventiven Abwehr getan hat, weil die Schläger Anstalten machten, ihn anzugreifen.

Für das Strafmaß wird der genaue Tathergang von großer Bedeutung sein: Statt Mord könnte deshalb am Ende auch Totschlag stehen, oder gar nur Körperverletzung mit Todesfolge. Dass Brunner starb, hängt offenbar auch mit unglücklichen Umständen zusammen, so soll er bei der Auseinandersetzung so gestürzt sein, dass er mit dem Kopf gegen ein Geländer knallte.

Gewaltexperten hatten bereits direkt nach der Tat erklärt, dass es in solchen Situationen nicht ratsam sei, sich auf eine direkte körperliche Konfrontation mit den Schlägern einzulassen. Viel sinnvoller sei es, umstehende Passanten laut um Hilfe zu bitten und sie aufzufordern, die Polizei anzurufen. Solches Verhalten wirke deeskalierend und habe am Ende mehr Erfolg als die direkte Auseinandersetzung.

Was aber die genaue Aufklärung des Falls angeht, wird die Öffentlichkeit warten müssen. Mit einem Beginn des Prozesses ist nicht vor April zu rechnen.

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