Welt : Tödliches Unverständnis

Den Piloten des bei Athen abgestürzten Flugzeugs fehlte es am Nötigsten – einer gemeinsamen Sprache

Rainer W. During

Zwischen den beiden Piloten der am 14. August bei Athen verunglückten Boeing 737 muss völlige Konfusion geherrscht haben. Wartungs- und Pilotenfehler haben die Katastrophe verursacht, berichtete die „International Herald Tribune“ unter Berufung auf ungenannte, der Untersuchung nahe stehende Kreise. Danach haben die Ermittler inzwischen aufgrund der Auswertung des Flugdatenschreibers und der Aufzeichnung des Funkverkehrs sowie der Untersuchung der Wrackteile ein ziemlich genaues Bild der Ereignisse. Die Maschine der zypriotischen Helios Airways war mit 121 Menschen an Bord wurde zweieinhalb Stunden nur vom Autopiloten gesteuert. Als der Treibstoff verbraucht war, stürzte sie ab.

Dem Bericht zufolge sollen Mechaniker bei der nächtlichen Wartung der Maschine in Larnaca den Wiedereinbau des Drehschalters für das Drucksystem vergessen haben. Deshalb sei die Anlage funktionsuntüchtig gewesen. Das hätten die Piloten aber offenbar bei ihren Checks nicht bemerkt. Weil die Luft in den üblichen Reiseflughöhen von zehn bis zwölf Kilometern zum Atmen zu dünn ist, wird in den Flugzeugkabinen ein künstlicher Überdruck erzeugt, der einer maximalen Höhe von 2500 Metern entspricht

Als die Boeing eine Flughöhe von 3000 Metern erreichte hatte, sei das Warnsignal für zu niedrigen Kabinendruck ertönt, so der Bericht. Die Piloten hätten jedoch geglaubt, es handele sich um das identische Signal für eine mangelhafte Startkonfiguration der Maschine. Diese Warnung ist aber nur am Boden aktiv. Auch als dann in 4200 Metern Höhe in der Kabine automatisch die Sauerstoffmasken von der Decke fielen, eine Warnlampe im Cockpit aufleuchtete und ein weiterer Warnton eine mangelnde Kühlung im Elektronikraum signalisierte, leiteten die Piloten keinen Sinkflug ein. Die Englischkenntnisse des deutschen Flugkapitäns und des zypriotischen Kopiloten hätten nicht ausgereicht, um das Problem zu diskutieren.

Statt sofort zur eigenen Sauerstoffmaske zu greifen, sei der Flugkapitän aufgestanden, um den zweiten Warnton durch Entfernen einer Sicherung an der Rückwand des Cockpits abzustellen. Kurz danach müssen beide Piloten durch den Sauerstoffmangel bewusstlos geworden sein. Offen bleibt in dem Bericht die Frage, warum auch der Kopilot ausfiel, obwohl er seine Sauerstoffmaske trug. Der Autopilot ließ die Boeing steigen und nahe Athen in eine Warteschleife fliegen. Vergeblich versuchte ein Flugbegleiter mit Privatpilotenausbildung noch, das Steuer zu übernehmen. Während der Sauerstoff für die Passagiere nur 20 Minuten reicht – genug, wenn die Maschine bei einem Druckabfall sofort in eine sichere Höhe gesteuert wird – verfügt das Kabinenpersonal über Sauerstoffgeräte.

Derweil ergab die Untersuchung des Flugzeugabsturzes vor Sizilien am 6. August, dass die Maschine vom Typ ATR 42 der Gesellschaft Tuninter keinen Treibstoff mehr hatte. Grund dafür war offenbar, dass Techniker eine Treibstoffanzeige eingebaut hatten, die für den Flugzeugtyp nicht taugte und noch einen vollen Tank anzeigte, als der schon leer war.

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