Tourismus in Russland : Ruhe am Baikalsee

Die russische Tourismusbranche leidet unter der Krise. Viele Landleute können sich nicht mal Urlaub in der Heimat leisten, und ausländische Besucher schreckt der Konflikt mit der Ukraine ab.

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Die Reiseveranstalter müssen um jeden Kunden für Fahrten mit der Transsibirische Eisenbahn kämpfen.
Die Reiseveranstalter müssen um jeden Kunden für Fahrten mit der Transsibirische Eisenbahn kämpfen.Foto: dpa

Auf Hochglanzpapier rauscht der Zug in scharfer Kurve am Baikalsee vorbei. Tamara Schischkina schwenkt den Prospekt wie eine Trophäe. „Mit der Transsib zum Baikal-See und dabei das halbe Land sehen. Davon habe ich schon als Schülerin geträumt“, sagt sie. Ihre Nachbarn waren vor drei Jahren da und hellauf begeistert. Vorsichtig erkundigte sich Frau Schischkina nach den Kosten – und buchte dann doch lieber Ägypten. 14 Tage, all inclusive. „Wir mussten uns um nichts kümmern. Keine Flüge buchen, keine Hotels, und am Buffet konnte man essen, so viel man wollte.“ Das habe sie weniger gekostet als die Baikal-Reise der Solowjows, die sich alles allein organisieren mussten. Diesen Sommer soll es nun doch der Baikalsee sein. Das günstigste Angebot, das sie bekamen, liegt bei knapp unter 10000 Rubel (etwa 182 Euro), allerdings ohne Bahn-Ticket.

Doch das würde man durch einen Frühbucherrabatt vierzig Prozent billiger bekommen. Kein Wunder. „Wir ringen um jeden einzelnen Kunden“, sagt eine Dame am Tresen jenes Moskauer Reiseveranstalters, von dem die Schischkins ihr Hochglanz-Prospekt haben. Rezession und Rubelschwäche haben die russische Tourismus-Branche hart getroffen. Die Wechselkurse haben sich zwar stabilisiert, aber auf sehr hohem Niveau. Ein Euro kostete vor einem Jahr und 40 Rubel, jetzt sind es 55 und es gibt keine Garantie, dass es nicht wieder 80 werden wie zu Jahresbeginn. Allein schon das drückt die Nachfrage nach Auslandsreisen. Dazu kommt die Inflation, wegen die Russen derzeit am Monatsende mit 13 Prozent weniger Gehalt nach Hause geht als noch im Mai 2014. Buchungen für Auslandsreisen, die schon Ende 2014 stark rückläufig waren, brachen daher im ersten Quartal 2015 noch mal kräftig ein.

Vor allem bei den Städte-Reisen nach Europa, die bei Mittelstand und Bildungsbürgertum extrem populär waren. Allein für Deutschland-Touren sank die Nachfrage um 33 Prozent, bei Reisen in die Baltikstaaten und Bulgarien – schon zu Sowjetzeiten beliebt und auch für den kleineren Geldbeutel erschwinglich – waren es sogar 45 bis 50 Prozent. Auch die Türkei und Ägypten sind nicht mehr so gefragt. Viele Russen bleiben lieber im eigenen Land. Doch darauf ist die Branche schlecht vorbereitet. Denn Russland-Reisen galten bisher als uncool, Inland-Urlauber als Sonderlinge. Nach Kaliningrad oder Kamtschatka fragte die Kundschaft in den Reisebüros erst, als die Wirtschaftskrise sich im vergangenen Sommer ankündigte. Hektisch änderten viele das Geschäftsmodell. Doch das brachte vielen nichts.

100000 Touristen für die Krim

Die Branche,so sagt es ein Top-Manager, sei auf dem besten Weg, sich selbst zu kannibalisieren – mit Dumping-Preisen, die häufig nicht einmal die Selbstkosten decken. So ist eine Woche Strandurlaub an der kaukasischen Schwarzmeerküste mit Flug, Hotel und Vollpension im Juni bereits für knapp 10 000 Rubel zu haben, auf der Krim sind dafür sogar nur 6000 Rubel (109 Euro) zu berappen. Obwohl allein der Flug zu beiden Destinationen 8500 Rubel kostet. Für Kost und Logis kalkulieren die Reiseveranstalter nach eigenen Angaben Kosten mit rund 2900 Rubel (53 Euro) pro Tag und Nase. Zumindest in der Hauptsaison im Juli und August. Sogar bei dem Branchenführer Intourist geht es in diesem Jahr nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Verlustminimierung. Entlastung, glaubt ein Vertriebsmanager, bringe nur die Masse. Um die Kosten halbwegs in den Griff zu bekommen, müsse sein Konzern im Sommer mindestens 100000 Touristen auf die Krim schicken, „Das sind 5000 pro Woche“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will, um der Konkurrenz keine Angriffsfläche zu bieten.

Schon im April habe Intourist damit begonnen, die Region „offensiv zu bewerben“. Kurz zuvor hatte Regierungschef Dmitri Medwedew die dortige Regierung ermahnt, sich allmählich auf eigene Ressourcen zu besinnen. Eine Neuauflage des Konjunkturprogramms vom letzten Jahr werde es nicht geben. Gleich nach dem Beitritt der Schwarzmeerhalbinsel hatte der russische Staat seine treuen Diener quasi zum Nulltarif auf Krim-Urlaub geschickt, um bei jammernden Pensionswirten, die uns Geschäft fürchteten, zu punkten. Viele Touristikfirmen drücken auf der Krim den Preis nun schon mal um das Fünffache. Trotzdem haben sie Angst davor, auf den angemieteten Kapazitäten sitzen zu bleiben. Die Buchungen, hieß es bei mehreren Moskauer Reisebüros, liefen schon mal besser. Noch hofft man darauf, dass die russische Urlauber kurzentschlossen buchen.

Dennoch sucht man parallel nach alternativen Einnahmequellen: Russland-Reisen für Ausländer wären eine Möglichkeit. Theoretisch. „Praktisch ist Russland derzeit bei Ausländern in etwa so populär wie Myanmar oder Jamaika“, sagt eine Vertriebschefin. In der Tat: Auf dem Travel and Tourism Competitiveness Index (TICI), der die Wettbewerbsfähigkeit in 141 Staaten abbildet, steht Russland, was kulturelle und historische Sehenswürdigkeit angeht, zwar auf Platz 21 und bei Naturschönheiten immerhin an 34. Stelle. Bei Offenheit dagegen nur auf Platz 120. Schuld sind vor allem die rigiden Einreisebestimmungen. Ganze 18,4 Millionen ausländische Besucher, die insgesamt 12 Milliarden US-Dollar in Russland ausgaben, zählte man im Jahr 2013. Zum Vergleich: Spanien besuchten im gleichen Zeitraum 61 Millionen Menschen, die 63 Milliarden Dollar ausgaben. Die Daten für 2014 liegen noch nicht vor, wegen der Ukraine-Krise dürften aber wohl noch weniger Menschen nach Russland reisen als zuvor.

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