Welt : Türkei: Die Deutschen vor Antalya

Susanne Güsten

Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, die Wassertemperaturen gehen auf die 30 Grad zu, und die Strandliegen sind voll besetzt. Die Urlaubssaison in der Türkei ist in vollem Schwung, und es ist eine gute Saison: Fünf Millionen ausländische Besucher sind schon gekommen, weitere acht Millionen werden noch erwartet - der Ansturm übertrifft selbst die optimistischsten Erwartungen der Tourismusbranche. Nur Türken sind an den Stränden kaum anzutreffen, wenn sie nicht gerade Getränke servieren oder den Müll aufsammeln. Die Wirtschaftskrise des Landes, die den Urlaub an der türkischen Riviera für Westeuropäer in diesem Jahr so billig macht, lässt ihn für die Türken selbst fast unerschwinglich werden. "Für die große Mehrheit der Türken ist ein Urlaub zum Luxusgut geworden", sagt Hüseyin Baraner vom Institut für Tourismusstudien in Antalya.

Rund die Hälfte ihres Wertes hat die türkische Lira seit Februar verloren, und im Tourismus schlägt die Abwertung am schnellsten und härtesten durch. Anders als Brot, Benzin und andere Waren des täglichen Bedarfs, deren Preise seit der Entwertung schrittweise hochkriechen, werden die Hotelpreise in der Türkei auf D-Mark- und Dollarbasis kalkuliert. Das bedeutet für türkische Urlauber, dass sich die Preise mit einem Schlag verdoppelten - während sie für Ausländer mit harter Währung gleich und damit relativ günstig blieben.

Zum Thema Online Spezial: Die Krise in der Türkei "Einheimische Urlauber müssen draußen bleiben", titelte eine türkische Zeitung kürzlich. Wegen des Andrangs aus dem Ausland stiegen die Preise zu Beginn der Hochsaison auch in harter Währung noch einmal, was die einheimischen Urlauber mit ihrer schwachen Lira doppelt so hart traf wie die ausländischen Besucher. Wie viele Türken in diesem Jahr ganz auf den Urlaub verzichten müssen, kann zwar noch niemand beziffern. Alleine der Fremdenverkehrsverband Antalya rechnet aber mit einem Rückgang einheimischer Besucherzahlen um mindestens ein Viertel; der Einbruch in diesem Sektor werde "sehr stark" sein, meint auch Baraner.

Die Hoteliers trauern den einheimischen Urlaubern nicht nach, können sie die freien Betten nun doch mit ausländischen Touristen füllen. Auch die türkische Bevölkerung trägt es mit Fassung - weiß doch jedes Kind im Land, wie wichtig die Einnahme harter Währung aus dem Tourismus gerade in diesem Jahr für die Volkswirtschaft ist. Für Unmut sorgt allerdings der Verdacht, dass die Touristen aus dem Ausland obendrein selbst in harter Währung gerechnet weniger bezahlen müssen als Türken. "Die deutschen Pauschaltouristen zahlen für ein Hotel in Antalya rund 30 Mark am Tag mit Halbpension, wir zahlen um die 100 Mark", beschwert sich ein verhinderter Urlauber in einem türkischen Chat-Forum zu dem Thema.

Aufschläge für Türken dementiert der Hotelierverband zwar, doch Reiseveranstalter räumen die Unterschiede ein. Zudem, so merken Tourismusexperten an, buchen die meisten Westeuropäer zweiwöchige All-inclusive-Aufenthalte, die pro Tag billiger zu haben sind als das verlängerte Wochenende, das sich die krisengeschüttelten Türken noch erlauben wollen. Trotzdem verbittert es manche, dass sie im eigenen Land als "Gäste zweiter Klasse" behandelt werden, wie es ein Teilnehmer am Internet-Forum ausdrückt: "Wacht auf, Landsleute, diese Küsten gehören uns!"

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