Türkei : Ein Geständnis und viele offene Fragen

Monatelang war ein 17-Jähriger nach einem grausigen Mord in Istanbul untergetaucht – jetzt stellte er sich.

Susanne Güsten[Istanbul]

Ein schönes Mädchen, ein grausiger Mord, ein Hauptverdächtiger aus reichem Hause, der nach der Tat spurlos verschwindet – seitdem die enthauptete Leiche der 17-jährigen Münevver Karabulut im März in einer Mülltonne in Istanbul gefunden wurde, fesselt der Fall die Öffentlichkeit in der Türkei. Ein halbes Jahr lang war der ebenfalls 17-jährige Cem Garipoglu, der Freund Münevvers, als meistgesuchter Mordverdächtiger des Landes auf der Flucht. Jetzt stellte sich der Sohn eines wohlhabenden Unternehmers der Polizei und gestand die Tat. Doch die Fragen hören damit nicht auf.

Nach dem Mord hatte die Polizei in der Villa der Garipoglus unter anderem eine blutige Säge gefunden, doch von Cem fehlte jede Spur – bis sich in der Nacht zum Donnerstag ein Unbekannter bei Cems Anwalt Aytekin Kaya meldete. Der Teenager warte am Rand einer Schnellstraße, sagte der Mann dem Anwalt. Kaya fand Cem an der angegebenen Stelle und brachte ihn zur Polizei. Sagt jedenfalls der Anwalt.

Gleich im ersten Verhör gestand Cem, Münevver aus Eifersucht mit einem Brotmesser erstochen zu haben: Er habe rot gesehen, weil er Kurzmitteilungen eines Rivalen auf ihrem Handy fand. Nach dem Mord habe er die Leiche beseitigen wollen: „Sie passte nicht in den Koffer, da sägte ich ihr den Kopf ab.“ Der Kopf wurde in einem Gitarrenkoffer neben der Mülltonne mit dem Rest der Leiche gefunden. Er bereue alles, sagte Cem. „Ich wünschte, ich wäre tot.“ Ein Jugendrichter erließ Haftbefehl wegen Mordes. Bei einer Verurteilung muss Cem mit bis zu 24 Jahren Haft rechnen.

Niemand in der Türkei glaubt, dass der Fall damit vollständig aufgeklärt ist. Es gibt zu viele Ungereimtheiten. Er sei nach dem Mord von einem Unbekannten in ein Haus im Westteil von Istanbul gebracht worden, in dem er die ganze Zeit über geblieben sei, sagte Cem aus. Wer für ihn sorgte, sagte er nicht.

All das macht die türkischen Medien misstrauisch. „Das war eine wohl organisierte Sache“, kommentierte die Zeitung „Hürriyet“. Cems Vater, ein Schnapsfabrikant, sitzt wegen des Verdachts auf Beihilfe in Untersuchungshaft; an seinen Kleidern fand die Polizei das Blut Münevvers. Cems Mutter ist in den USA. Trotzdem erklärte die Polizei, Cem sei „von der Familie“ bewegt worden, sich zu stellen. „Welche Familie denn?“, entrüstete sich Karabulut-Anwalt Altan Altinyurt. „Das ist doch alles Theater.“

Schon seit Monaten wird spekuliert, der erfolglose Fahndungsverlauf könne etwas mit dem Geld und den Beziehungen der Garipoglus zu tun haben. Erst nach der Ernennung eines neuen Polizeichefs in Istanbul vor wenigen Wochen war Schwung in die Ermittlungen gekommen. Doch auch nach der Festnahme des geständigen Mörders stehe noch lange nicht fest, dass er nun seine verdiente Strafe bekomme, schrieb der Kolumnist Yilmaz Özdil.

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