Türkei: Großprojekte für die Olympischen Spiele : Und hier das Stadion!

Noch grasen rund um Akpinar die Kühe. Doch bis 2020 will die türkische Regierung in dem Dorf ein supermodernes Stadion bauen, bis 2023 soll hier eine ganze Großstadt entstehen.

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Kein Platz für Kühe. Hier soll nach dem Willen der türkischen Regierung das Stadion für die Olympischen Spiele 2020 entstehen.
Kein Platz für Kühe. Hier soll nach dem Willen der türkischen Regierung das Stadion für die Olympischen Spiele 2020 entstehen.Foto: Kerem Uzel

Noch regiert die Ruhe im verschlafenen Dorf Akpinar, rund 40 Kilometer nördlich von Istanbul. Nur eine staubige und löchrige Landstraße verbindet den Ort mit dem Rest der Welt, und die Umgebung gleicht wegen der vielen Sand-, Ton- und Kohlegruben teilweise einer Mondlandschaft. Im Teehaus von Akpinar sitzen die Männer unter einem schattigen Vordach, die Frauen kaufen auf dem Markt ein, am Dorfrand grasen die Kühe. Doch damit könnte es bald vorbei sein. „Das Stadion wollen sie gleich hinter dem Hügel da bauen“, will Dorfbewohner Necdet Bilgic erfahren haben. Und zwar nicht irgendein Stadion. In Akpinar sollen, so wünscht es sich jedenfalls die Regierung in Ankara, die Olympischen Spiele des Jahres 2020 stattfinden.

Olympia im Kuhdorf? Wenn die Regierung ihre Pläne umsetzen kann, dann wird es so kommen. Nur wird Akpinar dann kein Kuhdorf mehr sein, sondern Teil einer funkelnagelneuen Stadt, die hier in der Nähe der Schwarzmeerküste in den kommenden Jahren entstehen soll. „Yeni Sehir“ – Neue Stadt – soll die Siedlung für eine Million Menschen heißen, die nach Vorstellungen der Planer einen riesigen Flughafen, Universitäten und eben auch ein Olympia-Zentrum mit Stadion und Olympischem Dorf für 25 000 Athleten erhalten soll. Auf 16 000 Hektar soll hier eine der modernsten Städte Europa gebaut werden.

„Ein ziemlich ehrgeiziges Projekt“ sei das, sagt der amerikanische Städteplaner und Architekt Sidney Rasekh von der Firma Urban Green Global, der als Berater der Istanbuler Behörden die Pläne für „Yeni Sehir“ entworfen hat. Rasekh spricht von einer Stadt, die dank eines modernen Nahverkehrssystems und Fahrrädern fast ohne Autos auskommt, die 20 Prozent ihres Gemüsebedarfs innerhalb der Stadtgrenzen produziert und die nicht zuletzt wegen vieler Grünanlagen sehr attraktiv sein wird. In den 1980er Jahren hatte Rasekh dabei geholfen, dem kanadischen Vancouver die Auszeichnung der Vereinten Nationalen als der lebenswertesten Stadt der Welt zu sichern. Nun will er seine Konzepte in Yeni Sehir anwenden.

„Yeni Sehir“ ist eine Herzensangelegenheit von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Im vergangenen Jahr verkündete Erdogan ein milliardenschweres Bauprogramm unter dem Titel „Tollkühnes Projekt“. Dazu gehören die neue Stadt im europäischen Teil Istanbuls ebenso wie eine Neugründung am asiatischen Ufer, ein neuer Kanal zwischen Marmarameer und Schwarzem Meer und der neue Flughafen. Zusammen mit Madrid und Tokio ist Istanbul in der Endausscheidung für die Olympischen Spiele 2020; die endgültige Entscheidung über deren Austragungsort wird im kommenden Jahr fallen. Bis dahin wollen die Türken das Internationale Olympische Komitee beeindrucken.

Der Airport mit sechs Startbahnen soll mindestens hundert Millionen Passagiere im Jahr befördern – damit wäre er einer der größten der Welt. Gedacht wird auch an eine Hochgeschwindigkeitsbahn, die Reisende in nur 15 Minuten ins Istanbuler Stadtzentrum bringen soll. All das soll bis zum 100. Republiksjubiläum der Türkei im Jahr 2023 fertig sein – die Olympiaanlagen schon drei Jahre früher. Fünf Milliarden Dollar soll allein der neue Flughafen kosten, für „Yeni Sehir“ gibt es keine offiziellen Schätzungen. Tollkühn eben.

Architekt Rasekh betont, mit „Yeni Sehir“ werde eine von den vielen Sandgruben entstellte Landschaft beträchtlich aufgewertet. Er ist sich sicher, dass das Vorhaben trotz der relativ kurzen Zeit gelingen kann. „Ja, ich glaube, sie können es schaffen“, sagt Rasekh über die türkischen Behörden und Baufirmen. Allerdings gebe es „keine Leerlaufzeit“.

In den Dörfern, die im Einzugsbereich von Flughafen und „Yeni Sehir“ liegen, diskutieren jetzt die Bewohner über das Projekt. Mehmet Güven aus Tayakadin, das rund zehn Kilometer nordwestlich von Akpinar und am Rande des geplanten Airports liegt, ist misstrauisch. „Andere verdienen das Geld, und wir haben nur den Krach“, sagt er. Dagegen kann es für den 80-jährigen Rentner Bahattin Durukan gar nicht schnell genug gehen. „Das wird super“, freut sich der rüstige Alte. „Wir werden viel Geld mit unserem Land verdienen.“

Auch in Akpinar gehen die Meinungen auseinander. „Das bringt Einkommen und Arbeitsplätze,“ sagt Ersin Kriga im Teehaus. Yücel Akin, ein anderer Gast im Teehaus, ist weniger optimistisch. „Mit unserer Ruhe wird es vorbei sein“, sagt er. „Das ist nicht gut.“

Da kann Akif Burak Atlar nur zustimmen. Der Chef der Istanbuler Vertretung des türkischen Stadtplaner-Verbandes hält „Yeni Sehir“ für ein verhängnisvolles Projekt. Zusammen mit der ebenfalls geplanten dritten Autobahnbrücke über den Bosporus werde die neue Siedlung den Istanbuler Norden der Zersiedlung preisgeben – dabei habe die Stadt dieses Gebiet eigentlich als grüne Lunge der 15-Millionen-Stadt erhalten wollen. Istanbul sei drauf und dran, all seine Naturreservate zu verlieren, befürchtet der Stadtplaner.

Eine Hoffnung hat Atlar aber trotzdem: Es habe auch schon andere hochfliegende Projekte gegeben, aus denen nie etwas geworden sei, sagt er. „Die verschwanden einfach in der Schublade.“

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