Turkish Airlines : Absturz des Ansehens

Die Turkish Airlines hatte mit großen Anstrengungen ihr Image verbessert – mit dem Unglück von Amsterdam ist es wieder lädiert. Die Fluggesellschaft wurde von ihrer negativen Vergangenheit eingeholt.

Rainer W. During
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Experten untersuchen das Wrack der verunglückten Maschine in Amsterdam. Foto: dpa

Anfang der kommenden Woche hoffen Experten auf erste Ergebnisse der Auswertung der Flugschreiber der beim Anflug auf den Flughafen Amsterdam-Schiphol abgestürzten Boeing 737-800 der Turkish Airlines. Bei dem Unglück am Mittwoch waren neun Menschen ums Leben gekommen, darunter zwei Mitarbeiter des amerikanischen Flugzeugherstellers und die drei Piloten. Bisher gehen die Ermittler davon aus, dass beide Triebwerke aus noch unbekannter Ursache kurz vor der Landung aussetzten.

Für Turkish Airlines ist der Unfall eine doppelte Katastrophe. In den vergangenen Jahren hatte sich das halbstaatliche Unternehmen, das 2008 sein 75-jähriges Bestehen feierte, mit enormen Kraftanstrengungen und Investitionen zur Spitzengruppe der internationalen Luftverkehrsgesellschaften hochgearbeitet. Durch den Absturz wird die THY – so das Kürzel für den türkischen Originalnamen Turk Hava Yollari – nun von ihrer negativen Vergangenheit eingeholt.

Einst hatte THY – wie viele türkische Fluggesellschaften – einen schlechten Ruf. 13 Unfälle mit Todesopfern weist die Firmenstatistik seit 1959 auf, zehn davon ereigneten sich allerdings vor 1990. Der Absturz einer Maschine einer anderen türkischen Airline, Birgenair, der 176 deutsche Urlauber in der Dominikanischen Republik das Leben kostete, hatte 1996 dazu geführt, dass Deutschland Sicherheitskontrollen für ausländische Flugzeuge einführte. Mehr als 12 000 solcher Ramp-Checks gab es seitdem in der Bundesrepublik, heute sind sie Standard in allen EU-Staaten. Schon damals zählte Turkish Airlines nicht zu den Gesellschaften, die wegen nachgewiesener Mängel mit einem Einflugverbot belegt wurden. Sie und die meisten anderen türkischen Fluggesellschaften operieren heute auf hohem Standard. Auch die Überwachung der nationalen Luftfahrtunternehmen durch die türkischen Behörden entspricht jetzt den Anforderungen der Weltluftfahrtbehörde ICAO, bescheinigte die US-Bundesluftfahrtbehörde FAA.

Im Gegensatz zur EU machen die USA die Einfluggenehmigung für Fluggesellschaften eines Landes von der Qualität der Überwachungsfunktion der jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörde abhängig. Bei ihren Kontrollen in der Türkei hatten die strengen amerikanischen Prüfer nichts zu bemängeln. Auf der schwarzen Liste der FAA stehen als einzige europäische Länder Kroatien und Serbien.

Für den Einflug in die EU sind sämtliche Airlines aus Angola, Äquatorialguinea, Gabun, Kirgisistan, Kongo, Liberia, Sierra Leone, Swaziland sowie Indonesien gesperrt. Dazu kommen die nordkoreanische Air Koryo, die afghanische Ariana, je eine Fluggesellschaft aus Kambodscha, Ruanda und dem Sudan sowie drei Airlines aus der Ukraine.

Der letzte Unfall bei Turkish Airlines hatte sich am 8. Januar 2003 ereignet, als ein Regionaljet bei schlechtem Wetter auf einem Inlandsflug beim Landeversuch in Diyarbakir abstürzte. 75 Menschen kamen ums Leben. Am 7. April 1999 starb die sechsköpfige Crew beim Absturz einer Boeing 737-400, die in Adana zu einem Leerflug gestartet war. Ursache soll ein verklemmtes Ruder gewesen sein. Am 29. Dezember 1994 gab es 57 Tote, als eine Boeing 737-400 im Schneesturm beim Anflug auf Van abstürzte. Die Piloten hatten vier Landeversuche unternommen, anstatt einen Ausweichflughafen anzusteuern.

In den vergangenen Jahren hatte Turkish Airlines die Standards bei Ausbildung und Wartung deutlich verbessert und mit großem Aufwand ein neues Image aufgebaut. Höhepunkt war 2008 die Aufnahme in den von der Lufthansa dominierten Star-Alliance-Verbund. Derzeit befindet sich die THY im Streit mit der Luftverkehrsgewerkschaft Hava-Is. Obwohl diese einen Großteil der Flugzeugtechniker repräsentiert, hat die THY-Geschäftsleitung für den Wartungsbetrieb ein Abkommen mit der Metallarbeitergewerkschaft getroffen. Nach massiven Protesten wird der Vorgang jetzt von den türkischen Behörden geprüft.

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