Welt : Um 10.58 Uhr läuteten in Eschede die Glocken

REIMAR PAUL

ESCHEDE .Mit Blumen, Glockengeläut und Gottesdiensten haben am Jahrestag der ICE-Katastrophe von Eschede Überlebende, Hinterbliebene und Rettungskräfte am Unglücksort der Opfer gedacht.Um 10.58 Uhr, dem Zeitpunkt des Unglücks am 3.Juni 1998, läuteten am Donnerstag in Eschede die Kirchenglocken.Der Zugverkehr ruhte dort für zehn Minuten.Bahn-Chef Johannes Ludewig und Bundesverkehrsminister Franz Müntefering nahmen an einem Trauergottesdienst für die 101 Toten teil.119 Menschen wurden damals verletzt.

Die Pfeiler der zerstörten Eisenbahnbrücke ragen ins Nichts.Ein paar Meter weiter erinnert ein großes Holzkreuz an die Opfer der Katastrophe.An dem rot-weißen Absperrband baumelt das Foto eines der bei dem Zugunglück ums Leben gekommenen Jungen.Eine junge Frau in rotem Kostüm stützt sich weinend auf ihre Kinder.Sie verloren ihren Vater, als der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" mit einem gebrochenen Radreifen aus den Gleisen sprang und gegen die Brücke raste.Überlebende, Angehörige und Helfer sind ein Jahr später wieder nach Eschede gekommen.

Auf dem Asphalt vor der Unglücksstelle türmen sich Blumensträuße.Am Morgen haben hier auch Bahnchef Ludewig, Bundesverkehrsminister Franz Müntefering und Niedersachens Innenminister Heiner Bartling Kränze niedergelegt.Müntefering hat von einem "Tag der Trauer" gesprochen und einer Mahnung, daß sich ein solches Unglück nicht wiederholen dürfe.Ludewig hat sich für Fehler seines Unternehmens beim Umgang mit den Hinterbliebenen entschuldigt.Kritik übte Ludewig an dem ermittelnden Staatsanwalt Jürgen Wigger.Dieser hatte der Bahn schwere Versäumnisse bei Kontrolle und Zulassung des bei dem Unglücks-ICE eingesetzten Radtyps vorgeworfen, dessen Bruch zu der Katastophe geführt hatte.Ludewig sagte, es sei eine "Frage der Fairneß", Stellungnahmen erst nach Abschluß der Ermittlungen abzugeben.

Die Stimmung am Unglücksort ist gedämpft, bedrückt.Die Hinterbliebenen wollen still gedenken, kaum einer mag über seine Gefühle sprechen.Auch die Einwohner des Dorfes reagieren reserviert auf Journalistenfragen, weichen Kameras und Mikrofonen aus.Viele Escheder wollten überhaupt keine Trauerfeier.

Außer Trauer und dem Wunsch nach Ruhe ist auch Unmut zu spüren.Unmut vor allem über die zögerlichen Entschädigungszahlungen der Bahn.Am Anfang sollten die Überlebenden sogar Fahrkarten als Beleg einreichen, inzwischen läuft die Hilfe weniger bürokratisch.30 000 Mark hat die Bahn den Familien bislang für jedes Todesopfer aus gezahlt.Der "Selbsthilfegruppe Eschede" ist das aber immer noch zu wenig.Die Summe stehe "in keinem Verhältnis zu dem Leid, das die Bahn angerichtet hat", meint der Sprecher der Gruppe, Heinrich Löwen.

In der Escheder Kirche suchen die Geistlichen bei einem bewegenden ökumenischen Gottesdienst nach den richtigen Worten.101 brennende Kerzen auf einem Tisch vor dem Altar erinnern an die Toten.An diesem Tag solle "niemand allein sein, der vor einem Jahr einen Menschen verloren hat und an Leib oder Seele verletzt wurde", sagt der evangelische Superintendent Dirk Hölterhoff."Laßt den Alptraum nicht über euer ganzes Leben herrschen", mahnt der katholische Pfarrer Hermann Spicker.

Die zerstörte Brücke, an der sich zwischenzeitlich nur die Angehörigen aufhalten durften, wird am Nachmittag wieder freigegeben.In den nächsten zwei Jahren soll hier eine Gedenkstätte entstehen, ein Garten mit Kirschbäumen und zwei Stahlplatten, fünf Meter hoch und acht Meter breit.Inschriften sollen das Unglück erläutern und an die Hilfsbereitschaft der Escheder Bürger erinnern.Ein so "riesiges Ding" wäre gar nicht nötig gewesen, meint Heinrich Löwen, ein schlichtes Steinmonument hätte es auch getan."Aber die Namen und Herkunftsorte der Toten hätten draufstehen müssen." Die Bahn hat das bislang abgelehnt.Wegen des Datenschutzes.

Konsequenzen aus Eschede

Im vergangenen Jahr sank - vor allem durch das Unglück von Eschede - die Leistung der Bahn im Fernverkehr um 1,9 Prozent auf 30,41 Milliarden Personenkilometer.Die Bahn geht von 125 Millionen Mark Umsatzausfall aus, vor allem, weil die Züge mit neuen Rädern ausgestattet werden mußten.

Die ICE 1 fahren jetzt wie schon der ICE 2 mit Monobloc-Rädern.Der Grenzwert, wie weit diese abgefahren werden dürfen, wurde nicht verschärft.

Alle 240 000 Kilometer werden die Räder jetzt ausgebaut und in der Tiefe mit Ultraschall durchleuchtet.

Vor Brücken sollen auf Neubaustrecken keine Weichen mehr eingebaut werden.Die Fenster im ICE sollen künftig Sollbruchstellen bekommen, um der Feuerwehr die Bergung zu erleichtern.

Fünf Strafverfahren sind gegen die Bahn anhängig: drei gegen Mitarbeiter des ICE-Werks in München, eine gegen den Zugbegleiter und eine gegen das Management der DB.

An die Familien der 101 Opfer wurden jeweils 30 000 Mark Schmerzensgeld ausgezahlt.Abschließend entschädigt wurden bislang die Familien von 41 Opfern.Ha

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