Welt : Ungeziefer: Wo kommen die denn her?

Christine Berger

Insekten können so bezaubernd sein. Wenn im Garten Grillen zirpen, Hummeln brummen, und die Schmetterlinge flattern, zeigt sich die Natur von ihrer schönsten Seite. Begeistert beobachten Hobbygärtner, wie Apfelbäume als Tankstelle für Bienen dienen, und so früh im Sommer ist man auch mit den Ohrenkneifern gut Freund. Doch wehe, eines der Tiere verirrt sich ins Haus. Dann verfolgen wir Ameisen, Mücken, Kellerasseln oder Mäuse gnadenlos.

Schätzungsweise eine Trillion Insekten leben auf Erden, und sie bringen mit rund 2,5 Milliarden Tonnen ein Vielfaches mehr auf die Waage als die gesamte Biomasse aller Menschen. Ein einziger Hektar Boden kann bis zu 50 Milliarden Tierchen Nahrung unter anderem in Form von mehreren Billionen Bakterien und Mikroben bieten. Doch das trifft nicht immer den Geschmack der weitaus größten Tiergruppe unseres Planeten. Eine ganze Menge Insektenarten folgt seit Millionen von Jahren lieber dem Menschen und sichtet seine Speisevorräte.

Am besten, man stellt sich einmal nachts den Wecker und macht einen Rundgang durch die Wohnung. Geht im Bad das Licht an, huschen die dort balzenden Silberfischchen schnell wieder unter die Badewanne. Wie die meisten Insekten im Haus sind sie über Rohrleitungssysteme oder Blumentöpfe mit feuchter Erde ins Haus gewandert und machen es sich dort bequem, wo es feucht und warm ist. Dort kann die Fortpflanzung beginnen, und aus zwei kleinen niedlichen Silberfischchen wird innerhalb von rund sechs Wochen eine stattliche Großfamilie mit rund hundert Mitgliedern.

Dass sich die 10 Millimeter großen silberfarbenen Tierchen gerne in Bädern aufhalten, ist ihrer Vorliebe fürs feuchtwarme Klima zuzuschreiben. Bei Kälte und Trockenheit vergeht ihnen schnell die Lust am Liebesspiel. Warum aber sollten sie die Nacht im Freien verbringen, wenn es hinter Gemäuern eine Zentralheizung gibt, Menschen oft und gerne baden und hinterher nicht lüften? Wer die silberfarbenen Winzlinge nicht länger dulden will, muss in seinem Badezimmer einfach eine Weile die Heizung abdrehen. Außerdem hilft es, mit dem Fön regelmäßig feuchte Ritzen auszutrocknen.

Noch mehr ungebetene Gäste tummeln sich in der Küche. Brotkäfer zum Beispiel fressen alles, was ihnen unter die Fühler kommt, selbst vor Chilipfeffer machen sie nicht halt. Den Befall kann man an stecknadelkopfgroßen Löchern in den Nahrungsmitteln erkennen. Brotkäferweibchen legen ungefähr 100 Eier, aus denen sich in zwei bis drei Monaten geschlechtsreife Tiere entwickeln. Die weißen Maden bzw. Larven verpuppen sich in einem ovalen aus Nahrungsteilchen gesponnenen Kokon. Zwar werden die erwachsenen Käfer nur ein bis zwei Monate alt, doch der Nachwuchs folgt auf dem Fuß.

Auch die gemeine Hausmaus lässt sich den Brotkanten am liebsten nachts um drei schmecken, und wer überraschend um diese Uhrzeit auftaucht, sieht sie Hals über Kopf flüchten. Im Mäusenest zieht Frau Maus im Schnitt 45 Junge auf pro Jahr. So wird aus einer kleinen, niedlichen Maus schnell eine Plage. Bevor es so weit kommt, sollte man schnellsten Nachbars Katze ausleihen oder wenigstens ein mit Terpentin getränktes Tuch ins Mäuseloch stopfen. Der scheußliche Geruch veranlasst die Nager in der Regel zum Rückzug.

Weniger wird man so gegen die Ratte ausrichten. Die bahnt sich ihren Weg schon mal durch die Kanalisation bis in die häusliche Toilette. Wohin wir sie möglicherweise selbst gelockt haben - indem wir das Klo als Mülleimer missbrauchen. Gelingt es nicht, dem Nager den Zugang zu versperren, ist die Rattenbekämpfung Profi-Sache.

Ein nahezu unsichtbarer Feind im Versorgungszentrum der Wohnung ist die Mehlmilbe. Gut getarnt frisst sie sich im weißen Chitinpanzer klammheimlich durch Mehl- und Müslivorräte. Allenfalls ein rötlicher Staubfilm zeugt von der Gier der winzigen Parasiten. Dabei setzen sie sogar Hefe außer Kraft: Ein mit befallenem Mehl gemixter Teig bleibt schlapp und platt am Boden.

Richtig schlimm wird es aber erst, wenn die Krabbler auch noch Krankheiten verbreiten. So schafft die Mehlmilbe etwa nicht nur den Hefeteig, sondern verursacht unter Umständen Asthmaanfälle, Allergien und Darmkrankheiten, vorausgesetzt, das verseuchte Mehl wurde zu Kuchen oder Brot verarbeitet und gegessen. Das wiederum dürfte so gut nicht geschmeckt haben, denn Milben hinterlassen muffiges, bitteres Mehl.

Auch Lebensmittelmotten lieben den Aufenthalt in der Küche. Ihre Raupen fressen kreisrunde Löcher in Getreide-, Reis- und Maiskörner. Die Raupen der bleigrau gefärbten Mehlmotte (Ephestia kuehniella) ernähren sich ebenfalls von Mehlprodukten. Sie verschmutzen und verspinnen darüber hinaus die Lebensmittel in starkem Umfang. Ein einziges Weibchen der Mehlmotte kann bis zu viermal pro Jahr je 200 Eier legen. Befallene Lebensmittel schmecken ebenfalls bitter und können für Mensch und Tier gesundheitsschädliche Auswirkungen haben.

Ein Albtraum für viele Köche ist das massenhafte Auftreten von Schaben. Nachtaktiv wie sie sind, nutzen sie jede Gelegenheit, um ein paar Essenreste zu ergattern. Die Deutsche Schabe ist relativ klein und lebt drei bis acht Monate. In dieser Zeit vermehrt sie sich rasant. Das Weibchen trägt seine Eipakete mit rund 30 Eiern drei Wochen mit sich herum, und legt es kurz vor der Brut wahllos irgendwo ab. Häufig werden diese Eipakete über Lebensmittelkartons ins Haus eingeschleppt.

So manches Restaurant musste schon aufgrund der Kakerlaken, wie sie im Volksmund heißen, eine Weile seine Pforten schließen. Nicht ohne Grund: Hepatitis, Tuberkulose und Salmonellen sind nur einige der Krankheiten, die Schaben auf den Menschen übertragen können. In den USA zeigen bereits über zehn Prozent allergische Reaktionen gegen diese Insekten.

Gegen alle Plagegeister in der Küche gibt es ein wirksames Mittel, und das heißt Großputz. Dass die befallenen Lebensmittel weggeschmissen werden, versteht sich von selbst, aber auch alle unmittelbar in der Nähe gelagerten Vorräte sollten genau überprüft und gegebenenfalls drei Tage in die Tiefkühltruhe gelegt werden. Bei solchen Temperaturen vergeht selbst den Milben das Eierlegen. Küchenschränke wäscht man mit Essigwasser aus, danach sämtliche Ritzen und Nischen mit dem Fön austrocknen. Einlegpapier in den Schränken lässt der kluge Hausmann in Zukunft lieber weg, denn darunter lagern sich schnell Krümel ein, die einem vielgliedrigen Untermieter unter Umständen über Monate als Vorrat dienen könnten. Lebensmittel sollte man sicherheitshalber in verschließbaren Gefäßen aufbewahren. Bei Dosen oder Gläsern können auch die feinen Mahlwerkzeuge von Schabe und Co. nichts ausrichten.

So vergeht den kleinen Monstern das Schlemmen, was aber noch lange nicht heißt, dass sie auch wirklich verschwinden. Küchenschaben etwa setzen auch Tapetenkleister auf die Speisekarte und machen damit dem Tapetenkäfer sein Refugium streitig. Außerdem fressen sie sich, wenn es sein muss, durch Leder oder Papier, Hauptsache es sind Eiweiße und Spurenelemente darin enthalten. So soll es schon vorgekommen sein, dass ein leerstehendes Haus ohne Lebensmittelvorräte einige Generationen dieser Insekten auf das Beste ernährt hat.

Besonders auf Textilien haben es die Kleidermotten abgesehen. Sie sind zwar nicht für die Gesundheit gefährlich, dafür jedoch für den Geldbeutel. Ist ein Kleiderschrank erstmal befallen, weisen Pullover und T-Shirts aus Naturstoffen Löcher auf. Tierische Stoffe ziehen sie dabei der Baumwolle vor. Auch Teppichkäferlarven lieben Socken oder Wollunterhosen. Synthetik-Ware wird dagegen nicht angerührt, da Insekten in der Regel kein Plastik mögen. Allenfalls Mischgewebe sind den Lästlingen einen Biss wert, um den enthaltenen Naturstoff herauszufressen.

Die Larven, sowohl der Kleidermotte als auch des Teppichkäfers, schlüpfen rund zwei Wochen nach der Eiablage und fressen sich sofort durch Textilien, Pelze und Teppiche. Findet man in den befallenen Kleidern keinerlei Gespinste oder Puppenhäute, kann man davon ausgehen, dass es sich beim Befall um Teppichkäfer handelt. Sie hinterlassen außer den Löchern in Textilien keinerlei Spuren.

Da beide Larvenarten gerne ungestört futtern, befallen sie vor allem Kleidungsstücke, die längere Zeit im Schrank verbleiben. Außerdem lieben Kleidermotten und Teppichkäfer Schweiß- und Schmutzpartikel und beißen bevorzugt in getragene Wäsche. Deshalb sollte man alle Kleider regelmäßig auslüften und waschen.

Praktisch überall, wo ein wenig Staub liegt, gedeihen Hausstaubmilben. Die mit bloßem Auge nicht sichtbaren Tierchen ernähren sich von Hautschuppen, die von Schimmelpilzen vorverdaut wurden. Kein sehr appetitliches Menü, und dementsprechend abstoßend ist auch ihr Kot. Er kann bei empfindlichen Menschen die so genannte Hausstaubmilbenallergie hervorrufen.

Wie die meisten Ungeziefer im Haus, fühlen sich Milben dort wohl, wo es feuchtwarm ist und wenig gelüftet wird. Betten sollte man daher regelmäßig mit Frischluft versorgen, und Matratzen bleiben einigermaßen milbenfrei, wenn sie öfters ein paar Streicheleinheiten mit dem Staubsauger bekommen.

Immerhin hat der Mensch auch Verbündete in seinem Kampf, wenn er sie denn nicht gleich mit aus dem Haus jagt. Spinnen sind sozusagen Kammerjäger auf dünnen Beinen. Sie murksen Fliegen, Motten und Co. langfristig ab, und schätzen selbst eine Küchenschabe als Nahrung.

Seltsamerweise ist vielen Zweibeinern schon der Anblick einer großen wie kleinen Spinne so zuwider, dass sie schreiend aus dem Haus laufen. Spinnenphobie nennt das der Psychologe. Da ist es eigentlich ein Wunder, dass sich nicht mehr Leute auch vor ihrem Hund oder ihrer Katze ekeln. Schließlich sind Haustiere die Wirte vieler Flöhe, Zecken und Läuse. Die werden jedoch ohne mit der Wimper zu zucken aus dem Fell gepflückt. Von Berührungsängsten keine Spur.

1 Deutsche Schabe (Blatella germanica) bis 13 mm Allesfresser.
2 Mehlmotte (Ephestia kuehniella), 25 mm Flügelspannweite.
3 Bettwanze (Cimex lectularius), 8 mm langer Blutsauger.
4 Silberfischchen (Lepisma saccharina), bis zu 12 mm lang.
5 Hausstaubmilbe (Dermatopha-goides pteronyssinus), 0,1 bis 0,5 mm groß.
6 Pharaoameise (Monomorium pharaonis), 2,5 mm.
7 Hausratte (Rattus rattus), bis zu 24 cm lang, Allesfresser.
8 Hausmaus (Mus musculus), bis 10 cm lang, Allesfresser.
9 Katzenfloh (Ctenocephalides felis), bis 4 mm, Blutsauger.
10 Kleidermotte (Tineola biselliella), wird bis zu 9 mm groß.

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