Welt : Unglück von Kaprun: War es die Bremsflüssigkeit?

Paul Kreiner

Augenzeugen haben die Polizei auf die Spur gebracht. Sie hatten bereits am Sonnabend angegeben, dass die Bahn schon bei ihrer Abfahrt aus der Talstation gebrannt oder zumindest geraucht habe. Beim Abschreiten jener 600 Meter langen Rampe, die eine Schlucht zwischen Talstation und Tunnel überbrückt, sind die Kriminalisten tatsächlich fündig geworden. "Spuren von Schmiermittel, von kunststoffähnlichen Substanzen", sagt Kriminaltechniker Christian Tisch, habe man entdeckt; inoffiziell war von Hydrauliköl aus der Bremsanlage die Rede. Das sei die einzig hochbrennbare Substanz, die es an Bord überhaupt gebe. Tisch deutet die Möglichkeit eines Defekts an, der bei oder kurz nach der Abfahrt aufgetreten sei. Leckte die Bremsanlage? Haben elektrische Trennungsfunken bei der Ablösung von der Station das Feuer ausgelöst?

Die Kriminaltechniker meinen vorsichtig, die Ermittlungen könnten unter Umständen bereits in den nächsten Tagen abgeschlossen sein.

Bei der Untersuchung des hinteren Teils des Unglückszuges seien keine Behälter mit brennbaren Flüssigkeiten entdeckt worden, berichtete Tisch weiter. Ein Sprittransport oder die Mitnahme von Feuerwerkskörpern, über die spekuliert worden war, wird inzwischen ausgeschlossen. Der Salzburger Kripo-Chef Franz Lang sagte, dass es bisher keine Hinweise auf "irgendwelche Fremdhandlungen auf das Gerät" gegeben habe.

Die Türen des Unglückszuges seien vom Zugführer wahrscheinlich noch geöffnet worden, sagte Tisch. "Ein Großteil" der Fahrgäste habe die Gletscherbahn daher noch verlassen können. Sie konnten sich aber angesichts der großen Hitze und der Rauchentwicklung im Tunnel nicht mehr retten.

100 Soldaten bergen aus der Tiefe des Tunnels die Leichen. Unteroffiziere und Offiziere sind es, alles Freiwillige, und keine Wehrdienstleistenden. Zwei Tage und zwei Nächte arbeiten sie nun schon. Ein an den Ermittlungen beteiligter Gerichtsmediziner meint, die Kollegen hätten eigentlich schon viel gesehen im Lauf ihres Berufslebens, aber hier im Tunnel ... Der Salzburger Militärkommandant Roland Ertl erklärt, es sei "bisher ganz gut gegangen", seine Männer "vor physischer und psychischer Überforderung" zu schützen. Aber so intensiv weiterarbeiten wie am Anfang konnte man nicht mehr: Die Schichten sind reduziert worden; die Soldaten brauchten längere Pausen.

Die Stimmung in Kaprun selbst scheint sich inzwischen zu wandeln. In dem 3000-Seelen-Ort beginnt man um die bevorstehende Wintersaison zu bangen. Kaprun lebt vom Tourismus; zwei Drittel des Geschäfts werden im Winter abgewickelt. Allein bei der Gletscherbahn sind 260 Menschen direkt beschäftigt, und soeben hat man mit gut 13 Millionen Mark die Bergstation der Standseilbahn ausgebaut: "Alpincenter" nennt es sich, Geschäfte, Bars, Infostände beherbergt es, am 30. November sollte es pompös eröffnet werden - seit Sonnabend ist es nur noch eine verrauchte, rußgeschwärzte Glashöhle. Drei Menschen sind in ihr ums Leben gekommen, andere haben sich in letzter Sekunde vor Rauch, giftigen Dämpfen und Hitze retten können. Von einer Eröffnung des Alpincenters spricht im Augenblick niemand mehr, nur die Gletscherbahnen überlegen, die Luftseilbahn und den Liftbetrieb auf dem Gletscher am Sonnabend wieder aufzunehmen.

Eine Hotelbesitzerin hat im österreichischen Fernsehen gesagt: "Klar, wir sind alle geschockt. Aber Kaprun ist ein Ort zum Skifahren, für Erholung und Spass. Wir können nicht sagen: das gibt es jetzt alles nicht mehr. Das muss weitergehen!" Andere Einheimische verweisen auf den Tiroler Ort Galtür, wo 38 Menschen im Februar 1999 einer Lawine zum Opfer gefallen sind: Die nächste Saison sei dort auch wieder ganz gut verlaufen. "Zeit heilt Wunden." Tourismusdirektor Hans Wallner will bereits das Werbebudget - bisher 1,8 Millionen Mark pro Jahr - deutlich aufstocken. Doch die Standseilbahn und damit die Hälfte der Transportkapazität für Skifahrer wird einen Teil der Saison nicht zur Verfügung stehen.

Standseilbahnen mit Tunnels nach dem Kapruner Muster gibt es in Österreich noch zwei: im Tiroler Pitztal und - von Kaprun aus gesehen jenseits des Großglockners - im Kärntner Mölltal. Das Verkehrsministerium hat beide Bahnen vorübergehend angehalten, um ihre Sicherheit zu überprüfen. Die Mölltal-Bahn, drei Jahre jünger als Kaprun und technisch weiterentwickelt, rühmt sich bisher als "sicherste Bahn der Welt".

Eine Aufgabenverlagerung haben die "Salzburger Nachrichten" entdeckt. Der österreichische Rechnungshof hatte 1997 die Oberste Eisenbahn- und Seilbahnbehörde im Verkehrsministerium kritisiert, sie komme ihren Betreuungs- und Prüfungs-Aufgaben nicht nach. Nun sagt Behördenleiter Karl-Johann Hartig der Zeitung, wegen gestiegener Zahl der Seilbahnen und Personalknappheit seien "Untersuchungen ausgelagert" worden: "An den TÜV, und die Hauptuntersuchungen an die Betriebsleiter."

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