Welt : „Unsere sind immer besser“

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Von Elke Windisch, Moskau

Ein Toter und 30 bis 100 Verletzte: Alles nur, weil Russland bei der Fußballweltmeisterschaft mit 0:1 gegen Japan verloren hat. Nach dem Ende des Spiels brachen am Sonntagabend im Zentrum von Moskau, in unmittelbarer Nähe zum Kreml, Massenkrawalle aus. Ein Mann wurde mit mehreren Messerstichen schwer verletzt und starb im Krankenhaus. Mehrere hundert aufgebrachte Fans, die die Direktübertragung auf Großbildschirmen verfolgten fingen nach Spielende zunächst eine Massenschlägerei an, kippten dann 20 in der Nähe geparkte Autos um und zündeten sie teilweise an. Außerdem schlugen sie mehrere Schaufenster auf der Flaniermeile zwischen Manege- und Theaterplatz ein und verprügelten Passanten.

Unter den Verletzten sind auch fünf japanische Studenten, die am Tschaikowski-Pianistenwettbewerb teilnehmen. Der japanische Konsul hat sich per E-mail an alle in Moskau lebenden Japaner mit der Bitte gewandt, ihre Wohnungen in den kommenden Tagen möglichst nicht zu verlassen. Ordnungskräfte hatten die Gefahr offenbar zunächst unterschätzt und griffen nach Meinung von Beobachtern viel zu spät ein.

Soweit die Nachrichtenlage, die alle großen TV-Sender am Abend als Spitzenmeldung brachten. Mit den Ursachen dagegen beschäftigte sich allein der Hörfunksender Echo Moskwy, der einzige, der Putins Rundumschlag gegen kritische Medien im vergangenen Jahr überstand.

„Naschi vsegda lutsche“ – unsere sind immer besser. Mit diesem Slogan ging Mitte der neunziger Jahre eine Firma für Finanzanlagen auf Kundenfang. Mit Erfolg. Die Firma hat sich längst verabschiedet, ihr Slogan nicht. Und wenn „unsere“ mal nicht die besten sind finden sich genug „Patrioten“, um das Ergebnis auf ihre Weise zu korrigieren. Eine Binsenweisheit, die auch den Moskauer Polizeioberen bekannt ist, denn die Krawalle vom Sonntag waren nicht die ersten.

Trotzdem – und obwohl auch der ärmste Moskauer einen Fernseher sein Eigen nennt – wurden im Zentrum der Hauptstadt mehrere große Bildschirme aufgestellt, um die Spiele zu übertragen. Allerdings nur die, an denen die Russen beteiligt sind. Gerade darin sehen Psychologen einen der Hauptgründe für die Ausschreitungen. Moskaus Polizeichef Wladimir Pronin sieht – womöglich zu Recht – den unmittelbaren Anlass für die Exzesse in einem Werbevideo, das während der Halbzeitpause gesendet wurde. Dort zertrümmerten Jugendliche einen Westwagen, um russische Autobauer vor Konkurrenz zu schützen. Auch der Alkohol spielte eine Rolle. Die Kälte liebenden Russen empfinden schon knapp 18 Grad als tropische Hitze, gegen die nur ein Mittel wirkt – Bier, häufig erheblich hochprozentiger als in Deutschland.

Doch nun ist Schluss mit lustig. Die öffentlichen WM-Übertragungen werden eingestellt. Die Rädelsführer sitzen in Untersuchungshaft, Moskaus oberster Staatsanwalt lässt gegen sie bereits wegen Rowdytum ermitteln – ein Straftatbestand, der mit empfindlichen Haftstrafen geahndet werden kann. Mit den Krawallen will sich kommende Woche sogar das Parlament befassen. Konsequenzen hat vor allem Polizeichef Pronin zu befürchten, dessen Ernennung der Kreml gegenüber Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow durchgedrückt hatte.

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