Vatikan im Radio : Das Radio und die großen Ideen

Der Sender des Vatikans sucht sich seine Nische in der Kurzwelle und findet vor allem den deutschen Markt schwierig. Viele Hörer hat der Papstfunk in Indien.

Paul Kreiner[Rom]

„Ach ja, Deutschland“, sagt Eberhard von Gemmingen, „dort sind wir schwach. Ein normaler deutscher Katholik erwartet aus Rom ohnehin nichts Gutes, und dann senden wir auch noch auf Kurzwelle. Wir sind ein Fremdkörper heutzutage.“ Aber immerhin: „Ein Prozent der Katholiken, also 300.000 Menschen, hören uns in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und wenn ein Pfarrer mal 300.000 Menschen erreicht, dann ist das ja auch nicht so schlecht.“ Eberhard von Gemmingen, demnächst 72 Jahre alt, Jesuitenpater aus altem schwäbisch-fränkischen Adel, leitet die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan seit 1982. Eine Österreicherin, ein Schweizer, vier Deutsche – zu sechst sind sie unter den insgesamt 384 Beschäftigten des Senders, die aus 61 Ländern stammen und in mehr als vierzig Sprachen weltweit berichten.

„Das größte Echo kommt aus Indien“, sagt Gemmingen: „Jeden Monat kriegen wir um die tausend Hörerbriefe, die meisten von Hindus und Muslimen; Christen gibt’s dort ja nur wenige. Kurzwelle ist dort noch weitverbreitet, und die Leute suchen unsere Frequenzen offenbar, denn wir sind nicht ein Missionssender, der Reklame macht und sich aufdrängt.“

Das Radio dringt auch in Gebiete vor, die dem Papst politisch unzugänglich sind. „Das Internet lässt sich aufhalten, Rundfunkwellen nicht“, sagt Pater Gemmingen mit Blick auf die Volksrepublik China oder auf islamische Staaten, wo Christen unterdrückt oder gar verfolgt werden. „Man könnte unsere Signale mit Störsendern zudecken – aber ob sich das lohnt für Sprachgebiete, in die wir nur zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde pro Tag senden?“ Das hätten nicht einmal die alten Ostblockstaaten getan. „Außerdem haben wir nie zum Umsturz aufgerufen; wir waren auch nie subversiv wie Radio Free Europe oder Radio Liberty, als es die kommunistischen Regimes noch gab. Unsere Programme waren und sind eben fürs langfristige Durchhalten gut. Wir stärken den Rücken. Und mancherorts ist es wichtiger, zwanzig Leuten den Rücken zu stärken als anderswo zehntausenden.“ Papstbotschaften, Informationen aus Kirche, Gesellschaft und Politik, bunte Magazinsendungen zu sozialen oder Umweltfragen: „Was die Sprachsektionen ihren Hörern anbieten, darin haben sie sehr große redaktionelle Freiheit“, sagt Gemmingen. „Ideologische Vorgaben gibt der Vatikan nicht; keiner drängt uns, irgendwelche Kampagnen zu lancieren.“

Als die heikelsten Programme gelten senderintern das chinesische und das deutsche. Das chinesische aus politisch- diplomatischen Gründen, das deutsche – nun ja: „Es gibt halt in Deutschland viel mehr kirchenkritische Stimmen als anderswo. Aber, nur als Beispiel: die aktuelle jüdische Kritik am Karfreitagsgebet – das sind wichtige Stimmen, die wir nicht verschweigen wollen. Das sichert unsere Glaubwürdigkeit.“

Hat Papst Benedikt XVI. überhaupt ein Verhältnis zum Rundfunk? „Ach ja, als der Sender 75 Jahre alt wurde vor zwei Jahren, da hat er uns in der Redaktion besucht. Ansonsten denkt gerade dieser Papst in ganz langen Jahrhunderten. Die Medien, sagt er, die brauchen wir, wichtiger aber sind die großen, tragenden Ideen.“ Pater Gemmingen sieht die Zukunft im Radio und im Internet. Gemmingens Sektion probiert es auch mit einem täglichen Newsletter. Weit gekommen ist man noch nicht. „In Deutschland haben wir nur 7000 Abonnenten. Für mich ist das katastrophal wenig. Wenn wir uns schon so viel Arbeit machen.“

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