Vereinigte Staaten : Null-Promille-Grenze für Fahrgäste

Muslimische Taxifahrer in Minneapolis weigern sich, Flughafengäste mit Alkohol im Gepäck mitzunehmen.

Christoph von Marschall[Washington]

"Vorsicht mit der Kiste. Da ist Wein aus Frankreich drin!", hatte Ewa Buzek den Taxifahrer am Flughafen von Minneapolis gewarnt. Das hatte Folgen. Der Mann ließ die Stewardess mit ihrem Gepäck stehen. Er ist ein Einwanderer aus Somalia und Muslim - deshalb duldet er keinen Alkohol in seinem Taxi. Er könne das nicht mit seinem Glauben vereinbaren. Ewa Buzek kann es auch Wochen später noch nicht fassen. Als sie vor 37 Jahren aus Polen in die USA übersiedelte, hielt sie sich an die Devise, sich rasch an die Landessitten anzupassen. "Was kommt als Nächstes? Muss ich bald einen Schleier tragen, wenn der Fahrer Muslim ist?" Der Vorfall vom Frühjahr ließ ihr keine Ruhe. So hat die Stewardess im August, wenn sie von einer Reise zurückkam so getan, als ob - obwohl sie tatsächlich keinen Alkohol im Gepäck hatte. Vier Fahrer weigerten sich, sie zu fahren. Die örtliche Flughafengesellschaft hatte in der ersten Jahreshälfte im Schnitt 77 Beschwerden wegen Transportverweigerung pro Monat gezählt.

Das Problem scheint sich bisher auf Minneapolis zu beschränken. Zeitungen aus verschiedenen US-Städten, voran New York und Washington, haben darüber berichtet, aber keine parallelen Fälle aus ihrer Region aufgetan. Pat Hogan, Pressesprecher der Flughafengesellschaft in Minneapolis, sagt inzwischen: "Eigentlich ist es kein Konflikt mit Muslimen, sondern nur mit Somalis." Die stellen drei Viertel der Taxifahrer in der Doppelstadt Minneapolis/St. Pauls. In der Hauptstadt von Minnesota, im Mittleren Westen der USA, leben 11200 Somalis, die höchste Konzentration der Volksgruppe in Amerika. Sie haben offenbar eine eigene Interpretation des Koran mit ins Land gebracht.

Hogan hat versucht, den Konflikt gütlich zu regeln. Eine Transportpflicht für Taxifahrer gibt es theoretisch auch in den USA, aber man besteht nicht darauf. Die Rücksicht auf religiöse Vorschriften wird groß geschrieben. Kaum jemand fragt, ob eine Konfession tatsächlich die behauptete Regel kennt. Die Taxifahrer sollten durch ein farbiges Licht signalisieren, ob sie bereits sind, Alkohol zu transportieren, schlug Hogan vor. Aber er erntete wüsten Protest von US-Bürgern, tausende E-Mails erreichten ihn. Die einen schrieben, wenn die Somalis den Job nicht nach US-Sitte ausführten, sollten sie heimgehen. Die anderen meinten, es sei schlimm genug, dass Amerikas christliche Rechte dem ganzen Land moralische Vorschriften machen wolle. Und nun fangen muslimische Einwanderer auch noch damit an.

Es gibt grundsätzliche Bedenken. Wenn Taxifahrer mit einer Lampe signalisieren dürfen, ob sie Alkohol transportieren oder nicht, dann findet ein Prinzip der Scharia - des islamischen Gesetzes - mit staatlicher Genehmigung Eingang in das Geschäftsleben eines westlichen Landes, in dem Staat und Kirche getrennt sind. Das geschieht bereits, wenn eine Behörde aus Toleranz oder Pragmatismus ein Signal genehmigt, das anzeigt, welche Person das islamische Gesetz befolgt und welche Person das nicht tut.
Andere muslimische Taxifahrer in Minneapolis halten die Aufregung für übertrieben. Sie meinen einerseits, Taxifahrer hätten das Recht, solche Transporte zu verweigen. Andererseits glauben sie, in der Praxis regele sich das ganz von selbst. "Am Ende findet sich immer einer, der die Fahrt macht", sagt Younes aus Iran. Er habe kein Problem, Alkohol zu tranpsportieren. Seinen Nachnamen möchte er freilich nicht veröffentlicht sehen. Abbsilan Hassa argumentiert, wer eine Tour verweigere, sei genug bestraft. Er müsse sich nämlich wieder ganz hinten in die Taxischlange einreihen - das bedeutet drei Stunden Zeitverlust. Der Somali Abdi Ahmed hält es für die beste Lösung, wenn weder Fahrer nach dem Inhalt des Gepäcks fragen noch Fahrgäste von sich aus darüber reden. "Don't ask, don't tell!" - das war schon Bill Clintons Devise für den Umgang mit Homosexuellen in der US-Armee.

Die meisten Kunden in der Warteschlange am Flughafen sehen das anders. "Keine Extraregeln. Die sollen gefälligst ihren Job machen!" Einzelne machen sich jedoch so ihre Gedanken über andere Rücksichten auf Gläubige. Die Verkehrsbetriebe von Minneapolis gaben kürzlich einer christlichen Busfahrerin Recht, die sich weigerte, einen Bus zu steuern, der Reklame für ein homosexuelles Stadtmagazin fuhr. Gläubige Apotheker wollen die Abtreibungspille für den Morgen danach nicht ins Sortiment nehmen. Landesweit beginnt die Debatte, ob Muslime in US-Betrieben fünfmal am Tag eine Arbeitspause beanspruchen dürfen, um ihr Gebet zu verrichten. In Schlachthöfen für Geflügel in Minnesota sollen Vorarbeiter angeblich muslimische Angestellte, die um eine WC-Pause baten, bis in die Örtlichkeiten verfolgt haben, um zu überprüfen, dass sie nicht beten gehen.

Der Alkoholkonflikt von Minneapolis scheint sich derweil zu beruhigen - wegen der neuen Sicherheitsvorschriften. Seit Terroristen Flugzeuge mit einem Mix aus an Bord gebrachten Flüssigkeiten sprengen wollten, dürfen Passagiere keine Flaschen mit Getränken mehr ins Flugzeug nehmen. Das hat dem Duty Free-Gewerbe geschadet. Die Zahl der Beschwerden wegen verweigerter Taxifahrten ist von vorher 77 auf vier pro Monat gesunken.

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