Welt : Verrieten die Kidnapper sich am Geldautomaten?

Die schwedische Polizei jagt die Entführer des Firmenerben Fabian Bengtsson

André Anwar[Stockholm]

Am Montagmorgen ist Fabian Bengtsson auf dem Weg zu seiner Arbeit in Göteborg verschwunden. Er arbeitet im Elektrohandelskonzern Siba seines Vaters, der mit dem deutschen Media Markt vergleichbar ist. Sein Vermögen wird auf rund 1,8 Millionen Euro geschätzt, sein künftiges Erbe hat heute einen Wert von 222 Millionen Euro. Die Suche nach den Entführern des 32-Jährigen sei nun in einer sehr sensiblen Phase, in der es eigentlich nur noch darum gehe, das Leben des 32-Jährigen zu retten, sagte Polizeichef Klas Friberg. Trotz einer Informationssperre überschlagen sich die schwedischen Medien mit heimlichen, polizeiinternen Informationen und neuen Erkenntnissen.

Vermutet wird, dass mehrere Kidnapper Fabian Bengtsson morgens in einer Tiefgarage auflauerten, wo sein dunkelgrauer BMW M3 geparkt war. Er verließ seine große Altbauwohnung um 7.45 und die Täter sollen ihn mit seinem eigenen Wagen in die Innenstadt von Göteborg verschleppt haben. Dort ließen sie den Luxuswagen unabgeschlossen mit dem Schlüssel im Zündschloss stehen.

Bengtssons Vater fand wenige Stunden nach der Entführung zwei Anrufe von seinem Sohn auf dem Anrufbeantworter, angeblich mit den Stimmen der Entführer im Hintergrund, und erhielt eine SMS. Die Täter hätten eine ausländische Sprache benutzt, allerdings so leise, dass es den technischen Analysten schwer fällt, sie zu identifizieren. In den darauffolgenden Tagen hatten Vater und Polizei wohl regelmäßig Telefonkontakt mit den Entführern. Nach Gerüchten sollen Unbekannte auch mit persönlichen Codes von Bengtsson in die Siba-Firmenzentrale eingedrungen sein.

Interpol ist eingeschaltet, in Göteborg arbeitet fast der gesamte Polizeiapparat an den Ermittlungen – selbst das Drogendezernat soll andere Arbeiten zur Seite gelegt haben, um zu helfen. Nun ist die Polizei den Tätern dicht auf der Spur, vielleicht verhandelt sie sogar mit ihnen. Es wird befürchtet, dass sie sich per Fähre ins Ausland abgesetzt haben könnten, Richtung Dänemark, Polen oder Deutschland.

Die Entführer leisteten sich einen gravierenden Fehler, als ein Kidnapper laut der Zeitung „Expressen“ eine große Summe Geld an einem Bankautomaten von Bengtssons Konto abhob. Er wurde von der Überwachungskamera gefilmt, die Polizei arbeitet jetzt fieberhaft an seiner Identifikation. Zudem wird davon ausgegangen, dass die Täter DNA- und andere Spuren im Auto hinterlassen haben.

Aus Sorge um die Familie Bengtsson wird ihre Villa jetzt Tag und Nacht bewacht. Alle Besucher werden durchsucht, jedes Familienmitglied wird von einer Polizeieskorte begleitet.

Fabian Bengtsson wuchs in einer großen Villa im feinen Göteborger Stadtteile Hovås auf. Er hatte sich immer gut gefühlt in seiner Rolle als Erbe des großen Elektrohandelimperiums, auf die er mit einem Ökonomiestudium an der Universität von Lund und durch unterschiedliche Arbeitseinsätze im Familienunternehmen vorbereitet wurde. Bengtsson ist nach seinem Vater die Nummer zwei im Konzern, unter anderem verantwortlich für das Marketing.

Die Familie Bengtsson zählt zu einer der reichsten Familien in Westschweden und ist dafür bekannt, sich vom öffentlichen Interesse abzuschirmen und sich von großen Prominentenparties fernzuhalten. Unerkannt einen Kaffee in der Innenstadt von Göteborg zu trinken, war deshalb lange kein Problem für den zunächst fast unbekannten Fabian Bengtsson. Das änderte sich allerdings schlagartig, als Bengtsson und sein Vater Gefallen daran fanden, in der landesweit ausgestrahlten Fernsehreklame ihrer Firma mit dem Motto „Bei uns bekommst du Rat“ aufzutreten.

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