Vladimir Malakhov : Der Star kehrt zurück

Als „Caravaggio“ will Vladimir Malakhov seine Tänzerkarriere fortsetzen. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Sandra Luzina
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Tänzerische Sensibilität verkörpern Vladimir Malakhov und Polina Semionova, Erste Solistin beim Staatsballett Berlin, auf...Foto: Enrico Nawrath

Verflixter „Schwanensee“. Im 3. Akt des Ballettklassikers ist es passiert: Vladimir Malakhov, der den Prinzen Siegfried tanzte, ist so unglücklich ausgerutscht auf der Treppe, dass sein Knie blockiert war. Das war am 31. Oktober. Der Ballettstar hat die Vorstellung selbstverständlich zu Ende getanzt – Tänzer sind mindestens so beinhart im Nehmen wie Fußballprofis. Doch im November musste er wegen seiner Verletzung für drei Vorstellungen aussetzen. Als dann auch noch die Gastspiele von „Malakhov & Friends“, die für Dezember geplant waren, abgesagt wurden, begannen die Fans sich Sorgen zu machen. Muss der Intendant des Staatsballetts Berlin als Tänzer länger pausieren? Steht der 41-jährige Künstler gar vor dem Aus?

„Es ist alles halb so schlimm, ich habe mir keine dramatische Verletzung zugezogen“, tritt Malakhov nun allen Spekulationen entgegen. Noch vor Weihnachten will er wieder auf der Bühne stehen. Geplant ist, dass er in den letzten vier Vorstellungen von „Caravaggio“ (17., 19., 23. und 27. Dezember) die Titelrolle übernimmt. „Ich bin nicht vollkommen glücklich, wenn ich nicht tanzen kann“, sagt er lächelnd.

Beim Gespräch in einem Cafe am Gendarmenmarkt in Berlin ist Malakhov jedenfalls gut aufgelegt – und zuversichtlich, was seine weitere Tänzerkarriere angeht. Sein behandelnder Arzt, eine Berliner Koryphäe für Knieverletzungen, habe ihm geraten, sich drei bis vier Wochen zu schonen, berichtet er. „Ich muss in Zukunft ein bisschen vorsichtiger sein. Im Oktober habe ich neben den anstrengenden Wiederaufnahmeproben zu ,Schwanensee’ mehrere Vorstellungen von ,Das Flammende Herz’ getanzt. Da habe ich mir wohl zu viel zugemutet.“

Vladimir Malakhov hat sich zwar vorgenommen, ein wenig kürzer zu treten. In dieser Spielzeit wird er zum Beispiel keinen „Schwanensee“ mehr tanzen. Doch ganz will er den großen klassischen Partien noch nicht entsagen. Dass er nicht ewig die Prinzenrollen tanzen kann, dass die Uhr tickt, ist ihm durchaus bewusst. Seit mittlerweile 24 Jahren steht der gebürtige Ukrainer auf der Bühne. Er gilt als Tänzer von Weltrang, wird in Tokio und New York gefeiert. 2004 wechselte er als Intendant des neu gegründeten Staatsballetts an die Spree. Malakhov hat dem Berliner Tanz neuen Glanz verliehen – und er selbst ist immer noch das Zugpferd, obwohl seine Compagnie über eine beachtliche Riege talentierter Solisten verfügt. Ein Nachfolger für den charismatischen Tänzer ist jedenfalls nicht in Sicht.

Seine Klassenkameraden seien schon alle in den wohlverdienten Ruhestand gewechselt, erzählt Malakhov. In Russland gebe es folgende Regel: Mit 18 Jahren beendest du die Schule, dann hast du 20 Jahre, und danach schickt man dich in Zwangspension. Malakhov aber denkt noch nicht ans Aufhören. „Wer so lange wie ich tanzt, hat natürlich nicht die Knie wie ein 18-Jähriger. Doch meine Muskeln sind stark.“ Dass die perfekte Schönheit des klassischen Balletts mit viel Schweiß, aber auch mit Schmerzen erkauft ist, darüber haben Malakhov und auch die bedeutend jüngere Polina Semionova sich schon freimütig geäußert.

Die physischen Belastungen von Balletttänzern sind durchaus vergleichbar mit denen von Hochleistungssportlern. Vor allem die Knie werden über kurz oder lang zur Problemzone. Vor drei Jahren hat Malakhov sich zwei Operationen am rechten Knie wegen eines Kreuzbandrisses unterziehen müssen. Damals musste er sechs Monate pausieren – für ihn eine halbe Ewigkeit. Wenige Tage nach seinem 40. Geburtstag feierte er ein glanzvolles Comeback. An der Seite der wundervollen Polina Semionova tanzte er „Afternoon of a Faun“ von Jerome Robbins, als selbstvergessener Träumer in Nijinsky-Posen spielte er seine Verführungskraft aus. Malakhov ist für seine Musikalität, seine tänzerische Sensibilität, aber auch für seine fabelhafte Sprungkraft berühmt – die mörderischen Sprungvariationen überließ er an dem Abend aber den Jüngeren. Schon seit geraumer Zeit kann man beobachten, dass Malakhov sich mehr auf moderne Stücke verlegt. Der Ballettstar bereitet seine Wandlung zum Charakterdarsteller vor. „Ich bin immer auf der Suche – nach neuen Rollen, neuen Choreografen, aber auch nach neuen tänzerischen Talenten“, unterstreicht er.

Über das Älterwerden will sich Malakhov derzeit nicht den Kopf zerbrechen. Auf der faulen Haut zu liegen, kommt für den quirligen Künstler jedenfalls nicht infrage. Neben der Physiotherapie, die ihm sein Arzt verordnet hat, absolviert er derzeit ein spezielles Bodentraining für Tänzer, das die Erste Solistin Nadja Saidakova entwickelt hat. Am Montag beginnt er dann mit den Proben zur nächsten Premiere, die für den 27. Februar angekündigt ist. Malakhov wird eine neue Fassung von Corallis „La Péri“ choreografieren, was eine echte Rarität ist. Besonders freut er sich darauf, bald wieder mit Diana Vishneva, Primaballerina beim St. Petersburger Mariinsky-Ballett, aufzutreten.

Solange sein Körper funktioniert, will er tanzen, sagt Malakhov – wohl wissend, dass er seine Rollen nun mit Bedacht auswählen muss. Wie wichtig es ist, zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören, ist ihm natürlich bewusst. Schon manches Mal musste man den Niedergang von vormals strahlenden Ballettstars miterleben. Doch als sich Malakhov dann verabschiedet, um seine Hunde Lucky und Bonny auszuführen, ruft er noch: „Ich habe so viel Energie. Damit muss ich auf die Bühne.“

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