Volkskrankheit : Wie hat sich die Krebs-Behandlung in Deutschland verändert?

Es gibt mehr neue Krebsfälle – aber Betroffene leben länger. Am Dienstag präsentierte das Robert-Koch-Institut auf 270 Seiten seinen ersten großen Krebsbericht.

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Melanom-Zellen.
Melanom-Zellen.Foto: dpa

Sie sind die zweithäufigste Todesursache hierzulande und das, wovor sich die Menschen erklärtermaßen am meisten fürchten. Dabei gibt es für Krebserkrankungen und ihre erfolgreiche Behandlung auch unter Medizinern noch enormen Wissensbedarf. Das Robert-Koch-Institut (RKI) will nun alle fünf Jahre die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen. Am Dienstag präsentierte es auf 270 Seiten seinen ersten großen Krebsbericht.

Wie viele Menschen erkranken in Deutschland an Krebs und wie viele sterben daran?

Die Statistik klingt alarmierend. Seit 1970 hat sich die Zahl der Neuerkrankungen nahezu verdoppelt. 2013 erhielten 482.500 Menschen eine Krebsdiagnose – die häufigen, aber meist nicht lebensbedrohlichen Hautkrebsformen gar nicht eingerechnet. Und es sterben auch mehr Menschen daran als früher. Aus 193.000 Krebs-Todesfällen im Jahr 1980 sind inzwischen 224.000 geworden . Zurückzuführen ist der Anstieg aber vor allem auf die Demografie: Bei vielen Krebsarten steigt mit zunehmendem Alter auch das Erkrankungsrisiko. Rechnet man dem Altersaspekt heraus, sieht es weit besser aus. Dann nämlich erkenne man eine „Trendwende“, heißt es in dem Bericht: Seit 2008 gingen die Erkrankungsraten erstmals wieder leicht zurück.

Welche Krebsarten sind häufiger geworden und bei welchen gibt es einen Rückgang?

Einen Anstieg beobachten die Experten vor allem bei den gefährlichsten: dem Bauchspeicheldrüsenkrebs und bei bösartigen Lebertumoren. Weil sich die Behandlungsergebnisse hier nicht entscheidend verbessert hätten, führten diese Krebsarten auch am häufigsten zum Tode. Seltener geworden sind der Statistik zufolge Magen-, Darm-, Prostata- und Gebärmutterhalskrebs. Spürbar gesunken sind auch die Erkrankungsraten beim Lungenkrebs, allerdings nur bei den Männern. Der Hauptgrund dafür sind sinkende Raucherquoten. Bei den Frauen dagegen hat sich die Zahl der Lungenkrebsfälle weiter erhöht. Hier macht sich noch der deutlich gestiegene Raucherinnenanteil früherer Jahre bemerkbar.

Was hat sich bei den Überlebensraten getan?

Nicht jede Krebsdiagnose ist ein Todesurteil – und der medizinische Fortschritt trägt auch hier zu einer längeren Lebenserwartung bei. Im Schnitt werden Menschen, die hierzulande an Krebs sterben, mittlerweile 74 Jahre alt. Sie lebten damit vier Jahre länger als noch 1980, sagt RKI-Präsident Lothar Wieler. Allerdings hängen die Überlebenschancen stark von der Art der Krebserkrankung, dem Zeitpunkt der Diagnose sowie von Alter und Geschlecht ab. Am schlechtesten sind die Prognosen nach wie vor bei Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs, hier sterben die meisten Erkrankten immer noch binnen weniger Jahre. Bei Melanomen im Frühstadium oder auch bei Hodenkrebs dagegen ist die statistische Lebenserwartung kaum noch verkürzt. Volkswirtschaftlich verursacht Krebs dem Bericht zufolge jährlich rund zehn Millionen Arbeitsunfähigkeitstage. 20.000 Patienten werden deshalb pro Jahr frühverrentet (gemessen 2013). Ihr Durchschnittsalter liegt bei 52 Jahren (Frauen) und 54 Jahren (Männer). Und auch bei jedem achten Pflegefall lautet die Erstdiagnose Krebs.

Gibt es auch regionale Unterschiede?

Ja, und zwar gar nicht mal so geringe. So ist Baden-Württemberg derzeit für beide Geschlechter das Bundesland mit der niedrigsten Krebssterblichkeit. Für Frauen liegt dieser Wert in Bremen und Hamburg um 25 Prozent, für Männer in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sogar um 35 Prozent höher. Auch bei den Krebsarten gibt es enorme Unterschiede. So liegt die Erkrankungs- und Sterberate für Brust- und Lungenkrebs bei Frauen im Westen deutlich höher als in Ostdeutschland. Krebserkrankungen des Magens, der Gebärmutter und – bei Männern – auch des Mund- und Rachenbereichs sind dagegen in den neuen Ländern häufiger.

Als mögliche Ursache vermutet der Krebsepidemiologe Andreas Stang unterschiedliche Lebensverhältnisse. Im Südwesten Deutschlandes gebe es deutlich weniger Arbeitslosigkeit und insgesamt auch ein höheres Bildungsniveau. Dies korrespondiere oft mit gesünderer Lebensweise. Im EU-Vergleich rangiert Deutschland übrigens im Mittelfeld. Bei Frauen liegt die Erkrankungsrate etwas höher, bei Männern die Sterberate etwas niedriger als im Gesamtdurchschnitt. Nur beim Bauchspeicheldrüsenkrebs liegen die Deutschen insgesamt über dem EU-Mittelwert.

Was bringen Früherkennungsprogramme?

Aus Expertensicht einiges. Allerdings hängt das von der Krebsart ab. Das Potenzial, das Risiko einer Krebserkrankung wirksam zu verringern, haben dem Bericht zufolge bisher nur Untersuchungen zur Früherkennung von Darm- und Gebärmutterhalskrebs. In allen anderen Fällen geht es um die möglichst frühzeitige Entdeckung bereits vorhandener Tumore in bösartigem Stadium. Doch immerhin: Beim Brustkrebs, für den es seit 2005 ein Mammographie-Screening gibt, liegt die Neuerkrankungsrate für bei Diagnosestellung bereits fortgeschrittene Tumore in der Screening-Altersgruppe inzwischen unter derjenigen vor Einführung des Programms. Allerdings schnellte die Erkrankungsrate für frühe Brustkrebsstadien auch erst einmal kräftig nach oben. Entdeckt wurden durch das Screening eben auch Tumore, die womöglich niemals oder erst in sehr viel höherem Alter auffällig geworden wären. Und beim Hautkrebs-Screening gibt es aus Expertensicht auch fünf Jahre nach der Einführung noch gar keinen Hinweis auf einen positiven Effekt. Bei den fortgeschrittenen Stadien des Malignen Melanoms, der gefährlichsten Form des Hautkrebses, war dadurch bisher kein Rückgang zu verzeichnen.

Hilft Prävention?

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind mindestens 30 Prozent aller Krebserkrankungen vermeidbar. Als wichtigste Risikofaktoren identifiziert auch der Bericht Tabak- und Alkoholkonsum, Übergewicht, Bewegungsmangel sowie äußere Einflüsse wie UV-Strahlung. Aufs Rauchen seien 15 Prozent aller Krebserkrankungen hierzulande zurückzuführen, sagt RKI-Chef Wieler. Und zusammen mit Alkohol lasse sich bei entsprechender Enthaltsamkeit jede fünfte Krebserkrankung vermeiden. Als hilfreich könnte sich auch die Erstellung lückenloser Krebsregister erweisen, zu der alle Länder bis Ende 2017 vom Bund verpflichtet wurden. Liefern sie doch erstmals auch verlässliche Daten zu Diagnosemethoden, Behandlungserfolgen und -fehlschlägen sowie zu den Heilungs- und Überlebensraten je nach Region. Dass es für Verbraucher nach wie vor kaum Informationen über den Kaloriengehalt von Fastfood gebe, bezeichnete der Krebsexperte Stang dagegen als Skandal. Auch der Nichtraucherschutz werde in einigen Ländern nicht konsequent genug umgesetzt.

Was tut sich bei den Krebstherapien?

Gegen Krebs helfen Stahl, Strahl oder Chemo – dieser alte Leitsatz ist nach wie vor gültig. Noch immer ist es am wirksamsten, wenn die Geschwulst vom Chirurgenstahl vollständig herausgeschnitten werden kann und damit die komplette Heilung möglich ist. Bestrahlung und Chemotherapie können diese Behandlung ergänzen oder an ihre Stelle treten. Jedoch hat auch die Entwicklung gänzlich anderer Therapien deutlich an Fahrt aufgenommen. Inzwischen ist es möglich, die einzelne Krebszelle bis in ihre molekularen und genetischen Details zu studieren. Das erleichterte es, zielgerichtete Therapien zu entwickeln. Während die Chemotherapie sich in der Regel gegen alle sich schnell teilenden Zellen richtet, verschonen neue Wirkstoffe gesundes Gewebe weitgehend. Sie attackieren fast ausschließlich den Tumor.

Das Paradebeispiel dieser zielgerichteten Therapien ist der Wirkstoff Imatinib (Handelsname „Glivec“). Er blockiert ein gefährliches Eiweiß in Blutkrebszellen, das für deren Vermehrung ursächlich ist. Imatinib gehört zur Wirkstoffklasse der „kleinen Moleküle“. Die Substanz ist anders als die allgemein giftige Chemotherapie gut verträglich und kann als Tablette eingenommen werden. Eine wesentlich größere Rolle bei der gezielten Behandlung spielen jedoch biotechnisch hergestellte Antikörper. Diese Ypsilon-förmigen Eiweißmoleküle heften sich an bestimmte Andockstellen (Rezeptoren) auf der Oberfläche von Krebszellen und hemmen diese. Damit sind Antikörper zu vielseitigen „Lenkwaffen“ der Tumorbehandlung geworden. Sie müssen gespritzt werden, können als körperfremde Eiweißstoffe aber auch nicht unerhebliche Nebenwirkungen haben. Vorreiter der Antikörper- Behandlung ist das bei Brustkrebs erprobte Trastuzumab (Handelsname „Herceptin“).

Was hat es mit der Immuntherapie auf sich?

Die größten Hoffnungen setzen Mediziner im Moment auf die Immuntherapie. Sie beruht auf der Idee, dass das menschliche Immunsystem eigentlich die Kraft hat, den Krebs zu besiegen, aber von diesem „ruhiggestellt“ wird. Maßgeschneiderte Antikörper entfernen solche Bremsen und „blockieren die Blockade“. Sie wirken also indirekt und stärken das Immunsystem. Gegen schwarzen Hautkrebs (Melanom) und Lungenkrebs sind Immuntherapien bereits zugelassen. Bei vielen weiteren Krebsformen werden sie erprobt.

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