Welt : Von Aspirin zur Avantgarde

Bei Bayer ist Kultur Teil der „Unternehmens-DNA“.

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Albert Oehlen, „Teppich“, 1982. Im Martin-Gropius-Bau zeigte Bayer in diesem Jahr zum 150. Firmenjubiläum erstmals öffentlich seine Sammlung.Foto: Promo, Albert Oehlen
Albert Oehlen, „Teppich“, 1982. Im Martin-Gropius-Bau zeigte Bayer in diesem Jahr zum 150. Firmenjubiläum erstmals öffentlich...

Als im Frühjahr 2013 hochkarätige Malerei von Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner im Martin-Gropius-Bau zu sehen war, staunten die Berliner nicht schlecht. Die Bilder kamen aus Leverkusen – einer Stadt, die man eher mit Fußball oder Aspirin denn mit Avantgardekunst verbindet. Alles dort scheint vom Logo der Bayer AG Leverkusen überstrahlt, wo man sich mit chemischen und pharmazeutischen Produkten beschäftigt. Wer allerdings in der vergleichsweisen jungen Stadt im Rheinland lebt, weiß schon lange, dass bildende Kunst bloß eines von vielen kulturellen Engagements des Unternehmens ist.

Seit 150 Jahren sind Kunst, Musik, Tanz und Schauspiel im Selbstverständnis des globalen Konzerns verankert. Und zwar in einer „für Deutschland einzigartigen Weise“, wie Hans-Conrad Walter, Geschäftsführer der Berliner Kulturmarketing-Agentur Causales, betont. Hier gehe es nicht darum, eine Marke mithilfe von Sponsoring oder Eventmarketing aufzuwerten. Der Ansatz von Bayer Kultur umfasse weit mehr: „Es gibt den Auftrag, ein Kulturangebot zu realisieren; das ist Teil der DNA des Unternehmens.“ In Leverkusen beschäftigt sich ein ganzes Team damit, ein lebens- und liebenswertes kulturelles Umfeld zu bieten.

Davon profitiert natürlich auch die Belegschaft. Es gibt ein eigenes Theater- und Konzerthaus, in dem bis zu 800 Zuschauer Platz haben. Die Auslastung liegt bei 80 Prozent. „Bei unseren Mitarbeitern gibt es ein großes Urvertrauen in das, was wir tun“, konstatiert Volker Mattern, der die zwölfköpfige Abteilung Bayer Kultur seit 2009 leitet. Seit der erfahrene Intendant, Geschäftsführer und Manager mehrerer großer Orchester die Zügel in der Hand hält, hat sich der Akzent im Programm vielleicht ein bisschen in Richtung Musik verschoben. Schließlich ist Mattern, der im Rahmen des Kulturinvest-Kongresses am 24. Oktober einen Vortrag über „150 Jahre Bayer – 150 Jahre Corporate Social Responsibility“ hält, selbst Musikwissenschaftler.

Mit seinem Team entwickelt er ein Angebot mit Breitenwirkung. „In der Kultur ist es die größte Gefahr, dass Gedanken verkrusten. Nichts darf zur Routine werden“, erklärt er. „Die Note ist rund, und das Konzert dauert 90 Minuten“, hieß etwa ein thematischer Schwerpunkt aus dem „MitMachen!“-Programm, das eine jüngere Generation vom Leder zu Liedern bringen wollte. Kinder und Jugendliche für die Kultur zu begeistern, empfindet Mattern als extrem wichtig, wenn „wir auch in zwanzig Jahren noch ein volles Haus haben möchten“. Neben solchen erfolgreichen Experimenten stehen Programme wie das „Start“-Projekt zur Förderung eines hochtalentierten künstlerischen Nachwuchses. Bayer Kultur setzt lieber auf wenige Künstler, die man dann drei Jahre lang begleitet und nachhaltig fördert.

Zum „Berlin Projekt“ als Brücke in die Bundeshauptstadt, einem weiteren Standort von Bayer, gehörte die große Ausstellung „Von Beckmann bis Warhol“. Erstmals war das Unternehmen zum 150. Firmenjubiläum bereit, die eigene Sammlung öffentlich zu zeigen. 240 Werke der Vor- und Nachkriegsmoderne dokumentieren die ebenso großzügige wie pädagogisch inspirierte Idee, Kunst in der Firma so zu installieren, dass die Mitarbeiter ihr im Alltag selbstverständlich begegnen – etwa den abstrakten Farblandschaften eines Gerhard Richter, einem Holzschnitt von Martin Noel, dem „Teppich“ von Albert Oehlen oder der aerodynamischen Skulptur „Metamorphose“ von Hildegard Tolkmitt. Rund 50000 Besucher gönnten sich in Berlin den seltenen Einblick in die Bayer-Sammlung, die diesen „unverwechselbaren Ansatz unternehmerischer Kulturförderung“ mit großer Nonchalance präsentierte. Christiane Meixner

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