Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über "Die Leiden des jungen Werther"

Den zeitgenössischen Lesern seines Briefromans Die Leiden des jungen Werther (1774) hat Goethe vorausgesagt, dass sie des Helden "Geist und seinem Charakter" die "Bewunderung und Liebe, und seinem Schicksale eure Thränen nicht versagen" würden. Er leitete mit diesen an einen Freund geschriebenen Bekenntnissen einer schönen totwunden Seele, seiner autobiografisch getönten Dreiecksbeziehung zu dem Freund und dessen Braut, das Zeitalter der Empfindsamkeit ein, eine Zeitströmung, die das Buch zum Bestseller machte (Leute kleideten sich wie Werther, tranken aus Werther-Tassen ihre Schokolade, erschossen sich wie Werther, Napoleon führte das Buch auf seinen Feldzügen mit).

In der entscheidenden Begegnungsszene mit Charlotte zieht vor dem Fenster ein Gewitter auf; sie legt, während es blitzt und donnert, mit "tränenvollem Auge" ihre Hand auf die Werthers und sagt: "Klopstock!" Rätselhaft? Damals nicht. Damals war Klopstock der meist gefeierte Sänger und Lyriker, der seine Oden öffentlich vortrug (als "Popstar" seiner Zeit beschrieb ihn neulich die FAZ), jeder empfindsame Zeitgenosse kannte also auch seine Ode "Die Friedensfeier", in der mit der Schilderung eines Gewitters die Herrlichkeit der Schöpfung tränenselig und hymnisch gepriesen wurde. Die Nennung des Namens reichte, um die Empfindung wach zu rufen.

Dass auch andere Zeiten nach Empfindsamkeiten dürsten, hat Ulrich Plenzdorf (1972) mit seinen "Neuen Leiden des jungen W." fast kongenial bewiesen: Er zeigte, dass auch die ernüchterte Realsozialismus-Zeit nach Jeans und Popmusik und Gefühlen verlangte: Empfindsamkeit war schon zu Goethes Zeiten auch Protest.

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