Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Rafael Chirbes "Der Fall von Madrid"

Bevor 1989 das sowjetsche Imperium und seine Satrapen-Regime zerfielen, war Mitte der siebziger Jahre der Verfall der faschistischen Diktaturen auf der iberischen Halbinsel (die Nelken-Revolution in Portugal, die von König Juan Carlos dekretierte und tolerierte Demokratisierung in Spanien) das größte Ereignis politischer Befreiung.

In Spanien und seiner zentralen Hochburg Madrid manifestierte sich das Ende des Francismo mit den Tod des "Gaudillos", dem langen, qualvollen, öffentlichen Sterben General Francos. Der große spanische Schriftsteller Rafael Chirbes (1949 geboren), Chronist des blutig-grausamen Bürgerkriegs ("Der lange Marsch") hat das in seinem Roman "Der Fall von Madrid" (soeben auf Deutsch erschienen), der sich souverän im Erbland historischer Epik bewegt, festgehalten: In einer die Biografien bündelnden Momentaufnahme dreier Generationen einer Unternehmerfamilie, in dem Tagesablauf eines hohen Geheimpolizisten, in den Erlebnissen politischer Demonstranten und linker Anarchisten, vor allem aber in den Liebeswünschen und Sexualvorstellungen der Frauen und ihrer Männer, Geliebten, Väter und Freunde ist wie in einem gewaltigen Panoramabild aus aufblitzenden Episoden (sie alle kreisen um die Geburtstagsvorbereitungen eines 75-jährigen Patriarchen) festgehalten, wie sich die Erstarrung Spaniens, das niedergehaltene Denken längst bis zu dem Augenblick gelockert hatte, der auf den Tod des verhassten, gefürchteten und wie ein schrecklicher Vater verehrten Diktators wartete, um sich endlich zu befreien.

Chirbes weiß in seinem von Menschenkenntnis reichem Roman, dass gesellschaftliche Umwälzungen sich in zahllosen Bewusstseinsveränderungen vollziehen: beim Liebesakt, bei Essgewohnheiten, in der Mode, in Diskussionen und Demonstrationen; Literatur, die Geschichte festhält.

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