Welt : Waisenkinder in Rumänien: Ein Foto, das Fragen aufwirft

Michael Streck,Claudia Lepping

Ein nackter, schmächtiger und weinender Junge steht an einer Straßenbahnhaltestelle in Bukarest. Ein schockierendes Bild. Fotografiert von Eugeniu Salabasev, der für die Agentur Associated Press arbeitet.

In Rumänien sind Hunderttausende Kinder von ihren Eltern verlassen. Obdachlos, nur notdürftig bekleidet und ohne jeden Lebensunterhalt und Schutz irren sie durch die Straßen.

Das Foto von Eugeniu Salabasev ist so schockierend, dass Redakteure in den Zeitungen stutzig wurden. Ist das Bild gestellt? Es hat in der Vergangenheit viele Debatten um Fotos gegeben, deren Authentizität angezweifelt wurde. Die Sensibilität und die Vorsicht sind groß.

Seit mehreren Jahren ist das Schicksal der rumänischen Waisenkinder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Schon lange hat es keine Reportagen, Berichte und Fotos mehr in den Medien gegeben. Könnte es sein, dass jetzt ausgerechnet ein gestelltes Foto in besonderer Weise die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das unvorstellbare Elend der Waisenkinder von Bukarest lenkt? Diese Frage hatten Redakteure vor Augen, als sie das Bild sahen.

Zuerst druckte die "Süddeutsche Zeitung" das Foto auf der ersten Seite. Gestern folgte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Im Feuilleton veröffentlichte sie das Foto mit einem Text, in dem unmissverständlich festgestellt wird: "Das Bild ist nicht gestellt".

Der einzige Hinweis, den die FAZ hat, stammt aus einem Telefongespräch mit einem Kollegen des Fotografen Salabasev in Bukarest. Der Kollege bestätigte, dass Eugeniu Salabasev den Jungen zufällig auf der Straße traf, so wie das Foto ihn zeigt. Dies sei nicht ungewöhnlich in Rumäniens Hauptstadt, wo Kinder auf diese entwürdigende Weise versuchen, um Geld, Kleidung oder Essen zu betteln. Wir erfahren, dass der Junge Alin Iordache heiße, auf der Straße in einem Bukarester Vorort stehe, keine Eltern, Bleibe und Nahrung habe. Kollege Vadim Ghirda erzählt auch, dass er solche Fälle selbst beobachtet hätte.

Die "FAZ" hat nicht mit dem Fotografen geredet. Sie hat keine weiteren Hinweise auf die Echtheit des Fotos.

Der Sachverhalt ist alles andere als eindeutig. Die wortkarge Agentur AP, für die der Fotograf arbeitet, verweist lediglich auf einen kurzen Antwortkatalog, der vom Bukarester Büro an zweifelnde Zeitungsredaktionen verschickt wird. Zwar weinte der Junge, als Salabasev ihn entdeckte, doch konnte er nicht heraus finden, wie und wo er seine Kleider verloren habe. Es wird berichtet, er hätte sie vor dem Betteln zur Seite gelegt. Ghirda sagte, es sei unklar, ob der Junge tatsächlich gebettelt habe. Er hätte nicht gebettelt, als der Fotograf ihn sah. Seine Haltung und sein Aufenthaltsort lassen den Schluss zu, dass er betteln wollte. Ghirda gab zudem selbst zu, dass es ungewöhnlich sei, sich so fotografieren zu lassen und seinen Namen zu verraten. Warum? Stutzig macht sein Haarschnitt. Er erinnert so gar nicht an obdachlose und verwahrloste Straßenkinder, eher an die Frisur von Hip-Hop-Streetkids. Ein zynischer Gedanke? Salabasev und Ghirda waren am Mittwoch telefonisch nicht zu erreichen.

Es ist seltsam. Der Betrachter ertappt sich dabei, dass er es zweitrangig findet, ob das Foto eine wahre Begebenheit abbildet. Vielleicht hat der Fotograf der Wirklichkeit etwas auf die Sprünge geholfen. Vielleicht nicht. Aber der Fotograf hat in eindrücklicher Weise auf die von der Weltöffentlichkeit vergessenen Straßenkinder von Bukarest hingewiesen, auf die skandalösen Zustände in einem Land, das irgendwann der Europäischen Union beitreten möchte.

Bis heute gehören Kinder in Rumänien zu den Opfern des Regimes des früheren Diktators und Staatspräsidenten Nicolae Ceausescu. Der Autokrat hatte seinem Volk die Fruchtbarkeit befohlen und den Frauen Abtreibungen vor der Geburt ihres fünften Kindes verboten. Doch fünf Kinder und mehr konnte unter dem ausbeuterischen Regime des Prahlers und Protzers Ceausescu kaum eine Familie ernähren. So wurden unzählige Neugeborene ausgesetzt, oft waren sie behindert, nachdem ihre Mütter versucht hatten, die Föten mit Medikamenten und Drähten abzutöten.

Ceausescu wollte mit der Verdopplung der rumänischen Bevölkerung bis zum Jahr 2000 zeigen, wie fortschrittlich und gesund seine Nation ist. Schließlich gehört die Erhebung der Kindersterblichkeit zum international anerkannten Maßstab: Je mehr Kinder geboren werden, um so besser das Ansehen. Bis zum dritten Lebensjahr ließ Ceausescu die verstoßenen Kleinkinder in Heimen versorgen. Danach, wenn die Statistik geschönt und niemand mehr interessiert war, begann das Leiden der Kinder: Sprösslinge von Zigeunern, die in Rumäniens absurder Hierarchie der Armen als unterprivilegierte Schmarotzer angesehen werden, wurden ebenso in Kindergulags verstoßen wie die behinderten Kinder.

Heute sind die Opfer von einst verstoßene Jugendliche im Alter zwischen 10 und 15 Jahren. Die jüngsten Zahlen gehen davon aus, dass 100 000 Kinder jährlich ihre Eltern verlieren, weil sie von ihnen aus wirtschaftlichen Gründen verstoßen werden. Mehr als 150 000 Kinder, fast doppelt so viele wie vor 10 Jahren, leben in Heimen, in denen sich die hygienischen und sozialen Bedingungen seit 1997 so stark verschlimmert haben, dass die EU ihre Unterstützung eingestellt hat: Nicht förderungswürdig, heißt es, weil die Strukturen ohnehin nur behindern.

Auch Rumäniens Präsident Constantinescu, seit 1997 im Amt, muss sich von der EU vorwerfen lassen, nicht für die Kinder seines Landes zu sorgen. Zu den Auflagen für den angestrebten EU-Beitritt gehört auch die Verbesserung der Situation für die Kinder. Constantinescu rief jetzt ein Übergangsheim für Straßenkinder ins Leben. Doch das Geld, das er freigestellt hat, reicht kaum. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei 50 bis 170 Mark; ein Kilo Kaffee kostet 20 Mark. Im Interview mit dem Tagesspiegel hatte Constantinescu eingeräumt: "Der Anschluss Rumäniens an Westeuropa geht keinesfalls vorbei an einer radikalen Änderung im sozialen Bereich und an den Bedürfnissen der Schwächsten unserer Gesellschaft."

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