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Waldbrände in Provinz Alberta : Zehntausende Kanadier flüchten vor den Flammen

Meterhoch schlagen sich Flammen durch die kanadische Provinz Alberta, viele Menschen bangen um ihr Zuhause. Das Feuer bedroht die Ölindustrie und kann noch monatelang brennen.

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In der kanadischen Provinz Alberta wüten seit Tagen Waldbrände.
In der kanadischen Provinz Alberta wüten seit Tagen Waldbrände.Foto: dpa/EPA/Twitter.com/Jeromegarot

„Erst war es ruhig. Aber dann ging alles ganz schnell", sagt Gail Bibeau und ihre Stimme bebt. Sie packte ihre Tochter und ihren Hund Cooper und fuhr nach Süden, raus aus Fort McMurray, weg von den lebensbedrohenden Flammen, die sich wie eine Wand nahe ihres Hauses aufbauten und alles auffraßen, was sich ihnen in den Weg stellte. Hab und Gut musste sie zurücklassen. "Wahrscheinlich habe ich alles verloren. Aber ich habe meine Tochter und meinen Hund bei mir und auch mein Sohn konnte dem Feuer entkommen und ist okay."

So wie Gail Bibeau geht es vielen Bewohnern von Fort McMurray im Norden der kanadischen Provinz Alberta, das bereits teilweise von dem wütenden Feuer vernichtet wurde. Die Flammen drohen die ganze, 80.000 Einwohner zählende Stadt, das Zentrum der kanadischen Ölsandindustrie, zu zerstören. Pausenlos kämpften auch in der Nacht zum Donnerstag Feuerwehren gegen die Feuerkatastrophe, gegen das "Monsterfeuer", wie es in den Berichten heißt.

Der Brand war völlig außer Kontrolle. Der Wind drehte in der Nacht und bedrohte drei Gemeinden südlich von Fort McMurray, in der Evakuierte am Vortag Unterkunft gefunden hatten. Die Evakuierungszone, zu der nun auch die Gemeinde der indianischen Fort McMurray First Nation gehört, wurde ausgedehnt, die Menschen mussten wieder fliehen.

"Ich dachte, hier bin ich sicher", sagt Donna Guillamot, die am Dienstag aus der Stadt in das Evakuierungszentrum von Anzac geflohen war. "Ich glaube, wir müssen nach Edmonton fliehen. Man sitzt hier, und alles was man sieht sind rote Flammen. Es ist beängstigend." Hinzu kommt die Unsicherheit nicht zu wissen, ob sie ihr gesamtes Eigentum, das zurückgeblieben war, bereits verloren hat.

Wie eine Geisterstadt

Die Regierung Albertas hat den Notstand erklärt. Fort McMurray, das etwa 400 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Edmonton liegt, sei eine Geisterstadt, berichtet der Rundfunk. Die Stadt ist quasi von der Außenwelt abgeschnitten, weil die wenigen Straßen, die von Norden und Süden kommen, wegen des Feuers an den Seiten unpassierbar wurden.

Der Flugplatz ist nur noch für Hilfsflüge geöffnet. Die Bundesregierung in Ottawa setzte Militär zur Unterstützung der Einsatzkräfte in Nord-Alberta in Bewegung.

Zu Zehntausenden hatten die Menschen am Dienstagabend Hals über Kopf ihre Häuser verlassen müssen, nachdem die Behörden am Nachmittag zunächst die Evakuierung zunächst einzelner Wohngebiete angeordnet, um 18.30 Uhr aber die gesamte Stadt unter Evakuierungsbefehl gestellt hatten.

Nach Schätzungen der Behörden waren am späten Dienstagabend bereits 53.000 Menschen auf der Flucht. Auch das Krankenhaus von Fort McMurray, das Northern Lights Regional Health Centre, musste geräumt werden. Der einzige Trost: Bis Donnerstagmorgen wurden aus dem Krisengebiet keine Todesopfer und Verletzten gemeldet. "Ich hoffe, dass wir das am Ende des Tags immer noch sagen können", hatte Darby Allen, Chef der Feuerwehr von Fort McMurray, am Mittwoch gesagt.

In der kanadischen Provinz Alberta fliehen Zehntausende Menschen vor Waldbränden.
In der kanadischen Provinz Alberta fliehen Zehntausende Menschen vor Waldbränden.Foto: Reuters/Dan Riedlhuber

Auf dem Highway 63 bewegten sich Fahrzeugkolonnen nach Süden. Wenn die Flüchtenden anhielten und zurückblicken, sahen sie die von Feuer erleuchtete Nacht und ihre Stadt in Flammen. Bereits am Mittwoch war in drei Wohngebieten von vielen Einfamilienhäusern, Mobilheimen und Autos nichts übriggeblieben außer schwarzen, rauchenden Ruinen und Schrott. "Das Feuer ist durch die Gemeinde gezogen", beschrieb Bernie Schmitte vom Forstministerium Albertas die Entwicklung. Rund 1600 Häuser und Gebäude wurden nach Angaben von Albertas Regierungschefin Rachel Notley zerstört und mehr als 10.000 Hektar (100 Quadratkilometer) Land sind offenbar verbrannt. Am Mittwochnachmittag wurde die Zahl der Menschen, die das Katastrophengebiet verlassen mussten, auf nahezu 90.000 geschätzt, berichtete die Zeitung Globe and Mail.

Bereits seit dem Wochenende hatte südwestlich der Stadt, in dren Umkreis die Ölsandfelder liegen, das Busch- und Grasland gebrannt. Nach einem relativ trockenen Winter und früh einsetzenden hochsommerlichen Temperaturen - in Fort McMurray wurden Temperaturen bis 32 Grad Celsius gemessen - sind Büsche und Wälder rund um die Stadt strohtrocken. Was das Feuer auslöste ist bisher nicht bekannt. Gefährlich wurde es, als zu dem Feuer ein starker Wind kam und das Feuer außer Kontrolle geriet. Am Dienstag trieb das Lauffeuer dann nach einem Wechsel der Windrichtung auf die Stadt zu. Es übersprang Flüsse und Bäche und Straßen, die eine Barriere dargestellt hatten. Tankstellen und Tanklager am Stadtrand explodierten und gingen in Flammen auf.

Der Ölpreis steigt

"Es war ein verheerender Tag", beschrieb Allen am Mittwoch im kanadischen Rundfunk CBC die Lage. Seine Leute hätten alles ihnen Mögliche getan, um das Vordringen des Feuers zu stoppen, aber die Einsatzkräfte seien "überwältigt" von der Gewalt des Feuers. "Es war der schlimmste Tag meiner beruflichen Karriere. Es ist ein hässliches Feuer, das kein Erbarmen zeigt", sagte er und konnte nur mühsam seine Emotionen zurückhalten.

Rund um Fort McMurray, das nach Süden nur durch eine Straße verbunden ist, gewinnen Ölkonzerne aus dem Ölsand das dickflüssige Bitumen. Die Stadt war bis zum Einbruch bei den Ölpreisen ein Wachstumsmotor in Kanada, kämpft aber jetzt mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen und wachsender Arbeitslosigkeit. Nun kommt zu ökonomischen Schwierigkeiten die Feuerkatastrophe hinzu. "Es ist eine Tragödie für unsere Gemeinde", sagt Bürgermeisterin Melissa Blake.

Wegen der Brände stieg der Ölpreis, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Der Preis für die richtungweisende Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee stieg als Folge der stillgelegten Förderanlagen um 2,5 Prozent auf 45,74 Dollar je Barrel (159 Liter).

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