Welt : Was bleibt, ist der Betrug

Im Kriminalfall um Tatjana Gsell gibt es fast täglich Überraschungen – ihr Mann soll schwul gewesen sein

Andreas Oswald

Der Fall ist mysteriös. Er fördert beinahe täglich neue Überraschungen zu Tage. Vor allem aber mischt er einige Themen so, dass sie fast drehbuchtauglich sind. Es geht um Schönheitsoperationen, um eine Frau, die viele Männer um ihren Finger wickelt, um Männer, die sich um den Finger wickeln lassen, es geht um Prominente, um Provinz, um Pleiten, um Versagen, um peinliche Enthüllungen. Der Fall Tatjana Gsell.

Dieser Kriminalfall ist so verworren, dass sich derzeit kaum jemand ein Bild machen kann, wer mit wem was geplant und abgekartet hat, wer wem in den Rücken gefallen ist und wer auf eigene Rechnung was getan hat. Betrachtet man die Nachrichten, Fakten, Stellungnahmen und Spekulationen, die auf dem Markt sind, dann ergibt sich kein plausibles Szenario.

Die Nürnberger Justiz ist derzeit nicht bereit, irgendeine Stellungnahme abzugeben. Ihr Sprecher Wankel kündigte gestern dem Tagesspiegel lediglich an, gegen Ende der Woche etwas Klärendes zu sagen. Dabei würde einiges „bestätigt werden“. Aber nur in einem Punkt wurde er konkret: Tatjana Gsell ist tatsächlich 32 Jahre alt.

Gibt es eine dritte Partei?

Am Anfang schien alles klar zu sein. Der vermögende Schönheitschirurg Franz Gsell soll seiner Frau den Geldhahn zugedreht haben, nachdem sie mit dem Düsseldorfer Autohändler und Pleitier Becker das Geld offenbar mit vollen Händen ausgegeben habe. Da sie Erbin ist, liegt ein Motiv für die Tötung vor. Doch offenbar war das Opfer in die Überfallpläne eingeweiht. Wollten der Arzt und seine Frau nur ein Betrugsdelikt einfädeln, um Geld von Versicherungen zu bekommen? Laut „Bams“ soll die Alarmanlage ausgeschaltet gewesen sein. Eine Hypothese könnte sein, dass die Verhafteten – die selbst nicht den Arzt niederschlugen – Bekannten von dem Betrugsplan erzählten. Diese brachen auf eigene Rechnung ein, wurden von dem Doktor überrascht und schlugen ihn mit einer Axt nieder.

Die Frage, die sich stellt: Starb Gsell wirklich drei Monate später an den Folgen der Axthiebe? Oder an einer Viruserkrankung? Oder starb er an den Folgen der medikamentösen Behandlung der Axthiebe?

Wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ jetzt enthüllte, war Franz Gsell schwul. Wenn wirklich eine dritte Partei Gsell niederschlug – Bekannte von Betrügern, deren Hilfe sich das Ehepaar Gsell sich möglicherweise versicherte, die Polizei ermittelt offenbar auch im Strichermilieu – dann wäre Ehefrau Tatjana unschuldig. An dem Mord. Was bliebe? Versicherungsbetrug.

Tatjana Gsell wollte möglicherweise nicht nur die Versicherungssumme, sondern einen Teil des erbeuteten Bargelds der Diebe. Das sollte ihr Staatsanwalt entgegennehmen.

Da haben vielleicht einige Leute noch Rechnungen offen.

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