Welt : Was geschah auf der Brücke?

Die Anwältin des Ex-Moderators Andreas Türck versucht, die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers in Frage zu stellen

Karin Ceballos Betancur[Frankfurt am Main]

Auf dem Flur vor dem Gerichtssaal 165C im Landgericht Frankfurt sieht es am Dienstagmorgen aus, wie es früher vor den Türen der Fernsehstudios ausgesehen haben mag, wo seine Sendungen aufgezeichnet wurden. Junge Frauen mit Hüfthosen und viel Farbe im Gesicht, junge Männer mit dicken Armen und gegeltem Haar, dazwischen diverse erregungsfreudige Sprecher, von denen es manchmal heißt, sie seien die Stimme des Volkes.

Früher wurde applaudiert, wenn er das Studio betrat. Früher strahlte er. Aber das gehört zu einem Leben, das für Andreas Türck zu Ende sein dürfte, egal wie der Prozess ausgeht. Die Staatsanwaltschaft legt dem 36-Jährigen zur Last, vor drei Jahren eine damals 26 Jahre alte Frau auf der Honsell-Brücke im Osten der Stadt vergewaltigt und ihren Kopf gegen ein Brückengeländer geschlagen zu haben. Sie betritt den Gerichtssaal mit einer dunklen Sonnenbrille, läuft mit schnellen Schritten zur Nebenklägerbank. Andreas Türck, in Anzug und Krawatte, trägt seiner Verteidigerin die Aktenkoffer. Er war ein Moderator mit glänzenden Einschaltquoten. Die Nachmittagstalkshow auf ProSieben, die seinen Namen trug, zählte zu den erfolgreichsten der Republik.

Über das Meiste, was an jenem Abend des 25. August 2002 vor Mitternacht passierte, herrscht weitgehend Einigkeit. Andreas Türck war mit seinem Freund Ralf S. unterwegs. Am Tresen der Sansibar lernten sie die Freundinnen Katharina B. und Marisa Z. kennen. Gegen 24 Uhr verließen sie das Lokal, um in der nahe gelegenen Vinylbar weiterzufeiern. Ralf S. hat gegenüber den Ermittlern ausgesagt, er habe auf der Rückbank von Türcks VW Golf mit Katharina B. geknutscht. Von seinen Küssen sollen auch die Flecken stammen, die Freunde später an Katharinas Hals sahen. Flecken, von denen Katharina B. behauptet, sie stammten von den Händen Andreas Türcks.

Weil die Gruppe vor der Bar keinen Parkplatz fand, lenkte Türck den Wagen auf die Honsell-Brücke, der Aussicht wegen. Beide, Andreas Türck und Katharina B., entfernten sich vom Wagen. Dass es am Brückengeländer zu Oralsex kam, ist ebenfalls unstrittig. Die Frage ist nur, ob er freiwillig stattfand, wie Andreas Türck versichert, oder ob die Frau „zu sexuellen Handlungen gezwungen“ und „körperlich misshandelt“ wurde, wie es in der Anklage heißt. Kurze Zeit später fuhr die Gruppe zurück zur Sansibar, wo beide Frauen aus dem Auto stiegen. Auf dem Parkplatz soll Katharina B. zusammengebrochen sein und gestammelt haben: „Der hat mich vergewaltigt.“ Zur Anzeige brachte sie das allerdings nicht. Die Polizei wurde durch einen Zufall auf die Beschuldigung aufmerksam, weil Katharina B. in der Nacht mit ihrem Ex-Freund telefonierte und ihm den Verlauf der Nacht schilderte. Beamte hörten das Telefon des Mannes ab, weil er verdächtigt wurde, mit Waffen und Drogen zu handeln. Daraufhin kam es zu Ermittlungen.

Noch bevor die Vorsitzende Richterin der 27. Strafkammer, Bärbel Stock, dazu gekommen ist, den Angeklagten über seine Rechte zu belehren, fällt ihr dessen Verteidigerin, Susanne Wagner, ins Wort. Sie habe einen Befangenheitsantrag gegen die Richter zu stellen, wegen Zweifeln an ihrer Unparteilichkeit. Das zweistündige Vortragen des Antrags seiner Verteidigerin verfolgt Andreas Türck mit sorgenvoll zusammengezogenen Augenbrauen und gefalteten Händen. Weil die Ermittlungen zu spät eingeleitet wurden, seien „objektive Beweise“ für die Unschuld ihres Mandanten verloren gegangen, erklärt Wagner. Sie führt in ihrer Rede Begriffe wie „Depression“ des mutmaßlichen Opfers ein.

Der Angeklagte sagt an diesem Tag nur einen Satz: „Ich mache von meinem Schweigerecht Gebrauch und lege Wert auf die Feststellung, dass ich unschuldig bin.“ Seine Stimme klingt uneben, nicht wie die eines Menschen, der unzählige Male in seinem Leben in ein Mikrofon gesprochen hat. Aber da ging es auch um andere Schicksale, nicht um sein eigenes.

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