Weltbevölkerungsbericht : Die Welt aus den Augen einer Zehnjährigen

Kinderehen, Aids und kein Zugang zu Bildung: Die Vereinten Nationen prangern die schlechten Lebensumstände von Mädchen an.

Jonas Schaible
Besonders betroffen sind die Mädchen, die auf der Flucht sind wie dieses Kind im Kongo.
Besonders betroffen sind die Mädchen, die auf der Flucht sind wie dieses Kind im Kongo.Foto: epd

Was darf ein zehnjähriges Mädchen vom Leben erwarten? Es lebt mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Entwicklungsland. Es kann vielleicht nicht zur Schule gehen; es muss fürchten, verkauft zu werden; womöglich wird es noch vor seinem achtzehnten Lebensjahr verheiratet, so wie jährlich mehr als 17 Millionen Mädchen.

Umso dringender müsse die Welt handeln, fordern die Vereinten Nationen. Jedes Jahr nimmt ihr Bevölkerungsfonds ein konkretes Thema in den Fokus, statt nur allgemeine Zahlen und Statistiken zu sammeln. Diesmal stehen zehnjährige Mädchen im Mittelpunkt – denn sie sind von vielen Problemen direkt betroffen: von Kinderarbeit, Kinderehen, von sexueller Gewalt und mangelnder Bildung. Und sie werden mitten im Leben stehen, wenn 2030 die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele der UN erfüllt sein sollen.

125 Millionen Zehnjährige leben auf der Welt, 89 Prozent von ihnen in Entwicklungsländern. 60 Millionen sind Mädchen, 65 Millionen Jungen. Diese Zahlen gehen aus dem Weltbevölkerungsbericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) hervor, den die Stiftung Weltbevölkerung am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat.

„Wie die Welt in 15 Jahren aussehen wird, hängt davon ab, ob wir alles tun, was in unserer Macht steht, um das Potenzial eines heute zehnjährigen Mädchens zu entfalten“, heißt es deshalb in dem Bericht. Er stützt sich auch auf Informationen über Frauen anderen Alters – denn über die Zehnjährigen selbst gebe es nur wenige Statistiken, sagte Bettina Maas vom UNFPA bei der Vorstellung des Berichts in Berlin; sie werden üblicherweise nicht explizit herausgehoben.

Verhütungsmittel werden wenig genutzt

Vor allem in afrikanischen und arabischen Staaten gehen Mädchen deutlich seltener zur Schule als Jungen, vor allem auf weiterführende Schulen. Aber auch den Jungen bleibt Bildung oft verwehrt, zeigt der Bericht. Weltweit besuchen 62 Millionen Mädchen keine Schule – und noch einmal fast so viele Jungen. Stattdessen arbeitet jedes zehnte Mädchen zwischen fünf und 14 Jahren mindestens 28 Stunden pro Woche im Haushalt.

Kinderehen sind weltweit nach wie vor verbreitet: In Entwicklungsländern werde jedes dritte Mädchen verheiratet, bevor es 18 Jahre alt ist, heißt es im Bericht. Zwar gebe es in vielen Staaten schon ein Mindestalter, aber „Papier ist geduldig”, sagt Renate Bähr von der Stiftung Weltbevölkerung.

Noch immer werden Verhütungsmittel kaum genutzt. In Deutschland verhüten laut Bericht 62 Prozent der Frauen über 15 Jahren in festen Lebensgemeinschaften mit modernen Methoden, zum Beispiel durch Sterilisation oder mit der Pille, Kondomen oder der Hormonspirale. In West- und Zentralafrika sind es nur 13 Prozent, in Ost- und Südafrika 35 Prozent, in Osteuropa und Zentralasien 47 Prozent.

Während etwa in Westeuropa so gut wie alle Geburten professionell betreut werden, sind es weltweit nur 71 Prozent. Und in den 48 laut UN am wenigsten entwickelten Ländern kommt jedes zweite Kind auf die Welt, ohne dass gut ausgebildete Geburtshelfer dabei sind.

Entsprechend gefährlich sind Geburten für die Mütter, wie der Bericht zeigt: In Deutschland sterben pro 100000 Geburten sechs Mütter; weltweit sind es 216 Mütter – und in West- und Zentralafrika sogar 676 Mütter. Das betrifft bereits Teenager: In manchen Weltregionen bringen mehr als zehn Prozent der zwischen 15 und 19 Jahre alten Frauen ein Kind auf die Welt. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 0,8 Prozent. Die häufigste Todesursache für Mädchen zwischen zehn und 19 Jahren weltweit ist Aids.

Sexualaufklärung ist schon zu Beginn der Pubertät nötig

Wenn Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, verschärfe das all diese Probleme zusätzlich, sagte Maas. Flucht belaste die Psyche, reiße Kinder aus der Schule und schaffe Situationen, in denen vor allem Mädchen sexueller Gewalt besonders schutzlos ausgesetzt seien. Kriegsgebiete wie Syrien und Jemen seien besonders gefährlich für junge Frauen.

Um die Lebensbedingungen von Mädchen und jungen Frauen zu verbessern, fordert der UNFPA ein Mindestalter von 18 Jahren für Ehen, Gesundheitsuntersuchungen für alle Zehnjährigen, Kritik und einen Abbau diskriminierender Geschlechternormen, umfangreiche Sexualaufklärung schon mit Beginn der Pubertät – und auch bessere Daten, um Probleme und Fortschritte überhaupt zu erfassen.

Aufklärung sei besonders wichtig, sagt Renate Bähr: „Wir stellen seit Jahren fest, dass es viel zu spät ist, bei 15-Jährigen mit Sexualaufklärung anzufangen.“ Allerdings müsse es dabei um mehr gehen als um „reine Biologie“. Gerade Fragen nach sexueller Gewalt und Rollenverständnisse müssten unbedingt vermittelt werden: Rollenbilder, Gewalt, Sexualaufklärung – all das hänge eng zusammen.

Dass solche Forderungen überall auf der Welt schwierig umsetzbar sind, zeigt ein Beispiel ausgerechnet aus Deutschland: Ein Bildungsplan, der umfangreiche Aufklärung und Erziehung zur Offenheit gegenüber sexueller Vielfalt vorsah, sorgte in Baden-Württemberg für wütende Proteste – und die Umsetzung des Plans wurde schließlich verschoben.

Der Bericht stellt den moralischen Appellen womöglich auch wegen solcher Vorbehalte nüchterne wirtschaftliche Argumente an die Seite: Gesundheit von Frauen sei „ein entscheidender Wachstumsfaktor“. Eine gut gebildete und gesunde Frau werde „in jeder Hinsicht produktiver sein“, sagte Maas. Sich um Frauen zu kümmern, sei deshalb „ein Gewinn für sie selbst als junge Frauen – und für die gesamte Gesellschaft“.


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