Welt : Weltraum-Wissenschaft: Freiwillig für drei Monate ins Bett

Rainer W. During

14 Franzosen gehen in dieser Woche für ein Vierteljahr ins Bett, obwohl sie kerngesund sind. 90 Tage dürfen sie den Oberkörper nicht aufrichten. Nicht weniger als 450 Kandidaten wollten sich freiwillig diesen Qualen aussetzen. Dabei ist der Lohn für die Tortur mit umgerechnet rund 25 000 Mark, deren Zahlung noch dazu auf drei Jahresraten verteilt wird, eher bescheiden. Mit der ersten Langzeit-Bettruhestudie dieser Komplexität und Dauer sollen die Auswirkungen langer Einsätze in der Internationalen Raumstation auf den Organismus der Astronauten simuliert werden.

Weil nicht genügend echte Raumfahrer zur Verfügung stehen und tonnenschwere medizinische Untersuchungstechnik nicht in den Space-Shuttle passt, hat man sich zum Bodentest entschlossen. Untersucht werden nicht nur die Veränderungen von Muskeln und Knochen sowie die Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Auch die neuro-endokrine Regulierung der Urinerzeugung, das psychologische Verhalten und Veränderungen des Schlaf-Wach-Zyklus sind Gegenstand der Studie. Die Flachlage ist dabei erforderlich, weil die Wissenschaftler zuvor ermittelt haben, dass eine Position des Kopfes in einem Winkel von minus sechs Grad am ehesten der Schwerelosigkeit im Weltraum entspricht.

Per Internet sowie bei Fernseh-Interviews hatten die Forscher der europäischen Weltraumbehörde ESA in Frankreich nach Kandidaten gesucht. Obwohl der finanzielle Anreiz gesetzlich so gering sein muss, dass er niemanden zur Teilnahme an derartigen Tests animiert, war die Resonanz überwältigend. Unter den nicht zuletzt nach ihrer psychischen Willensstärke ausgewählten Probanten im Alter von 29 bis 41 Jahren befinden sich Lehrer, Bauunternehmer, Psychiater, Briefträger, Gärtner und Buchhalter. "Manche Leute wollen sich selbst beweisen, dass sie so etwas machen können", sagt Projektleiter Benny Elmann-Larsen. Andere würden die Ruhezeit für Studien nutzen.

Rund 80 Wissenschaftler aus aller Welt, darunter auch Osteoporose-Experten der Freien Universität Berlin, werden die Männer ständigen Tests unterziehen. Dazu gehören Knochendichtemessungen, Magnetresonanzaufnahmen und Muskelbiopsien. In ihrer "Freizeit" dürfen die Testpersonen lesen, fernsehen, den Computer benutzen und auch mit ihren Angehörigen telefonieren, nur nicht den Oberkörper anheben. Auch die Mahlzeiten werden liegend eingenommen. Die Probanten werden nicht ans Bett fixiert. Sie mussten sich aber vertraglich verpflichten, ihre Position nicht zu verlassen, was rund um die Uhr per Videokamera kontrolliert wird.

"Wer die ersten zwei Wochen übersteht, der schafft es", so Elmann-Larsen.

Zwei Wochen brauchen die Männer, um noch ihrer selbstgewählten Langzeit-Bettruhe wieder problemlos auf den eigenen Füßen zu stehen. Zu Weihnachten geht es wieder nach Hause, in regelmäßigen Abständen finden Nachuntersuchungen statt.

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