Welt : Wer tötete American Beauty? JonBenets Tod ist doch noch nicht aufgeklärt

Christoph von Marschall

Washington - Einen Tag lang lebten die USA im Gefühl, eines der aufsehenerregendsten Verbrechen des vergangenen Jahrzehnts geklärt zu haben: den Mord an der damals sechsjährigen Kinder-Schönheitskönigin JonBenet Ramsey an Weihnachten 1996 im Keller ihres Elternhauses in Boulder, Colorado. Aber schon 24 Stunden nach der Festnahme eines verdächtigen US-Bürgers in Thailand glauben die meisten Medien, dass die Behörden wieder den Falschen erwischt haben: einen Wichtigtuer, der zwar wegen des Besitzes von Kinderpornografie seinen Job als Lehrer in den USA verloren hatte und in Asien eine neue Existenz aufbauen wollte, aber vielleicht nur Aufmerksamkeit sucht.

Der Fall hatte die Nation jahrelang bewegt. Zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei brach offener Streit aus, welche Spur man verfolgen solle. Zwischenzeitlich gerieten die Eltern in Verdacht. Sie brauchten Jahre, um die Anschuldigungen zu entkräften. Die Mutter starb kürzlich an Krebs. Auch jetzt ist der Mord Topthema der TV-Shows und Boulevardzeitungen – und wird auch auf den Titelseiten der seriösen Zeitungen erörtert.

Die Eilmeldungen über die Lösung des Falls waren womöglich verfrüht. John M. Carr, ein 41-Jähriger, soll zwar eine Art Geständnis abgelegt haben: „Ich war bei JonBenet, als sie starb.“ Er nannte ihren Tod einen „unbeabsichtigten Unfall“ und beantwortete die Frage „Sind Sie unschuldig?“ mit „nein“. Er passt auch in das Täterprofil: Seine erste Frau war bei der Heirat 13, ein Kind; er war 19. Bei den Praktika als angehender Lehrer fiel er durch sein Verhalten auf. Einen Job als Hilfslehrer in Kalifornien verlor er, als er wegen Besitzes von Kinderpornografie einige Monate ins Gefängnis musste. Der Richter machte ihm die Auflage, Schulen und das Internet zu meiden.

Auf Karr waren die Ermittler gestoßen, nachdem ein Journalistik-Professor, der Filme über den Fall gedreht hatte, sie auf seinen E-Mail-Verkehr mit Karr aufmerksam machte. Die Schreiben belegten ein ungewöhnliches Interesse an JonBenet. Bei den Verhören zeigte Karr erstaunliche Kenntnis des Schauplatzes und der Familienverhältnisse der Ramseys. Die kann er jedoch auch durch intensive Beschäftigung mit dem Fall gewonnen haben. Ermittler und Anwälte warnen: Er gilt als unschuldig. Bisher gibt es keinen Beleg, dass Karr jemals in Boulder war.

So setzt sich die Serie der Rätsel und Ermittlungspannen fort. Die Eltern hatten JonBenet als vermisst gemeldet. Dann erst fand die Mutter ein Erpresserschreiben für 118 000 Dollar – exakt der Jahresbonus, den Vater Ramsey kurz zuvor erhalten hatte. Als die Polizei mit dem Ehepaar zum Tatort ging, ließ sie den Vater allein in ein Haus, aus dem er die tote JonBenet aus dem Keller nach oben trug. So gingen Spuren verloren. Nichts wies dabei auf den Einbruch eines Fremden hin.

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