Werbinich : 313 Zeilen Hass

Julius Wolf ist gerade in so einer Phase. Was ihn alles nervt

Julius Wolf

„Wann gedenkst du denn nach Hause zu kommen?“ Der Vater fragte mal wieder so freundlich.

„Ich weiß nicht, darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

„So, und wann willst du dir darüber Gedanken machen? Ich meine, du solltest zwischen zwölf und halb eins zu Hause sein.“

„Was? Zwischen zwölf und halb eins? Wenn die Party um zehn anfängt. Aber sonst ist alles in Ordnung, oder?“

So oder ähnlich sehen Gespräche mit meinen Eltern aus, wenn es darum geht, den Zeitpunkt festzulegen, an dem ein Sechzehnjähriger zu Hause sein sollte. Ein höchst nerviges Thema. Meistens arten solche Diskussionen in einen Streit aus. Meistens verliere ich. So etwas kann einen schon zur Weißglut bringen. Wenn selbst die schönsten Argumente wie „Aber die anderen dürfen auch“ oder „Als ob du damals so früh nach Hause gekommen wärst“ nichts nützen, ist das wirklich extrem nervend.

Es sollte zu einer Party gehen, die in einer gemieteten Disko stattfand. Die Abschiedsparty eines Freundes und sechs anderer Menschen, die alle ein Austauschjahr in Amerika machen. Es waren etwa 200 Leute da, und 50 davon standen vor der Tür, als ich ankam. Ich habe Dreadlocks. Und ich war der Einzige, den der Türsteher anpfiff: „Alder, hassu Drogen dabei? Alder, wenn isch Drogen bei dir find, dann setzt et was klar! Bei eusch Rastas weiß man ja nie.“ Ist es nicht furchtbar ungerecht, nur wegen seiner Frisur angemacht zu werden? Ist doch egal, ob der Türsteher recht hat oder nicht, das ist ja fast wie in der U-Bahn oder im Bus, wo mich ständig irgendwelche Leute, besonders ältere, schräg anschauen.

In diesem Zusammenhang, weil gerade die Rede von Cannabis ist: Ein paar Freunde und ich haben in diesem Punkt kein Problem mit den Eltern. Das ist gut, das ist erfreulich, manchmal ist es auch cool, liberale Eltern zu haben. Manchmal ist es aber auch nervig. Es gibt diesen Vater in dem Film „American Pie“. Der hat immer für alles Verständnis, der will immer über alles reden. Das kann mein Vater manchmal auch. Puh. Das ist dann zum die Wände Hochgehen. Ich meine, es gibt schon das ein oder andere, das die Eltern nichts angeht, wofür sie auch kein Verständnis aufbringen müssen. Ich habe nichts gegen Gegensätze, und Verbote nerven zwar, aber nicht so extrem wie keine Verbote. Über „keine Verbote“ kann man sich nämlich nicht hinwegsetzen.

Andere Situation. Das Zimmer sieht nach meiner eigenen Vorstellung vollkommen normal aus und muss frühestens nächste Woche wieder aufgeräumt werden. Beim Abendessen fällt dann wie beiläufig der Satz: „Dein Zimmer könnte mal wieder aufgeräumt werden.“ Diesmal die Mutter.

Ich überhöre diese Feststellung gnädig, bin allerdings schon angefressen wegen ihrer Unnötigkeit. Ein bis zwei Tage später wird die Feststellung zur Aufforderung, und ich muss mich auf jeden Fall dazu äußern. Schrecklich. Eine überflüssige Diskussion. Zwei Minuten meines Lebens kostet sie mich, mindestens. Die nächste Aufforderung wird dann mit so viel Nachdruck gestellt, dass ich keine Chance mehr habe. Außer augenrollend ein paar Sachen zur Seite zu schieben. Spätestens eine halbe Stunde später steht meine Mutter im Zimmer und sagt: „Ich dachte, du wolltest dein Zimmer aufräumen.“ Wie ich diesen Satz hasse. Und das merkt man meiner unfreundlichen Erwiderung auch an. Die wiederum führt dann zum nächsten Krach. Ätzend. Wenn ich mein Zimmer danach auch noch aufräumen muss, ist der Tag für mich sowieso gelaufen.

Zur Schule, dem häufigsten Grund für schlechte Laune. Wir haben zum Beispiel Lehrer, die schon unseren Eltern hätten Unterricht geben können und immer noch dieselben Lehrmethoden anwenden. Stehen vor der Klasse, reden, reden, reden mit sich selbst, und wenn man dann eingeschlafen ist, muss man ein Stundenprotokoll des Monologs erstellen. Oder die Lektüre. Sagen wir mal bei „Nathan der Weise“ oder „Der Schimmelreiter“, sind doch schon Generationen vor uns weggenickt. Und wenn dann ein Buch gelesen wird, das spannend ist, „The Wave“ oder „Das Parfum“ zum Beispiel, wird es noch Wochen später analysiert, immer und immer wieder durchgekaut, bis es selbst dem Interessiertesten zu den Ohren rauskommt.

,,Aurea prima sata est aetas quae vindice nullo…“ – ein sehr schönes Zitat aus Ovids Metamorphosen. Ich habe mal eine Stunde lang gewusst, was es heißt, aber inzwischen wieder vergessen. Und wozu ich das und vierzehn weitere Zeilen auswendig gelernt habe, weiß ich auch nicht. Aber es scheint für meinen späteren Lebensweg ungemein wichtig zu sein.

Oder Mathematik. Den eigentlichen Sinn von Mathe habe ich mittlerweile verstanden. Mathe schult das logische Denkvermögen. Aha. Mein Lehrer ist aber anderer Meinung. Mein Lehrer versucht uns klar zu machen, dass es enorm wichtig ist fürs familiäre Zusammenleben, wenn man die Quadratwurzel von einem drittel Pi geteilt durch die Höhe mal das Volumen ausrechnen kann. Ich glaube, nicht viele Familien in meiner Klasse können das. Meine auch nicht. Also, sind wir jetzt alle sozial gefährdet?

Es sind aber nicht nur die Lehrer, die nerven. Auch der eine oder andere Schüler hat schon dazu beigetragen, dass ich mir mit meinen Freunden gewünscht habe, auf der Stelle im Erdboden zu versinken. Es gibt Schüler, die, auch wenn der Lehrer gerade das dritte Mal wiederholt hat, was er gefragt oder erklärt hat, immer noch fragen: „Aber warum denn?“ Ich meine, bei Quadratwurzeln ist so eine Frage ja berechtigt, aber muss man wirklich immer nachfragen, wenn in Biologie die berauschende Wirkung von Cannabis erörtert wird? Echt ätzend. Ich meine jetzt die Nachfrage.

Zur Politik. Ein schönes Thema, wenn auch nicht sehr interessant. Die Politik der jetzigen Regierung wird ja sehr scharf kritisiert. Ich finde die Situation auch nicht toll. Die Arbeitslosenzahl macht auch mir Sorgen, aber einerseits bin ich noch nicht so weit und zweitens bin ich im Moment sowieso lieber ohne Arbeitsverhältnis. Zur Finanzlage der Republik habe ich ebenfalls ein distanziertes Verhältnis. Meine Finanzlage wird vom Taschengeld bestimmt. Das ist natürlich viel zu wenig, insofern jammere ich gerne mit, wie schlecht es uns allen in Deutschland geht. Und mit den angekündigten Haushaltsverbesserungen ist es bei mir wie überall. Ankündigung – und zwei Wochen später ist alles ins Gegenteil verkehrt. Also, ich bekomme mehr Taschengeld, toll – und muss dafür meine Hosen selber zahlen. Nervkram.

Oder die Rente, auch so ein Aufregerthema. Mein Vater stört mehrmals am Tag mit dem Hinweis, ich könnte ruhig auch mal Zeitung lesen, um informiert zu sein. Heißt das, dass ich mit Sechzehn die Rente diskutieren muss? Nein, Papa, der Hinweis zur Zeitungslektüre nervt mich mehr als die Rentendebatte. Und über das Studium mache ich mir schon Gedanken und informiere mich. Ja, ich möchte studieren. Was ich allerdings nicht möchte, ist zwei bis drei Jobs zu unterhalten, um den Studienplatz zu bezahlen. Wie gesagt, zur Zeit bin ich doch am liebsten ohne Arbeitsverhältnis. Mein Vater sagt, dass er sein ganzes Studium allein finanziert hat durch Nebenjobs, und dass das nicht die schlechteste Erfahrung seines Lebens gewesen sei. Herzlichen Glückwunsch dazu – aber Erzählungen, dass früher alles anders und schwerer und besser war, sind nur nervend.

Die politische Lage. Die ist ja nun nicht so toll. Nur meine ich, dass man vielleicht nicht alles der jetzigen Bundesregierung in die Schuhe schieben sollte. Stammt nicht ein großer Teil des Schuldenbergs von dem Herrn, der vor Schröder regiert hat? Deutschland hat bestimmt nicht vier Millionen Arbeitslose seit 1998 dazubekommen. Und dass wir vor Schröder mit dem Haushalt im Plus gewesen sind, ist mir auch neu. Ich kann nicht wirklich beurteilen, wann dieses Land angefangen hat, zur Skandalrepublik zu werden, aber bestimmt nicht vor sechs Jahren. Nervt mich die Korruption? Ich weiß nicht, sagen wir so: Wenn in Bayern die Familie Strauß jahrelang Steuern hinterziehen, bestechen und Stimmen kaufen kann und wenn ich aber im selben Bundesland mit meinem Freund Jonas ein kleines Tütchen rauche und dabei mit unserer Verhaftung rechnen muss, dann nervt mich das ungemein.

Bleiben wir bei der Politik. Die amerikanische ist mindestens so ranzig wie die deutsche. Ich bin Fan von Michel Moore. Einige der Fakten in seinen Büchern mögen nicht sauber recherchiert sein, trotzdem schenke ich ihm in vielerlei Hinsicht Glauben. Was alles nervt an Amerika? Da fällt mir sehr viel ein. Das würde hier aber nicht hinpassen. Aber am meisten regt mich Bush auf. Der glaubt wirklich, dass er alles machen kann was er will mit seinen Soldaten. Er setzt sich über internationale Gesetze hinweg und fällt in ein anderes Land ein, weil es ihm grad passt. Und seine grandiose Armee bombardiert Zivilisten. „Kollateralschäden, so was passiert in jedem Krieg.“ Widerlich. Letztens habe ich ein Interview gehört. Mit einem amerikanischen Politiker. Der hatte die Dreistigkeit zu behaupten, dass die Amerikaner das Recht hätten, Menschen ohne Gericht und Anklage festzuhalten oder zu foltern. Weil sie die besseren Menschen sind und besondere Situationen besondere Maßnahmen erfordern. An wen erinnere ich mich da bloß? Und nach solchen Sätzen regen sich die Amerikaner immer noch wegen Unsolidarität auf? Es ist einfach nicht zu fassen!

Aber man darf ja nichts gegen die USA sagen, das kotzt mich echt an. Dann reagieren die Amerikaner mit Argumenten wie „das ist ein Bruch in der deutsch-amerikanischen Freundschaft“ oder „die Deutschen haben wohl vergessen, wer sie 1945 gerettet hat“. Ich glaube kaum, dass auch nur ein älterer Deutscher das vergessen hat, und wir Jüngeren haben es in der Schule gelernt. Wir sind dankbar für alles, was die Amerikaner für uns getan haben. Wir futtern ja auch brav ihre Burger, trinken ihre Cola und hören dazu, der eine mehr, ich weniger, Britney Spears und Justin Timberlake, obwohl die wirklich ätzend sind. Oder Christina Aguilera und Shania Twain, O- und Crazy Town. Den ganzen Tag diese Musik, da müsste ich auch mal Dampf ablassen, aber deswegen kann man ja nicht gleich einen Angriffskrieg führen. Wegen der angeblichen Massenvernichtungswaffe Aguilera? So geht’s ja nicht. Ich will nicht ätzen. Reicht schon, dass man mich nervt.

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