Auf der Sonnenseite (5) : Links fahren! Du musst links fahren!

Julius Wolf, 21, berichtet an dieser Stelle regelmäßig aus Australien. Diesmal hat er mit seinen Freunden ein Auto gemietet (woraufhin allen schlecht wird) und schläft unter Koalas. Sie sind am Meer angekommen.

Julius Wolf[Melbourne]
WIRECENTERJuli-Kol5
Unter Palmen. Julius mit hübscher Begleitung. -Foto: privat

„Links fahren!“, brüllt Timo zum dritten Mal. Jemand hupt, ich reiße erschrocken das Lenkrad nach links und fahre zurück auf die andere Spur. Emily, Evelyn, Adam, Timo und ich haben uns ein Auto geliehen, unser Zeug rein geworfen und sind losgefahren. Raus aus Melbourne. Das heißt, ich bin losgefahren. Das erste Mal auf der linken, auf der „falschen“ Straßenseite. Und daran muss ich mich noch gewöhnen. Emily und Adam, beide aus England, lachen sich kaputt, Timo fasst sich an den Kopf und Evelyn ist weiß im Gesicht.

Nach jeder Kurve fahre ich rechts und dann wieder links

Alle zusammen haben wir für einen Holden Commodore Stationwaggon für zwei Tage 160 Dollar bezahlt. Und mit diesem Kombi wollen wir die Great Ocean Road Tour befahren. Das ist eine Strasse, die von Melbourne aus die Südküste entlang bis nach Adelaide führt und die eine der Touristenattraktionen Australiens ist. Das ist auch der Grund, warum alle zwei Kilometer „Bitte-Links-Fahren“ Schilder am Straßenrand stehen. Aber bis zum Oceanhighway muss ich erst durch Melbourne und bis in den nächsten Ort Geelong. Und dort gibt es keine „Bitte-Links-Fahren“ Schilder. Und deshalb fahre ich nach fast jeder Kurve automatisch erst mal auf die rechte Spur. Und Timo muss wieder „Links fahren“ brüllen. Bis zum Highway habe ich mich eingefahren und behelfe mir, jedes Mal wenn ich blinke „links, links, links“ zu denken. Jeder Backpacker, der nach Australien kommt, fährt die Great Ocean Road mindestens einmal. Von Melbourne bis nach Geelong, wo die Great Ocean Road erst beginnt, gibt es nicht viel zu sehen. Aber nach Geelong kommt ein kleiner Hügel. Und nach diesem Hügel kommt das Meer.

Das Meer richt anders, mehr nach Algen

Weißer Sand, hohe Surferwellen, kilometerlanger Strand. Das Meer riecht hier anders, als ich es vom Mittelmeer gewohnt bin, ein bisschen weniger nach Salz, dafür mehr nach Algen, aber nicht unangenehm. Wenn man seinen Blick von diesem Panorama-Postkartenmotiv abwenden kann, sieht man auf der rechten Seite eine wunderschöne australische Hügellandschaft, die sich alle paar Kilometer leicht verändert. Hügel mit flachen Gras, felsige mit Büschen zugewachsene Berge, kleine Haine und tropische Wälder voller Bambus, Riesenfarnen und großen stark verzweigten und ineinander verwachsenen Bäumen. Und dazwischen immer wieder Wasserfälle. Leicht versteckt, meistens nur zu Fuß zu erreichen. Allerdings sollte man früh genug da sein, wenn man nur Wassergeplätscher und kein Touristengeschnatter hören will. Das Paradies ist nicht alleine zu haben.

Was für eine Idylle - wären da nicht die Touristen

Die Erskine Falls in Lorne zum Beispiel sind wunderschön, weil man dem Flusslauf nach dem Wasserfall noch ein paar hundert Meter folgen kann und die Natur einfach umwerfend ist. Für solche Eindrücke muss man Zeit mitbringen. Wir sitzen in der Sonne auf einem umgestürzten Baum und versuchen die hektischen asiatischen Reisegruppen auszublenden, die hier nach neun Uhr morgens im Akkord durchgejagt werden. Sie alle haben zehn Minuten Zeit und dann ruft irgendein Reiseführer und es geht weiter zur nächsten Sehenswürdigkeit. Die Erhabenheit eines solchen Ortes geht durch dieses Gehetzte total verloren. Man sollte Zeit mitbringen. Auch für die Suche nach einem Schlafplatz.

Koalababys, wie süß! Fast könnte ich Vegetarier werden

Es ist fast alles ausgebucht was man an Motels, Motor Inns und Campingplätzen findet. Entweder bucht man also vor oder man hat Glück und findet den Bimbi Park. Mitten im Great Otway National Park mitten in einem riesigen Eukalyptus Wald liegt ein kleiner Campingplatz. Man hat Anschluss an unzählige Wanderpfade, kann Pferdetouren mieten und grillen. Und das Beste, man schläft unter Koalas. Und man sieht sie auch. Überall, in jedem Baum sitzt mindestens einer. Und es ist grade Paarungszeit. Wenn man noch nicht von den Koalas an sich vor Rührung zerfließt, dann von dem Nachwuchs, den winzig kleinen Koalababys, die auf den Rücken der Grossen reiten oder aus dem Beutel spähen. Ein Traum. Glatt könnte man Vegetarier werden.

Und dann verreckt unser Auto

Das haben wir aber gelassen und uns am Abend, als der große Hunger kam, doch wieder ein Kängurusteak auf den Grill geworfen. Vielleicht lag es an diesem Frevel oder einfach an der australischen Sonne, dass uns unser Auto auf der Rückfahrt kurz vor Geelong verreckt ist, aber trüben konnte es die gute Laune nicht mehr. „Was soll’s“, lassen wir das Auto halt stehen und gehen zu Fuß. Ist ja nur eine gute Autostunde bis nach Melbourne. Wir sind ja jetzt absolut mit der Natur verbunden. Wir waren dann aber doch alle froh, als wir den Bahnhof von Geelong gefunden hatten und den nächsten Zug nach Melbourne nehmen konnten. Man muss es ja nicht übertreiben mit der Naturverliebtheit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben