Auf der Sonnenseite (6) : Unsere Australien-Kolumne: Thesen am Tresen

Für ein Jahr ist unser Autor Julius Wolf, 21, in Australien. Dort säuft die eine Hälfte des Landes ab, die andere brennt. Und am Tresen wird im Suff gestritten.

Julius Wolf[Brisbaine]
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Julius WolfFoto: privat

Die australische Flagge hängt auf Halbmast. In der Ecke lagen Zeitungen mit Bildern von fassungslosen Familien vor zerstörten Grundstücken, ausgebrannten Autos mit geschmolzenen Felgen und Feuerwehrmännern im Dienst. Als Südaustralien brannte, kamen über 200 Menschen um, und es wird immer noch nach Vermissten gesucht. Wie viele Tiere in den Nationalparks verbrannt sind, kann man nicht mal schätzen.

Gleichzeitig ertrank der Norden von Queensland. Oberhalb von Mackay waren die Straßen wegen Überflutung gesperrt. Reisen und arbeiten rund um Cairns, wo ich eigentlich hin wollte, ist unmöglich. Im Fernsehen zeigten sie Berichte von liegen gebliebenen Allradfahrzeugen, weggespülten Häusern und überfluteten Hotels. Normale Regenzeit in Nordaustralien. Und nun kommt auch noch das Öl, Australien ist wirklich nicht zu beneiden in diesen Tagen.

Als Südaustralien ertrank und Nordaustralien absoff, saß ich mit Adam und einem Schotten in einem Pub in Stanthorpe weit weg von beiden Katastrophen. Stanthorpe liegt vier Autostunden südwestlich von Brisbaine im Landesinneren an der Grenze von New South Wales und Queensland. Apfelanbaugebiet. Hier sind wir nach drei vergeblichen Wochen Arbeitssuche gelandet und hatten endlich Glück. Eine Apfelfarm liegt neben der anderen, nur unterbrochen von verstreuten Winzereien und Salatfarmen. Die kleinsten Framen sind um die 400 Hektar groß. Klein ist in Australien ein anderer Begriff. Es gibt jede Menge Arbeit für Backpacker. Und davon gibt es wirklich nicht wenig, weswegen nicht jeder sofort einen Job findet. Das örtliche Arbeitscenter führt eine Warteliste, darauf stehen 200 Personen. Wir hatten Glück und ein paar Einheimische, die uns vermittelt haben.

Mein Job: Äpfel pflücken. Zehn Stunden am Tag

Die Arbeit ist hart. Äpfel pflücken, zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, zwischen 800 und 900 Dollar gibt es dafür. Am ersten Wochenende sitzen wir also im Pub und feiern unser Glück. Eigentlich ist es kein richtiger Pub, sondern ein Bowls Club, ein Treffpunkt für all die alten Leute der Umgebung., die hier eine Art Kegeln auf Rasen veranstalten. Heute ist sogar ein großes Spiel zwischen Stanthorpe und Brisbaine. Und die Flaggen hängen auf Halbmast. Die Gesprächsthemen variieren. Zum einen sind da die Brände. Zum anderen ist da die Flut. Alle trinken Bier während das Spiel langsam und öde voranschreitet.

Jemand macht einen Wortwitz über die gegrillten Victorianer und ob es sie auch mit BBQ Sauce zum mitnehmen gibt. Alle lachen. Eigentlich lachen sie nicht, sie schütteln sich und können sich gar nicht mehr einkriegen. Haha, Menschen sterben, haha, Existenzen ausgelöscht, haha, tausende von Hektar Natur verbrannt, hahaha. Bin ich im falschen film?

Wir haben Spaß, die Flaggen hängen auf Halbmast

Die Sonne scheint, brennt, sagen die Leute, aber wir haben ja Hüte und Sonnencreme. Was für ein herrlicher Tag zum Bowlen. Was für ein guter Stoß, zwei Punkte für das rote Team aus Stanthorpe. Aber die Flaggen hängen auf Halbmast. An der Bar steht eine kleine Spendendose für die Katastrophenopfer. Die Barfrau verkauft gelbe Aidsschleifchen für einen Dollar pro Stück. Die gehen allerdings nicht so gut weg wie das Bier. Das Bier geht so gut, dass die Leute anfangen, eigene Lösungsvorschläge vorzutragen. Man sollte im Umkreis von zwei Kilometern um jedes Dorf alle Bäume roden. Große Wassergräben um vom Brand gefährdete Gebiete werden erwogen. Das Regenwasser aus Queensland sollte als Löschwasser in Victoria verwendet werden. Wie man es die Schnelle dorthin bekommt, ist eine Frage, die jetzt gerade mal nicht erörtert wird.

Rauchen in Victoria zu verbieten wird einer der Favoriten unter den immer lauter lachenden Männern. Als die Ideen ausgehen, wirft jemand die Frage nach der Schuld in den Raum. Einheitlich grölen die Farmer: „Die Greenies.“ Die Greenies, werde ich von einem rotnasigen Mann aufgeklärt sind an allem Schuld. Es sind nämlich, lerne ich, gottverdammte Weltverbesserer, die sich gegen die Waldrodungen einsetzen. Diese Schweine. In einen einzigen großen Nationalpark wollen sie Australien verwandeln und am besten alle Tiere unter Artenschutz stellen. „Erschossen gehören sie alle“, sagt Rotnase, also die Greenies, nicht die Tiere. Wenn er Präsident von Australien wäre, dann würde er alles ändern, in drei Tagen, sagt er. Die Greenies würde er verbieten. Und ihre Gesetze zum Umweltschutz gleich mit. Die sind ja schließlich daran Schuld, dass die Brände überhaupt ausgebrochen sind.

Am Tresen stehen die Schuldigen fest. "Erschießt sie!"

Dass im Fernseher an der Wand gerade die Nachrichten kommen und berichtet wird, dass die Polizei in mehreren Fällen von Brandstiftung ausgeht und auch schon einen Verdächtigen haben, stört ihn nicht. Aber ein Bier geht noch. Eine gelbe Aidsschleife hat Rednose auch am Kragen, man hilft ja, wo man kann. Und die Flaggen hängen auf Halbmast. Morgen gehe ich wieder Äpfel pflücken. Rednos wird wohl eher kein Präsident von Australien. I hope so.

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