Auf der Sonnenseite (8) : Unsere Australien-Kolumne: Kilometerschrubben in der Wüste

Für ein Jahr ist unser Autor Julius Wolf, 21, in Australien. Zwischenzeitlich ohne Auto, denn das ging bei einem Unfall drauf. Nun hat er einen neuen Wagen. Und ein Surfbrett - in der Wüste ...

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Foto: privat

Da steig ich aber nicht mit ein", schreit Ramona, lacht aber dabei, während ich mit einem neuen Auto auf den Campingplatz rolle. Sie ist die einzige, die bei meinem Autounfall letzte Woche ein bisschen was abbekommen hat. Ihr Rücken und ihre Brust schmerzen und sie hat ein paar blaue Flecke. Ich kann trotzdem immer noch nicht fassen, dass es nach drei Überschlägen und diesem Aufprall dabei geblieben ist. Das neue Auto ist das Auto von Joe, dem Feuerwehrmann. 2500 Dollar, meine gesamten Ersparnisse aus einem Monat Äpfelpflücken.

2500  Dollar - jetzt muss ich noch einen Monat Äpfel pflücken

Eigentlich wollte ich schon weiterreisen, aber daraus wird jetzt erstmal nichts. Mindestens noch einen Monat heißt es Äpfel. Aber wenigstens habe ich wieder Räder. Das Problem ist nur hier im unbürokratischen Australien: Das Auto muss noch registriert und versichert werden. Ein grünes Formular, 2T-B89 muss ich ausfüllen, was mich berechtigt, in ein gelbes Formular, 2T-AB4, genau dasselbe noch mal einzutragen. Dann haben sich irgendwelche Leute, in irgendeinem dunklen Büro drei Wochen damit beschäftigt. Die Herren sind sich schließlich einig geworden und erlaubten mir, ein blaues Formular zu unterschreiben. Nach drei, vier Wochen gehörte das Auto mir. Und ich durfte sogar das blaue Formular behalten.

Jetzt noch eine Woche pflücken, und dann geht es endlich weiter. Aber wohin? Wollen wir in Cairns tauchen, in Darwin schwitzen oder ganz in den Westen nach Perth? Die Entscheidung wird uns von Amelie und Ramona abgenommen. Sie wollen zusammen mit Martin, mit dem sie reisen, zum Ayers Rock und dann nach Darwin. „Gar keine Frage, ihr trefft euch mit uns am Berg", bestimmt Amelie, „keine Diskussion und nach Darwin fahrt ihr auch mit!" Was kann man da noch sagen? Ayers Rock, wir kommen. Das gibt uns auch die Gelegenheit Maren, Franzi und Zara wieder zu treffen, die mit einem Umweg über Cairns auch zum Ayers Rock wollten. Ramona, Amelie und Martin sind schon eine Woche früher abgefahren und die drei anderen sind schon seit zwei Wochen unterwegs. Es gibt also einen guten Vorsprung einzuholen.

Alle paar hundert Kilometer eine Tankstelle, sonst: nichts

Endlich sitzen Timo und ich im Auto und wir lassen Stanthorpe und seine Äpfel hinter uns. Der Kilometerzähler zeigt bei der Abfahrt knapp 126000 Kilometer an. Die Route, die wir uns ausgesucht haben, führt zuerst nach Norden zum Ort Toowoomba. Von dort aus geht es nach Westen bis nach Morven, wo wir das erste Mal auf einem Rastplatz übernachten. Der Kilometerzähler steht bei 127000. Von dort wieder ein Stück noch Norden bis Barcaldaine zum Capricorn Highway. Das ist der Highway 66, der von Rockhampton, bis in die Mitte Australiens führt. Durchs absolute Nichts. Zweite Übernachtung, 127800 Kilometer, Australien ist eben groß und weit. Am nächsten Morgen bei Licht: „Nichts, das gibt’s doch gar nicht." Aber es gibt es doch. Oder eher gesagt, es gibt nichts. Hier ist wirklich nichts! Wir fahren durch Gegend, durch Landschaft, von Zivilisation ungetrübte Landschaft. Alle paar hundert Kilometer ist da eine unverschämt teure Tankstelle, aber sonst ist da: Nichts.

Irre! Guckt mal! Ein Baum! Applaus im Auto

Manchmal fühlen wir uns unwohl und einsam, es kommen uns keine Autos entgegen, keins überholt uns, keins kann ich überholen. Über eine Strecke von 300 Kilometern begegnen wir niemandem. Nur Raben und kleinen Singvögeln und ab und an sieht man ein verwestes Känguru am Straßenrand. Wenigstens zeigt das, dass hier mal wer entlanggefahren sein muss und das Känguru totgefahren hat. Pflanzen sind auch sehr selten. Hier und da ein Strauch. Ein Baum wird von Timo und mir frenetisch gefeiert. Und hinter jedem kleinen Hügel erwarten wir irgendwas Neues. Ein Haus vielleicht oder wenigstens ein Strommast, aber es ist immer das Gleiche. Nichts. Mulmig wird einem da, es gibt auch kein Handynetz. „Sollte jetzt was passieren, dann haben wir ziemlich gelitten", sagt Timo. Sehr aufbauend, der Herr Timo, sehr aufbauend. Dann finden wir doch noch eine Stadt, mitten im Outback. Stadt? Mount Isa heißt die Häuseransammlung, und darin sind Minengesellschaften, Geschäfte, in denen die Ausrüstung für die Arbeit unter Tage angeboten wird und Liquor Stores, Läden mit der Ausrüstung fürs Saufen über Tage. Und es gibt sogar ein Handynetz. Amelie ist dran und sie klingt ziemlich fertig. Ihr Jeep, vor einer Woche gekauft, für 4200 Dollar ist kurz vor dem Ayers Rock verreckt. Motorschaden. Irreparabel. Sie sitzen in einem Resort am Kings Canyon fest und kommen nicht vom Fleck. Ich telefoniere noch mit den drei anderen Mädels, wir verabreden, uns so schnell es geht in Alice Springs zu treffen, um dann zum Canyon zu fahren und Amelie, Ramona und Martin zu helfen. Übernachtung Nummer drei, Kilometerstand 128700. In der vierten Nacht gönnen wir uns den Preis von acht Dollar pro Person, um auf einem Campingplatz mit Strom und Dusche zu bleiben, Kilometerstand: 129600. Am fünften Tag erreichen wir Alice Springs.

Nach 4000 Kilometer Fahrt geht's zu McDonald's

Ein wunderschönes Örtchen mitten in einer noch schöneren australischen Landschaft, sei Alice Springs wurde uns auf dem Campingplatz gesagt. Der Australier an sich ist hart im Nehmen. Alive Springs ist ein graues, kleines, hässliches Dorf, Mount Isa recht ähnlich, ich meine, ich habe es gesehen, mit eigenen Augen, in mitten von Bergen mit nichts drauf. Wir treffen Maren, Franzi und Zara bei McDonalds und fahren sofort weiter Richtung Kings Canyon. Die fünfte Nacht verbringen wir mit laut kläffenden Dingos und Millionen von Fliegen bei Kilometerstand 130400. Dann treffen wir Ramona wieder, aber ihre Begeisterung hält sich in Grenzen, sie wirkt geschlaucht und genervt. In dem Hotel, in dem sie gestrandet sind, haben zum Glück alle drei Arbeit gefunden. Martin hat es am Besten getroffen, er ist Gärtner und Poolreiniger, Ramona und Amelie aber putzen. Zimmer, Küchen, Klos, sammeln den Müll ein und fegen den Boden. Acht bis zehn Stunden am Tag. Aber immerhin, es ist Arbeit. Das ist Backpackerstyle, wenigstens ist es Arbeit.

Als wir am Abend zusammensitzen, besprechen wir den weiteren Verlauf. Die drei werden wohl ein paar Wochen bleiben und Geld verdienen müssen, wollen sich aber danach mit uns in Darwin treffen. Martin ist der einzige, der die Situation nicht zum Kotzen findet. Er versucht immer wieder, die beiden Mädchen aufzumuntern und lacht viel. Könnte aber auch an den süßlichen Rauchschwaden liegen, die um uns in der Luft wabern. Am Ende des Abends, an dem uns immer wieder Dingos umkreisen und die Fliegen endlich verschwunden sind, steht ein neuer Plan. Timo und ich werden mit Maren und den anderen Kings Canyon und Ayers Rock ansehen, dann nach Adelaide fahren und von dort fahren die Frauen nach Melbourne und Timo und ich nach Perth.

Ich: "Ich habe ein Surfbrett!" Mutter: "Was willst du damit in der Wüste?"

Anschließend wollen wir die Westküste hochfahren und Ramona und Amelie in Darwin wieder treffen, bis dahin hoffentlich mit neuem Auto. Wahrscheinlich gibt es kein Unglück ohne die andere Seite. Ramona und Amelie bitten mich noch das Surfboard, dass bei ihrem Jeep dabei war, auf mein Auto zu schnallen, weil sie es nicht mehr transportieren können. „Kein Problem", sage ich, ein Surfboard, kostenlos, immer her damit. Wahrscheinlich gibt es kein Glück ohne die andere Seite. Spät am Abend ruft meine Mutter aus Deutschland an. „Ja, schön mit dem Surfboard", sagt sie, „aber was willst du damit in der Wüste?" Das weiß ich jetzt auch nicht.


An dieser Stelle berichtet Julius Wolf, 21, regelmäßig von seinem Auslandsjahr in Australien.

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