Werbinich : Aus dem Nest gefallen

Kaan hat lange auf Anrufe gewartet, seit sein Vater auszog. Inzwischen ist er ihm fremd geworden. Timo erfuhr im Urlaub von seinen Eltern, dass sie sich trennen. Die Scheidung war ein Schock, auch Jahre danach ist die Vertrauenskrise nicht ganz überwunden. Aber man kann damit leben – und erwachsen werden

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Kaan ist zwölf Jahre alt, als seine Eltern sich trennen. Er versteht nicht, warum sein Vater sich nur sporadisch bei ihm meldet und an seinem Telefon die Mailbox ertönt, wenn er anruft. Kaan fühlt sich allein gelassen. Für die Trennung gibt er seiner Mutter die Schuld, weil die nicht mehr mit dem Vater zusammen leben will. „Deshalb habe ich damals gebockt“, sagt der heute 17-Jährige.

Kaans Vater ist spielsüchtig. Was das bedeutet, begreift der Sohn erst allmählich. „Heute weiß ich, warum meine Eltern immer gestritten haben, dass sie Schulden hatten und die Trennung besser für meine Mutter gewesen ist“, sagt der Abiturient. Er erinnert sich, wie schwer es war, an den Geburtstagen auf den Anruf des Vaters zu warten – der nicht kam. Und dass er sich in der Pubertät einen Mann zum Reden gewünscht hätte. Die vielen Enttäuschungen hätten in ihm ein Gefühl von Hass gegen seinen Vater wachsen lassen. Ihr Verhältnis bricht. Sie hören und sehen sich drei Jahre nicht. Derzeit nähern Vater und Sohn sich an. Es sei ein gekränktes Verhältnis, sagt Kaan. „Er ist immer noch mein Vater. Aber es ist schon eigenartig, wenn eine der wichtigsten Personen in deiner Kindheit weniger Zeit mit dir verbracht hat andere.“

So wie Kaan ergeht es vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Im vergangenen Jahr wurden elf von 1000 Ehen getrennt. Insgesamt gingen rund 187 000 Ehepaare auseinander. Das ist der höchste Stand seit der Wiedervereinigung. Bezogen auf die Einwohnerzahl wurden besonders häufig Ehen in Berlin geschieden. Für die Kinder von geschiedenen Eltern bedeutet das erst einmal Krise. „Durch die gehen alle Scheidungskinder“, sagt Dieter Blume von der Erziehungs- und Familienberatung beim Bezirksamt Reinickendorf. Zwar gebe es nicht den typischen Weg eines Scheidungskindes, doch begegneten Heranwachsende sich ähnelnden Problemen: Denn sie lieben das Beständige. Und sie lieben Mutter und Vater und mögen keine Ersatzeltern. Wohnungs- und Schulwechsel, materielle Einschränkungen, Besuchsregelungen. Hinzu kommen Gefühle von Wut, Trauer, Angst und Schuldgefühlen. „Scheidung der Eltern bedeutet sich hilflos und allein gelassen, auf sich allein gestellt zu fühlen, weil die Eltern zu sehr mit sich beschäftigt sind“, sagt Kaan.

„Nach der Trennung fallen viele zunächst einen Schritt in ihrer Entwicklungsstufe zurück, in Richtung der Zeit, in der sie sich sicher fühlten, als die Eltern noch zusammen waren“, sagt Dieter Blume. Deshalb reagierten viele Jugendliche plötzlich auf eine kindliche Weise. So könnten sie sich zwar nicht gegen die Trennung wehren, aber diesen Druck beispielsweise durch ein verändertes Lernverhalten kompensieren. „Diese Phase müssen die Eltern akzeptieren. Wichtig ist, dass sich dieser Zustand irgendwann wieder normalisiert.“ Fest steht: Wenn Mutter oder Vater ausziehen, geht unwiederbringlich eine Epoche zu Ende. Das Nest zerbricht und der Ort der Zuflucht und die vertraute Kontinuität reißen ab. Die Eltern schauen nach vorne, aber ihre Kinder trauern dem Verlorenen hinterher. Zumindest erst einmal.

„Das Ausmaß der Krise hängt damit zusammen, wie lange, heftig und intensiv eine Auseinandersetzung zwischen den Elternteilen ist und der Kontakt zu ihnen aussieht“, sagt Blume. Im schlechten Fall geraten die Scheidungskinder zwischen die Fronten und landen in einem Loyalitätskonflikt. So wie Timo. Er und seine Schwester hatten von den Problemen seiner Eltern vor der Trennung nichts mitbekommen. Im Urlaub hätten sie ihnen dann in Einzelgesprächen mitgeteilt, dass sie sich trennen würden und sie sich keine Hoffnung machen sollten. „Meine Schwester ist danach für zwei Jahre in ein Internat ins Ausland und ich war mit der Sache allein“, sagt der 15-Jährige. Die Trennung habe er erst einmal verdrängt und seine Mutter zur Schuldigen gemacht, weil die mit ihrer Liebe zu einem anderen Mann alles kaputt gemacht habe. „Ich habe ihr nicht geglaubt, dass es vorher schon Probleme gab“, sagt Timo. Deshalb sei er auch zu seinem Vater gezogen. Doch habe auch der nach einem Monat eine neue Freundin gehabt.

Das ist jetzt drei Jahre her. Noch immer ist Timo vom schlechten Gerede seiner Eltern über den jeweils anderen genervt. Auch wenn das besser geworden sei. „Das macht mich heute noch wütend, weil ich damals nicht wusste, wem ich glauben soll“, sagt der Schüler. Mit Hilfe der Jugendberatung hat er verstanden, dass er das auch gar nicht muss. Auch waren die Freunde wichtig, deren Eltern ebenfalls geschieden waren. „Freundschaften können in dieser Zeit das verlorene Gleichgewicht ausbalancieren“, sagt Familienberater Dieter Blume. Unterstützend sei, dass Scheidung heute für die Kinder kein Stigma mehr sei. Für die meisten ist diese Tatsache zum „Normalfall“ geworden. Die Frage ist nur, wie sie damit umgehen lernen.

Das Wissen darüber hat Sonja lange gefehlt. Auch, weil nach ihrer Geburt nur die Mutter da war. „Mein Vater hat sich verpisst und später eine andere geheiratet“, sagt die 19-Jährige trocken. Ihre Mutter habe viel arbeiten und sie deshalb auf die Geschwister aufpassen müssen. Ein Haushalt voller Frauen, bis ihr Stiefvater eingezogen sei, den sie nicht akzeptiert habe. Sonja rebelliert. Mit 15 Jahren fliegt sie zu Hause raus. „Heute weiß ich, dass da diese Lücke war, weil ich meinen eigenen Vater nicht kannte“, sagt Sonja. Und erinnert sich, wie sehr sie sich im Vorfeld gefreut hat, als sie vor drei Jahren ihren Vater übers das Jugendamt kennen lernen sollte. Sie stellt fest: „Wir sahen uns ähnlich. Das war’s.“ Ihre Hoffnung auf eine gute Vater-Tochter-Beziehung habe sich nicht erfüllt. „Diese Erkenntnis habe ich wohl gebraucht, um zu realisieren, was Vater und Mutter zu haben bedeutet.“

Mit dieser Einstellung sei Sonja auf einem guten Weg, sagt Dieter Blume. Und damit ist sie nicht allein. Studien belegen, dass die große Mehrheit der Scheidungskinder im späteren Leben anderen in nichts nachsteht, etwa was ihre Beziehungsfähigkeit angeht oder den Erfolg in Schule und Beruf. Denn auch eine Familie, in der alle Mitglieder zusammen leben, bedeutet nicht eine heile Welt. Vielmehr ist die Qualität der Beziehungen ausschlaggebend dafür, ob die Kinder zu stabilen Persönlichkeiten heranwachsen. Timo glaubt, dass er die Trennung schlechter verkraftet hätte, wenn er noch jünger gewesen wäre. Sonja hätte sich gewünscht, die Trennung ihrer Eltern miterlebt und dann selbst entschieden zu haben, bei wem sie lieber hätte leben wollen. Sie glaubt, dass sie früher erwachsen geworden ist. Doch therapeutische Gespräche haben ihr geholfen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.

Eine klare Vorstellung von einer gesunden Beziehung hat Sonja noch nicht. Nur eins weiß sie: Dass sie es später mal anders machen will. „Wenn eine Ehe auseinandergeht, ist es wichtig, dass das Kind Kontakt zu beiden Eltern hat. Das macht das Leben in jedem Fall einfacher“, sagt Sonja. Kaan hat sich gefühlsmäßig geöffnet, seitdem Mädchen für ihn interessant geworden sind. „Ich will selbst gerne einmal heiraten und eine Familie gründen. Bei vielen anderen funktioniert sie ja schließlich auch“, sagt der 17-Jährige.

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